Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1895)
- Date
- 1895-04-26
- Page
- Seite 194 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Wenn wir auch nicht so weit gehen, wie dieser geistvolle Vorkämpfer der Neuorthodoxie, so meinen wir doch auch, daß ein großes Stück Wahrheit in seinen paradoxen Ausführungen liege- Wir haben andere und höhere Aufgaben zu lösen in einer Zeit, in der die Grundsäiilen des Glaubens wanken, in der der Abfall überhand nimmt und der ödeste Jndifferentismus sich breit macht, während ein gehässiger Feind vor den Thoren steht, um uns Alle zu vernichten, wohlgcinerkt: Alle, gleichviel, ob wir die Thora deutsch vorleseu oder mit dem alten Trop, ob wir mit gemischtem Chor oder in wilder Regellosigkeit zu Gott beten. Das Facit unserer Beobachtung ist dies: Was uns vor Allem Noth thut, ist Einigkeit. Was uns ferner Noth thut, ist Duldung für alle ehrlichen religiösen Ueberzeugmigen und gleichmäßige Berücksichtigung derselben. Verbittern wir uns nicht Einer wider den Andern mit den alten abgebrauchten Schlagwörtern, die gegenüber der neugeschaffenen Situation längst ihre Bedeutung verloren habe», und beherzigen wir auch hier in diesem Falle die Worte des weisen Nathan: „Nnr muß der Eine nicht den Andern mäkeln — Nur muß der Knorr de» Knubben hübsch vertragen — Nur muß ein Gipfelchen sich nicht vermesse», — Daß es allein der Erde nicht entschosten." Air Woche. Berlin, 24. April. erschiedene Blätter, die gut unterrichtet zn sein Pflegen, _ beschäftigen sich mit der Frage, wie viel Wahrscheinlichkeit für die Annahme oder Zurückweisung der einzelnen Beschlüsse der Umsturz ko mm i ss i on durch die verbündeten Negierungen spreche. Es heißt in einem solchen Artikel zum Schluß: „Endlich würden wir es für wünschenswerth halten, daß man die von der Kommission beschlossene neue Fassung des § 166 fallen läßt und den Schutz der Religion gegen Beschimpfungen und öffentliche Angriffe, die in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise erfolgen, wieder, wie nach der Regierungsvorlage beabsichtigt, in den 2. Absatz des 8 130 hineinnimmt. Jedenfalls halten wir es für ausgeschlossen, daß die Ausdehnung der neuen Strafbestimmung auch auf die Beschimpfung der Lehren „einer der christlichen Kirchen oder einer anderen mit Korporationsrechten innerhalb des Landesgebietes bestehenden Religionsgesellschaft" aufrecht erhalten bleibt" £ Wohin der Antisemitismus konsequent führen muß, das konnten ehrliche Patrioten wieder in der letzten Versammlung des „Vereins zur Förderung des Dentschthums in den Ostmarken", die am Mittwoch in Graudenz stattfand, erfahren. Der Vorsitzende, Herr v. Tiedemann-Seeheim, berührte in seiner Ansprache u. A. die Thatsache, daß in den Kreisen Birnbaum, Meseritz und Samter der Antisemitismus eine bedenkliche Richtung einschlage mib daß der deutsche Schutz-Verein genöthigt sei, sich gegen allerlei Verdächtigungen zu wehren. Der Verein sei jetzt ungefähr fünf Monate alt, zähle aber doch schon in den Ostmarken 3000 Mitglieder und im Reiche etwa 8000, darunter sehr viele Israeliten. In derselben Versammlung bemerkte noch Herr Viktorius sen., Graudenz, daß in letzter Zeit in Folge des immer heftiger in verschiedenen Bezirken auftretenden mit Verrufserklärungen vorgeheiiden Antisemitismus z. B. viele Eisengeschafte in wurden und dann in der Regel in Polenhände übergegangen seien, so daß die Antisemiten geradezu den Polen in die Hände arbeiteten! £ In einem Artikel „Schutzjuden oder Staatsbürger" in der Wiener „Zeit" beklagt sich Dr. S. R. Landau über die Recht- Ungleichheit in Oesterreich. Dort heißt es: „Im Zeitalter der Koalition erklärte man einem jüdischen Chemikc in Lemberg, der Finanzminister habe verboten, einen Juden bei de; galizischen