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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-26 · Heft 17 (26.4.1895) · p. Seite 199

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 17 (26.4.1895)
Date
1895-04-26
Page
Seite 199 (sequence 9)
Language
German
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199 Vorwurf unbegründet, unwahr verallgemeinert und boshaft ist, ihr religiöses Bewußtsein, ihr heutzuiage leider schon genug schwaches religiöses Gefühl hat ein abkühlendes Sturzbad erhalten. Und dann wie manche falsche Idee über Juden und Judeuthum wird dabei in den Geist, zu wie manchem Vorurtheil das Samenkorn in das nrtheilslose kindliche Gemüth der nichtjüdischen Kinder gesenkt! Mag net Lehrer noch jo ernstlich bestrebt sein, die Stelle als vorurtheilsfrei;u erklären, gilt trotzdem nicht auch hier das semper aliquid iiaeret? Und ist nicht der Fall denkbar, daß der eine oder der andere Lehrer nicht ganz frei von antisemitischen Anwandlungen ist, aaß er durch ein leicht hingeworfenes Wort, ein ironisches Lächeln, eine vielsagende Handbewegung diese Anwandlungen zum Ausdruck zu bringen sucht? Oder wenn er gar frei und offen von seiner antisemitischen Leber weg zu sprechen gewohnt ist, wie sich ja leider auch immer mehr Fälle ereignen, bietet ihm dann eine derartige Stelle nicht einen willkommenen Aiiknüpflingspunkt? Darum hinweg mit derartigen Stücken ans unseren Schulen, hinweg mit den Lesebüchern, die derartige Stücke enthalten, aus den Händen unserer Einder! Und sie ist nicht klein, die Zahl solcher Bücher. Wie häufig;. B. findet sich das obengenannte Gedicht in unfern Lesebüchern! lind hier ist der Punkt, wo ich angesetzt wissen möchte. Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der so segensreich thätig ist, könnte sich hier kein geringes Verdienst erwerben, wenn er eine Zusammenstellung derartiger Lesebücher veranlassen und dann den Herausgebern und Verlegern die Bitte nahelegen würde, bei einer Neuauflage aus ein solches Stück zu verzichten. Sicherlich würden viele nicht mit Nein antworten. Die Bücher solcher Herausgeber aber, die derartige Nummern nicht entbehren zu können glauben, sollten ein für allemal von jüdischen Ichulen ausgeschlossen sein. Eine kleine Liste solcher Bücher, von Zeit zu Zeit veröffentlicht, würde gewiß ihres Erfolges nicht entbehren. Ich bin gern bereit, eine kleine Zusammenstellung derartiger Bücher eventuell dem Centralverein zur Verfügung zu stellen und bitte deshalb Kollegen und Freunde der Idee um Namhaftmachung solcher Schulbücher, gleichviel welchen Inhalts. (Angabe des Titels, Herausgebers und Verlegers.) Das ist sicherlich auch eine Abwehrbestrebung und vielleicht nicht die erfolgloseste, denn auch hier gilt es: Wer die Schule hat, hat die Zukunft. Me Beziehungen des Marquis de Langallerie zu den Juden.!) Von Prof. Dr. David Kaufmann. o sehr man auch den Inden das aktive und passive Wahlrecht bei den großen Weltbegebenheiteu, sozusagen die Geschichtsfähigkeit zu nehmen sich angelegen sein ließ, so haben sie doch au dem, ich möchte sagen, anonymen Theile der Weltgeschichte weidlich mitgearbeitet. Mag auch die jüdische Litteratur an Quellen für die allgemeine Geschichte arm sein, obzwar sie auch daran reicher ist, als man gewöhnlich annimmt, so haben doch die Juden selber zu allen Zeiten allen größeren und kleineren geschichtlichen Vorgängen so nahe gestanden, daß von ihnen die werthvollsten Aufschlüsse darüber wären zu erlangen gewesen. Beh Die Quellen s. in meiner Abhandlung ,, Revue des etudes .juives“ 28, 205-211. sonders waren es die Verbindungen einzelner Juden mit den großen Individuen, den