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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-19 · Heft 16 (19.4.1895) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Redakteur Klage an. Der Gerichtshof hielt nach Wahrnehmung mehrerer Zeugen den Sachverhalt für genügend aufgeklärt und die im Dziennik behaupteten Thatsachen widerlegt. Der Gerichtshof erkannte auf 100 Mk. ev. 20 Tage Gefängniß. Dem Beleidigten wurde die Befugniß zugesprochen, das Urtheil auf Kosten des Bolewski in der Posener Zeitung und im „Dziennik Poznanski" bekannt zu machen. — Der Gehilfe eines jüdischen Lehrers in Warschau war vor längeren Jahren nach Amerika gewandert, weil er in der Heimath eine bessere Stelle nicht bekommen konnte. Die Familie ließ der Mann zurück. Da es ihm in der neuen Welt bald besser ging, sandte er an den Lehrer 15—30 Rubel für die Familie. Der Lehrer händigte der Frau stets nur ein Drittel des Geldes ein, und als später 300 Rubel und mehrere Schiffskarten zur Ueberfahrt der Familie eintrafen, unterschlug der Empfänger das Geld, verkaufte die Karten und erzählte der Frau, der Mann sei gestorben; diesem zeigte er wieder den Tod der Frau an. Der Mann wollte nun kürzlich seine Kinder holen; als er bei dem Lehrer eintraf, zeigte sich dieser scheinbar hocherfreut und wollte das Ereigniß durch ein Gelage feiern. Der Amerikaner merkte noch rechtzeitig, daß dem Schnaps Karbolsäure beigemischt war. Als er Lärm schlug, erblickte er auch seine todtgeglaubte Frau, die sich inzwischen wieder verheirathet hatte. Lp. Aus der Provinz Posen, im April. In der ordentlichen Generalversammlung des Krankenverpflegungs- und Leichenbestattungsvereins zu Pleschen wurden jüngst zu Vorstandsmitgliedern Bankier Louis Oppler, Rentier Hirsch Brandt, Kaufmann Hermann Bilak, Kaufmann Salinger und Agent Abraham Schmul, zum Vereinsrendanten Kaufmann Jacob Brieger gewählt. Der Verein, der jetzt 70 Mitglieder zählt, besteht bereits 82 Jahre. Seine Wirksamkeit erstreckt sich nicht nur aus Krankenpflege und Leichenbestattung der Vereinsmitglieder, sondern auch auf die Unterstützung der daselbst erkrankten Armen. Außerdem gewährt der Verein hilfsbedürftigen Mitgliedern zur Fortsetzung ihres Gewerbes zinsfreie Darlehen bis zum Betrage von 100 Mark. — Bei der kürzlich in O str o w o stattgefundenen Repräsentantenwahl ist Kaufmann S. Mayer wieder- und die Herren A Schloß, I. Skaller und I Herrmann neugewählt worden. — Herr Rabiner Dr. Pleßner in Ostrowo hat einen Kursus zur theoretischen Belehrung der mit der Leichenbestattung sich beschäftigenden Mitglieder „Ehewra Kaddischa" in allen in dieses Gebiet einschlagenden religiösen Fragen eingerichtet. In Pose n ist Frl. Hirschfeld, Vorsteherin des israelitischen Mädchenpensionats von Geschwister Hirschfeld daselbst, an der Mittelschule als Religionslehrerin angestellt worden. — Im Aufträge der Negierung verhandelte der Landrath aus Briefen am 14. d. M. mit den städtischen Behörden in Gollub wegen des Eingehens der dortigen zweiten jüdischen Schulklasse. Es wurde beschlossen, die jüdische Schule ganz mit der evangelischen zu vereinigen, wenn neben zwei evangelischen und einem jüdischen Lehrer noch ein evangelischer