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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-19 · Heft 16 (19.4.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 in Malaczka in hohem Alter gestorben, wo er 43 Jahre segensreich gewirkt hat. — Hier>erschied am 11. d. M. Frau Josephine Fischer, Direktrice der israelitischen Kinderbewahranstalt in Wien, im 58. Lebensjahre. Die Verblichene war an der Seite ihres um die Kindergartensache hochverdienten Gatten, Direktors Albert S. Fischer, seit 33 Jahren unermüdlich in ihrem Berufe thätig und war tausenden von Kleinen eine liebevolle Pflegerin Italien. 8. Nom, 33. April. Vor einigen Wochen hat sich einer der verdientesten'Offiziere der italienischen Armee in das Privatleben zurückgezogen, der Oberst Enrico Guastalla, der zugleich eine Zierde der italienischen Judenheit war. Er war 1826 in Gustalla geboren und hatte sich in seiner Jugend den Geschäften gewidmet, aber als die Revolution ausbrach, gab er seinen Kaufmannsberuf auf, um sich an dem Kampfe für die Einheit Italiens mit den Waffen zu betheiligen. Er kämpfte bei der Vertheidigung von Rom gegen die Franzosen und nahm an vielen anderen Kämpfen theil; für seine Tapferkeit in dem Treffen von Vascello wurde er Lieutenant. Nach dem unglücklichen Ausgange des Feldzuges flüchtete er nach Pyrmont und 1858 ging er nach England, wo er sich Mazzini anschloß. Im Kriege gegen Oesterreich trat er wieder 1859 als gemeiner Soldat ein, kam zu dem Korps Garibaldis und stieg von Stufe zu Stufe aufwärts. Er gehörte der Zahl der Tausend an, die unter Garibaldi auf Sizilien landeten und kämpfte in allen Treffen und Schlachten, bis er am 1. Oktober 1860 im Kampfe am Volturno verwundet wurde. Kaum genesen und inzwischen bis zum Oberst avancirt, schloß er sich wieder Garibaldi bei seinem Angriff auf Nom an und gerieth mit ihm bei Aspromonte in Gefangenschaft, worauf er in der Festung Finistrelli internirt wurde. Als aber 1866 der Krieg mit Oesterreich wieder ausbrach, war er sofort wieder an der Seite Garibaldis, nahm an den Kämpfen bei Como, Brescia, Lenato, Salo und dem Feldzuge in Tyrol Theil und zeichnete sich überall aus. Er errang die Militär-Verdienstmedaille, den Orden von Savoyen, wurde ferner Offizier des Ordens von St. Maurizio und St. Lazzaro, Kommandatore des Ordens der italienischen Krone mit) endlich jetzt am 7. Februar 1895, als er jetzt zurücktrat, Kommandatore des Ordens von St. Mauritio. Oberst Enrico Guastalla ist eine der glänzendsten Gestalten des italienischen Freiheitskampfes und wird in der italienischen Geschichte als Freund und Mitkämpfer des Nationalhelden Garibaldi fortleben. Amerika. n. New-Aort, 1. April. Das vor Kurzem auf Long Island errichtete Heim, welches bekanntlich bestimmt ist, jüdischen Arbeiterinnen Rast und Erholung in den Sommermonaten zu gewähren und ihnen durch den ländlichen Aufenthalt frische Kraft zu verleihen, macht erfreuliche Fortschritte. Nach dem soeben zur Ausgabe gelangten Bericht haben während des verflossenen Sommers 164 Mädchen Unterkunft gefunden. Leider mußten aus Mangel an Raum weitere 30 Petenterl abgewiesen werden. Es ist selbstverständlich, daß in diesem jüdischhumanitären Institut die Speisen nach dem Ritual zubereitet werden, wenn auch dadurch der Ausgabeetat bedeutend sich erhöht. Trotzdem gelang es den verdienten Vorsteherinnen dieses Instituts, die nöthigen Mittel aufzutreiben; sie haben nunmehr noch zwei weitere Häuser in Miethe genommen, sodaß in dem beginnenden Sommer noch eine größere Anzahl Arbeiterinnen wird ausgenommen werden können. Afrika. n. Mogador, im April. Wie Ihnen s. Z. Ihr Korrespondent berichtete, wurde vor nicht allzulanger Zeit ein Glaubensgenosse ermordet, ohne daß die Regierung, trotz wiederholter von den Anverwandten eingebrachter Gesuche, um die Ergreifung der Mörder sich im Entferntesten gekümmert hätte. Die Verwandten haben nunmehr, da der Ermordete englischer Unterthan war, sich beschwerdeführend an den Konsul des britischen Reiches gewandt. Hierauf hat der englische 'Konsul in Merakesch (Marokko), der Hauptstadt des Landes, der Regierung eine Erklärung zugesandt, in welcher er um Schutz, der europäischen in Marokkh wohnenden Juden nachsucht, andernfalls würde die Regierung von