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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-26 · Heft 17 (26.4.1895) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 17 (26.4.1895)
Date
1895-04-26
Page
Seite 195 (sequence 5)
Language
German
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195 Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbel. «achdemdieMannschaften jüdischer Konfession derGumbinner Garnison in neuerer Zeit so bedeutend sich vermehrt, hielt es der Schreiber dieser Zeilen als Prediger der dortigen indischen Gemeinde für angezeigt, die Militärbehörde um eine gebührende Berücksichtigung des gottesdienstlichen Bedürfnisses derselben enzngehe». Wir richteten daher ein diesbezügliches Gesuch an das Varnisons-Kommando dahin gehend, daß die Soldaten jüdische» i ilaubens wenigstens e i n Mal in jedem Monat den Gottesdienst m besuchen angewiesen werden sollte». Hierauf erhielten wir jolgrnden Bescheid: „Euer Wohlgeboren theilt das Garnison-Kommando auf das schreiben vom 10. d. Mts., betreffend den Kirchenbesuch der Mann- 'chaften jüdischen Glaubens, ergebenst mit, daß die Truppentheile der 'Garnison angewiesen worden sind, die Mannschaften am ersten Zonnabend in jedem Monat zum Besuch des Gottesdienstes in der! iesigen Synagoge zu kommandiren." Wir haben wohl nicht nöthig zu konstatiren, daß uns dieses laugehen auf unseren Wunsch mit ganz besonderer Genngthunng rfüllte. Denn abgesehen davon, daß die jüdischen Angehörigen der Armee hierdurch in eine gewisse Gleichstellung mit ihren christlichen Kameraden gelangen, wird auch hierbei Gelegenheit gegeben, die ungen Leute in Fühlung mit ihrer Religion z» erhalten. Allein ian kann auch diese» Umstand benutzen, durch belehrende Borträge tenntniß und Wissen vom Judenthum, welche beide leider so värlich bei unserer jungen Generation vorhanden, de» Theilnehmern es Gottesdienstes zuzuführen. Wir haben solches bereits gethan nid werden auch in der Zukunft bei jedem dieser Gottesdienste urch kurze Ansprachen diesen Gedanken zu verwirklichen suchen. Der jüdische Soldat kann hier so Manches über die Bedeutung seiner Religion und über die Geschichte des jiidischeu Volkes erfahren, was hm im Civilstande kaum zum Bewußtsein kommt, da die religiöse Gleichgiltigkeit leider bei unserer Jugend ein ebenso erwiesenes wie lllgemeines liebet ist. Und darauf hin schon möchten wir die Nachchinung unseres Verfahrens an allen Orten empfehlen, wo eine größere Anzahl jüdischer, junger Leute ihrer Militärpflicht Genüge zu leisten hat. Am 25. Dezember v. I. feierte der jüdische Prediger der Ge- »einde Insterburg seinen siebzigsten Geburtstag, oder richtiger die Vollendung seines siebzigsten Lebensjahres. Der Jubilar hat in gelaunter Gemeinde eine 32jährige Amtsthätigkeit hinter sich, wo er ui allen Zeiten aufs Beste und Redlichste bemüht gewesen, dem eligiösen Leben zu dem möglichsten Gedeihen zu verhelfe». Er hat s dabei verstanden, die Liebe und Verehrung seiner Gemeinde in >em Maße sich zu erwerbe», wie dies bereits vor sieben Jahren, wo r sein 25 jähriges Amtsjubiläum feierte, in so solenner Weise zum Ausdruck kam und auch jetzt de» gebührenden Nachhall fand. Am Vormittage erschien der Gemeiudevorstand unter Führung seines Vorsitzenden, Herrn Eichelbaum, zur Gratulation. Letzterer richtete lerzliche Worte der Anerkennung für die geleisteten Dienste im Amte au den Jubilar und verknüpfte damit den Wunsch, daß es demselben vergönnt sein möge, noch recht lange bei guter Gesundheit und eegem, frischem Geiste seinem heiligen Berufe obliegen zu können. Auch die Schule nahm hier Gelegenheit, den verehrten Lehrer durch verschiedene allerliebste Geschenke ihre Dankbarkeit zu erkennen zu gebe»; in gesonderten Abtheiluugen erfüllten Knabe» und Mädchen diese schöne Pflicht. Die Schulinspektion des Ostprenßischen Gemeinde-Verbandes gab den