Lehrer, der die Befähigung für Mittelschulen besitzt, angestellt und die erste Klasse eine gehobene wird. 8. Meseritz, 12. April. Zwei jüdische Damen gehen langsam durch die Hauptstraße des Städtchens T. spazieren, als sie hinter sich fortwährend die Rufe „Jude, Jude" hören; sie drehen sich um, und bemerken eine Horde Kinder. Erst droht die eine Dame ihnen mit dem Finger und geht schließlich, als dieselben immer zudringlicher werden, auf den größten Knaben zu, um ihm eine kleine Ohrfeige zu geben. Der Vater des Kindes kommt hinzu, es entsteht ein furchtbarer Lärm, der damit endet, daß er die Dame auf dem Amtsgericht in T. verklagt. Dieselbe verliert auch diesen Prozeß und wird in die Kosten und 45 Mark verurtheilt. Das Urtheil lautete: Sie wird verurtheilt, weil sie erst eine Welle, nachdem der Knabe gerufen, sich umgekehrt hatte, um ihn zu strafen. Hätte sie sich sogleich umgedieht, so wäre sie sreigesprochen worden, da dann die Ohrfeige durch das Schimpfwort ausgewogen wäre. Sie beruhigte sich bei diesem Erkenntniß nicht und ging, jetzt einen erfahrenen Rechtsanwalt zur Seite, an das Kreisgericht in Meseritz. Hier wurde sie freigesprochen, da die Aussage einer Zeugin, die gesehen haben wollte, daß sie erst noch bis zur nächsten Straßenecke gegangen war, ehe sie sich umgedreht hatte, als nicht kompetent angesehen wurde, da sie sich bei ihrer zweiten Vernehmung in Widersprüche verwickelte. Die Kosten, die der Vater des Kindes zu tragen hat, belaufen sich jetzt aus 400 Mark, die hinreichend dazu geeignet sind, ihn für seine antisemitischen Agitationen in dem Städtchen zu strafen. Frg. Breslau, 4. April. Herr Rabbiner Dr. I. Guttmann leitet den soeben erschienenen 52. Jahresbericht der Gemeinde-Religionsunterrichtsanstalt zu Breslau mit einem Vorwort ein, dem wir folgende bemerkenswerthe Ausführungen entnehmen: „Im vorigen Jahre habe ich den Versuch gemacht, die seit einer längeren Reihe von Jahren unterbliebene Konfirmationsfeier wieder in unserer Gemeinde einzuführen. Obgleich die Feier ihres Eindrucks nicht verfehlt hat, mußte ihre Wiederholung doch schon in diesem Jahre unterbleiben, weil sich keine Kinder, oder richtiger gesagt, weil in unserer Gemeinde sich keine Eltern fanden, die ihre Kinder an einer solchen Feier mochten theilnehmen lassen. Ich kann darüber nur mein schmerzliches Bedauern aussprechen. Die Konfirmationsfeier ist eine derjenigen Reformen, die bei ihrer Einführung vor mehreren Jahrzehnten von allen fortschrittlich Gesinnten mit wahrhafter Begeisterung ausgenommen wurde und gegen die sich auch von Seiten der konservativen Richtung kaum irgend etwas Stichhaltiges einwenden ließ. Sollte der Sinn für eine solche- Feier, deren Eindruck auf das Gemüth der Jugend Niemand bestreiten kann, und die vielleicht bei manchem Kinde sich als ein Schutz und Segen für das ganze Leben erweisen würde, aus unserer Mitte schon ganz geschwunden sein? Das kann ich mir im Ernst nicht denken. Ich werde deshalb im nächsten Jahre den Versuch erneuern und dann hoffentlich mit günstigerem Erfolge." — Dem weiteren Bericht des Dirigenten entnehmen wir, daß an Stelle des Herrn Dr. L. Knoller, der 11 Jahre an der Schule mit Erfolg gewirkt hatte, Herr