den europäischen Regierungen auf die Initiative Englands zur Rechenschaft gezogen werden. Er müsse nachdrücklichst um die Bestrafung derMörder des unglücklichen Unterthans Jsak Nunan ersuchen. Wenn die marokkanische Negierung nicht gewillt wäre, die Juden zu schützen, so würde England seine jüdischen in Marokko lebenden Bürger zu schützen wissen. Von Nah und Fern. ----- Der rühmlichst bekannte Maurermeister S. Weile beging am 7. d. Mts. sein 25jähriges Meisterjubiläum. Es wurden dem Jubilar, der in den städtischen und anderen Ehrenämtern seit vielen Jahren thätig ist, zahlreiche Ovationen dargebracht. — Der deutsche Reichs - verband jüdischer Religionslehrer veranstaltete am 17. Avril zwei Bezirkstage, für den Posener Bezirk in Wronke im jüdischen Schullokal, für Brandenburg und Pommern in Stettin im Sitzungssaale der Repräsentanten. — Ostern fand eine Berathung Ahlwardts und „seiner Freunde" iiber ein neues Programm statt, welcher später ein Parteitag folgen soll. Dieses Programm wird der neuen „freiheitlich antisemitischen Partei" als Grundlage dienen. — In Hörde in Westfalen hielt am 7. d. M. Ahlwardt eine Versammlung ab. Dort trat ihm der Lehrer Stern wirksam entgegen. — Herr Raphael Dienstag in Schrimm wurde zum Magistrats-Sekretär gewählt. Herr Dienstag ist strenggläubiger Israelit, er verwaltet seit 25 Jahren eine Sekretärstelle beim Landrathsamt, ohne am Sabbath und jüdischen Feiertagen zu arbeiten. — Die „Deutschnationale Warte", das Organ der Hamburger Antisemiten teutonischer Couleur hat ihr Erscheinen eingestellt. — Drumonts antisemitisch-chauvinistisches Hetzblatt „Libre Parole" ist in ganz Elsaß-Lothringen verboten worden. — Ein elsässischer Pfarrer theilt der „Straßb. Post" mit, daß Drumont der Enkel eines Jonas Traumann aus Böchingen sei, eines Israeliten, der nach Frankreich auswanderte und den Namen Jonas Traumann in Jean Drumont verwandelte. Es ist nicht festzustellen, ob Jonas Traumann sich hat taufen lassen, wahrscheinlich hat erst sein Sohn, also der Vater des Herrn Drumont von der „Libre Parole", dies gethan. In Böchingen (Rheinpfalz) leben noch Verwandte Drumont's, sie schämen sich aber ihres Vetters und verleugnen ihn. — Der in Mülhausen (Elsaß) begründete Verein für jüdische Geschichte und Litteratur trat am 11. d. zum ersten Male in die Oeffentlichkeit, und zwar durch einen Vortrag, den Oberlehrer Dr. Heinrich Lewy über „Die soziale Frage und das jüdische Alterthum" hielt. — Die Juden in der Schweiz zählen jetzt im Ganzen 8386 Seelen, während 1850 dort nur 3145 lebten. Der Kanton, der die meisten Juden hat, ist Zürich mit 1416 Israeliten, dann folgt Bern mit 1247 und am wenigsten leben in Tessin, nämlich 13 Seelen. Zwei Kantone, Graubünden und Unterwalden, haben gar keinen jüdischen Bewohner. — Der berühmte, jüdische Bildhauer Marcus Antokolski ward mit dem Auftrag beehrt, Kaiser Nicolaus II. zu modelliren und dann in Marmor zu reproduziren. Seit einiger Zeit arbeitet bereits der Künstler, der Schöpfer des „Christus" und „Sobontor", „Spinoza" und „Moses", „Peters des Großen" und „Jarmah", im Anitschkowpalais an der Büste des jungen, russischen Monarchen. Obgleich die Akademie der Künste für die Juden fast hermetisch geschlossen ist,' sind aus derselben so bedeutende Bildhauer wie Antokolski, Bernstein (gegenwärtig Direktor des Museums in Paris), Günzburg, Frl. Diller und Andere; Maler wie Aschkinasi, Maimon, Rosenberg u. A. hervorgegangen. — lieber die Aushebungen zum Militär veröffentlichen die russischen Zeitungen folgende interessante Zahlen für 1894: 21jährige junge Leute waren eingeschrieben 963,679, darunter 45,801 oder 4,8 Prozent Juden. Zur Musterung erschienen 924,011 Mann, davon 39,542 oder 4,46 Prozent Juden, ausgehoben werden sollten im Ganzen 270,000 Mann, darunter Juden 16,434 oder 5,7 Prozent. Tatsächlich wurden zum Militär genommell 268,531 Mann, darunter 14,171 oder 5,25 Prozent Juden. Es wurden also von den sich Stellenden genommen bei den Juden 36,62 Prozent, bei den Nichtjuden 26,03 Prozent, das heißt, die Juden in Rußland leisten die Blutstener um den dritten Theil höher als die Nichtjuden! Und das in Rußland!! Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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