Brennereien anzustellen; der liberale Minister Plener lies; einem jungen Doktor, der in Brünn Finanz-Konzepts-Praktikant werde' wollte, durch den Abgeordneten Dr. Weeber sagen, er solle sich liebe der — Advokatur widmen; unter der Koalition wird kein Jude zu eine; politischen Amte zugelassen, wird kein Jude Auskultant, und der Beann des liberalen Handelsministers, Hofrath Seferowicz in Lemberg, erklär! einem Petenten, die sechs Prozent der Juden, die in die galizische Posi und Telegraphenverwaltung ausgenommen werden, seien bereis voll. Verweilen wir einen Augenblick beim Prozentsatz! Machen wir so, wie in Rußland. Dort haben die Juden alle Pflichten, auch di. Blutsteuer, Vaterlandsliebe, Loyalität voll, aber die Rechte nur — io Perzenten. Die Koalition hat ja so manche Eigenschaften, wie Autokratie, faktische Censur, das Festklammern an die Gewalt mit dem Reich Väterchens gemein, das ihr noch durch die Kolportage an Freiheit sogar „über", aber die Juden wissen dort wenigstens, woran sie sind und geben sich keinen Illusionen hin. Wie würde es denn mit der Verleihung von Beamtenstellen nach Prozentsätzen bei uns stehen? Der preußische Landrichter Karl Kade ha? in seiner Schrift „Der preußische Juristenstand" in den „Preußischen Jahrbüchern" Jahrgang 1894, S. 272 einen ähnlichen Vorschlag für Deutschland gemacht. Die Juden bilden in ganz Oesterreich ca. secch Prozent, in Galizien allein ca. zwölf Prozent der Bevölkerung. Wo sind sie nun jetzt in der Beamtenschaft vertreten? Ausführlich hier daraus einzugehen, würde zu weit führen, hier mögen nur einige Daten ab Stichproben angeführt werden. Die höchste Rangklasse, die ein Jude in der Justizhierarchie bekleide! ist die eines Landesgerichtsrathes, und auch dies erst seil Juli 189:; In Deutschland, da sind sie freilich auch Oberlandesgerichtsräthe, un> in Ungarn sogar Mitglieder der königlichen Tafel. Im österreichischen Oberlandesgerichtssprengel befinden sich 17; Landesgerichtsräthe, darunter ist — ein Jude; 130 Rathssekretäre und Bezirksrichter, darunter — sechs Juden; 266 Gerichtsadjunkten, dar unter — acht Juden; und 193 Auskultanten, darunter — ein Jude Rechnen wir noch hierzu die 24 Oberlandesgerichtsräthe und 33 Slaato anwälte, sowie die Substituten, so bekommen wir eine Anzahl von 81! richterlichen Beamten, und darunter 16 Juden, also kaum zwei Prozen!. Trotzdem hat der Personal-Referent im Justizministerium einem jüdischer Adjunkten, der, nachdem er 13 Jahre dieses Amt bekleidete, so frei war. sich um eine Rathssekretärstelle zu bewerben, erklärt, „wir haben schvi' zuviel jüdische Richter". In Galizien finden wir unter 120 Landesgerichtsräthen einen Juden, unter 173 Rathssekretären und Bezirksrichtern drei, unter 31! Adjunkten 18 Juden, und überhaupt nur einen jüdischen, vor acht Jahren ernannten, systematisch seit zwei Jahren präterierten Auskultanten. In; Ganzen ca. vier Prozent jüdischer Gerichtsbeamten. Da in den letzten acht Jahren in Oesterreich, und zwar bereits vor drei Jahren nur ein jüdischer Auskultator ernannt wurde, so ist für dir Zukunft die „Judenreinheit" der Gerichte gewahrt. In die politischen Aemter werden mit Ausnahme der Wiener Polizei-Direktion nirgend- Juden zugelassen; jetzt soll noch der nunieru8 elausus in der Advokatur kommen. Der jüdischen Intelligenz öffnen sich neue — Ghettos; den: jüdischen Kaufmannstande, Dank dem „liberalen" Handelsminister, der schon als steiermärkischer Abgeordneter in der Linken dafür eintrat, daß man den Deutschnationalen ein Thürchen offen lasse, neue Bahnen - nach rückwärts, die mittelalterlichen Zünfte, Befähigungsnachweis für den Handelsstand, Beseitigung des Raten- und Hausirhandels u. s. f." den kleinen Slädien des Ostens von jüdischen Inhabern verkauft! -»