Leistungen des Jubilars als Mitglied der Inspektion Anerkennung durch Widmung einer wunderschön ausgestatteten Adresse, mit deren Ueberreichung der Schreiber dieses betraut worden war. Die Worte, die wir dabei an den greisen Kollegen richteten, galten ebensowohl der Würdigung der Arbeit auf diesem Gebiete, deren Schwierigkeiten wohl nur allein von denen ermessen werden können, die selbst dazu berufen sind, in einer Zeit für Stärkung und Belebung des religiösen Geistes zu wirken, wo dieser mit so vielen Gegenströmungen zu kämpfen hat, als wir dabei den Wunsch auch darlegten, den Jubilar noch recht lange als treuen Genossen im Dienste der Schule zu besitzen. Insterburg gehört zu den Städten, in welche» die jüdische Gemeinde erst in den letzten Dezennien zur größeren Bedeutung gelangt ist. Vor dieser Zeit besaß die Gemeinde nicht einmal einen eigenen Friedhof, und bei eintretenden Sterbefüllen mußten die Leiche» nach dem Gumbinner Begräbnißplatz gebracht werden. Jetzt iudeß gehört die Gemeinde zu den blühendsten. Wir möchte» nun noch eines schönen, humanen Falles erwähnen, der uns bei unserer jüngsten Anwesenheit dort zur Wahrnehmung gekommen. Wir lernten da einen jungen Mann kennen, der aus Rußland herübergekommen, um sich die Vorbildung zum Kronrabbiner, welches Ziel er ins Auge gefaßt, zu erwerben. Es hat anfangs Mühe gekostet, um sein Verbleiben hier als Ausländer zu ermöglichen. Nachdem nun solches gelungen, übernahm es die Gemeinde in Insterburg, ihn bei seinem Vorhaben durch Versorgung mit Logis und Kost zu unterstützen, was gewiß sehr anerkennenswerth ist. Mehr als dieses jedoch möchten wir hervorheben, daß zwei christliche Lehrer am dortigen Gymnasium es unentgeltlich übernommen haben, dem jungen Mann privatim Unterricht im Lateinischen, Griechischen u. zu ertheilen, um ihm die Reife zur Ablegung des nöthigen Examens zu verleihen, da er zu seinem Zwecke alsdann ein Berliner Rabbinerseminar anfznsuchen die Absicht hat. Gleich angenehm berührt fühlt man sich, wenn man von der Toleranz vernimmt, welche die protestantische Geistlichkeit bei Gelegenheit der Einweihung der neuen Synagoge in Sensburg au den Tag gelegt hat. Der Einladung des dortigen Synagogen-Vorstandes folgend, näl)>n sie innigen Antheil an dem Akte, der für ihre jüdischen Mitbürger von so hoher Bedeutung war. Diesen Männern, sowie den übrigen christliche» Notabel», die der Einweihung beiwohnten, dem Herrn Landrath, der jüdischen Behörde, wissen wir Juden, besonders in Ostpreußen, es Dank, daß sie in dieser Weise ein Beispiel gegenseitiger konfessioneller Achtung in einer Zeit gegeben, wo andernorts die Verhetzung der verschiedenen Glaubensbekenntnisse so sehr an der Tagesordnung ist und jede humane Aeußerung aufhört zu existiren, wo es um Angelegenheiten der Juden sich handelt. Wir können wohl behaupten, daß Ostpreußen noch frei von jener Epidemie ist, die sich unter der Bezeichnung Antisemitismus eine Bedeutung erworben, die ihr sogar in den Parlamenten eine Stelle gewährt und trotz der moralischen Vernichtung des größten Theils ihrer Verbreiter noch nicht aufgehört hat, sich als Heilmittel aller soziale» Mißstünde aufzuspielen. Einen speziellen Bericht über die Eiuweihuug des Gotteshauses zu geben, erachten wir nicht für nöthig, da sie in der erhebenden Weise sich vollzog, wie wir sie ja so oft an dieser Stelle zu lesen bekommen. Wie groß die Verminderung ist, welche die Auswand erung der Juden aus Rußland in der jüngsten Zeit erfahren hat, läßt sich am besten auf den Grenzstationen erkennen, wo früher die dortigen Beamten in einer Weise zu thun hatten, daß sie kaum Herr ihrer Arbeit werden konnten. In gar nicht seltenen Fällen mußten direkte Wagen für die zu Befördernden eingestellt werden. Wer früher nach Insterburg kanr und das bunte Treiben der Menge gewahr

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