treibenden Faktoren, den Heroen der Weltgeschichte, die sie zu Ereignissen und Bewegungen in enge Beziehung setzte, von denen man bei ihnen kaum eine Kenntniß vermuthen sollte. Und nicht immer waren es gerade Finanzmänner und Aerzte, die diese Beziehungen unterhielten, oft waren es gerade die sogenannten kleineren Leute jüdischen Glaubens, die durch besondere Gaben, Findigkeit und Zuverlässigkeit, Anstelligkeit und Menschenkenntniß den Großen dieser Erde und den führenden Geister» der Geschichte so menschlich nahe traten, daß wir es im Interesse der wahren Geschichtskunde beklagen müssen, nicht in den Besitz historischer Aufzeichnungen von dieser Seite her gelangt zu sein. Diese oft gehegten Gedanken wurden von Neuem in mir angeregt, als ich in einer vergessenen Handschrift der Wiener Hofbibliothek 11.263 (Ree. 1254), einem in Pergament gebundenen Notizbuch eines in Amsterdam lebenden Juden Namens Alexander Süßkind nach allerlei geschäftlichen Aufzeichnungen und hebräischen Briefen das Instrument des Vertrags eingeheftet fand, den ein in allen Titeln schillernder Marquis von Langallerie mit dem Gesandten des Sultans zur Vertreibung des Papstes ans Rom schloß. Wer war dieser seltsame Marquis, der sich mit so abenteuerlichen Plänen trug? Und was hat den jüdischen Schulmeister, von dem man bisher nur wußte, daß die hebräische Grammatik sein Arbeitsfeld war, in die Nähe so merkwürdiger geschichtlicher Vorgänge gebracht? Messire Philippe de Gentil, Marquis de Langallerie, Chevalier Seigneur de la Motle-Charante, Tomie-houtonne et Biron, Lieutenant de Roy et premier Baron de la province de Xaintonges, um einige seine Titel zu nennen, war in den zwei ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts so sehr ans aller Welt Lippen, wie er heute vergessen ist. Einer alten und stolzen Adelsfamilie Frankreichs 1656 in la Motte in^ der Provinz l’Engoumois entsprossen, war er wie so Viele in seiner Zeit, wiewohl zum geistlichen Stande bestimmt, unversehens in die militärische Laufbahn hineingerathen. Ein Pistolenschuß, mit dem er zur Ueberraschnng der Seinen in seinem achtzehnten Jahre als Rächer der Ehre seiner Mutter einen verliebte» Kavalier niederstreckte,') gab ihm gleichsam die Feuertaufe und entschied damit über sein Lebensschicksal. In die Armee Ludwig XIV. eintretend, tvar er durch Tapferkeit, ganz besonders aber durch die Fürsprache seiner allmächtigen Gönnerin, der Frau von Maintenon, rasch die Leiter der militärischen Grade emporgestiegen und zum Generallieutenant befördert worden. Wiewohl er aber zweiunddreißig Feldzüge mit der französischen Armee initgemacht?) und die Freundschaft der großen Heerführer seiner Zeit, der Marschälle Catinat und Bendome genossen hatte, besann er 1705 sich keinen Augenblick, nachdem Frau von Maintenons Gunst in Haß gegen ihn sich verwandelt hatte, sich in den Dienst des Kaisers zu stellen, der ihn als Feldmarschall-Lieutenant in sein Heer aufnahm. Während er daheim als Deserteur, wie Duclos i» seinen Memoireick) überliefert, auf den Befehl Ludwigs XIV. in effigie gehängt wurde, kämpfte er unter dem Oberbefehl Prinz Eugens von Savoyen, dem er sich zur Verfügung gestellt hatte, als öster- -) Memoires du Marquis de Langallerie (a la Haye 1743) p. 10. 8) Guillot de Mareilly, Relation liistorique et theologique d’un voyage en Hollandie (Paris 1719) p. 16. 4) Nouvelle collection des memoires pour servir a l’histoire de la France. Troisieme serie X, 448 n. 4. In dem Manifeste de Philippe de Gentils, ecrit par lui meme eti 1706 (Cologne 1707, 4°) legt er die Gründe dar, warum er Frankreich verlassen.

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