Dr. H. Pinkuß in das Lehrerkollegium eingetreten ist. Am Unterricht haben theilgenommen 286 Kinder und 226 Mädchen. — Der 45. Jahresbericht der von Herrn Dr. Samuel - sohn geleiteten Religionsschule berichtet, daß in den neun Klassen der Anstalt im Berichtsjahre 330 Schüler und Schülerinnen unterrichtet wurden. Dem Lehrerkollegium gehören die Herren S. Fränkel, Gradenwitz, W. Sander neben dem Rabbiner und Herrn Dr. Samuelsohn an. Herr Fränkel wurde während der Ableistung seiner militärischen Dienstpflicht durch Herrn Dr. Doctor vertreten. Die Entlassung der zum Schluß des Schuljahres abgehenden Schüler und Schülerinnen hat am 31. März in der alten Synagoge stattgefundeu. a. Ratibor, 17. April. Dieser Tage beging hier der Landrath des hiesigen Kreises, Geh. Regierungsrath Pohl, sein 25jähriges Amtsjubiläum. Der hochkonservative Jubilar war Gegenstand vielfacher Ovationen. Auch die Synagogen gemeinde überreichte Durch Herrn Rabbiner Dr. Blumenthal, sowie die Vorsitzenden des Vorstandes und der Repäsentanten eine künstlerisch ausgestattete Glückwunschadresse. In der Adresse heißt es u. A.: „Wir erfüllen nicht nur ein religiöses Gebot, welches Treue gegen den König, Liebe zum Vaterland und Ehrfurcht gegen die Obrigkeit uns lehrt, wir lösen auch eine Herzenspflicht in dieser Stunde. Unser Glückwunsch gilt dem Manne, der wacker und unverdrossen allezeit in friedlichen: Schaffen dem Vaterlande gedient, er gilt dem Manne, der versöhnlich und gerecht für die Wohlfahrt des Emzelnen aus der Gesauuntheit — ohne zwischen Stadt oder Bekenntniß zu unterscheiden — immerdar eingetreten ist, er gilt dem Manne, der alle menschenfreundlichen Bestrebungen, die sich in Stadt und Kreis kundgaben, stets mit dem Vollgewicht seiner Stellung gefördert hat." Nachdem Herr Dr. Blumenthal mit einer herzlichen Ansprache die Adresse überreicht, sprach Geheimrath Pohl seinen Dank aus. Der Jubilar betonte besonders den nie versagenden Wohlthätigkeitssinn uud die Königstreue der Israeliten seines Kreises. „Was die Mitglieder Ihrer Gemeinde bei Wahlen und sonstigen Gelegenheiten während des letzten Vierteljahrhunderts für die königstreue Sache geleistet, das werde ich nie vergessen, so lange ich berufen bin, au der Spitze dieses Kreises zu stehen" — mit diesen Worten schloß der Jubilar seine Ansprache. Fürwahr, in unserer haßerfüllten Zeit ein Friedenswort, doppelt ehrenvoll für die Gemeinschaft, welcher es gilt! R. Gleiwitz, 9. April. Am 6. d. M. Nachmittags 2 Uhr verschied nach kurzem Krankenlager im 56. Lebensjahre der Königl. Kreisphysikus und Sanitätsrath Dr. Salomon Hauptmann. Derselbe wurde am 14. Januar 1839 in Rawicz geboren, besuchte die Realschule seiner Vaterstadt, dann das Berlinische Gymnasium zum grauen Kloster. Als Primaner verlor er seine in dürftigen Verhältnissen lebenden Eltern und mußte schon während seiner Studienzeit für sich und seine drei jüngeren Brüder Brod schaffen. Am 8. April 1864 promovirte er in Berlin zum Doktor der Medizin und Chirurgie und erhielt am 1. Juli 1871 das Fähigkeitszeuguiß zur Verwaltung eines Physikats. Von 1865 bis 1872 fungirte er als Arzt an den Irrenanstalten zu Sch wetz und

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