Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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192 Fitterarische MittheUungen. G. K. Heinrich Steiner: Anti. Drei Novellen, Dresden 1895.! E. Pierson. Die drei Novellen, welche hier in einem mäßig starken Bande vereint sind, verdienen wohl, allgemein gelesen und beherzigt zu werden. Die Thatsache, daß ein echt humaner Zug durch dieselben weht, genügt heute leider allein wohl nicht, um dieses Interesse hervorzurufen. 'Aber der Autor ist daneben auch ein vortrefflicher und echt realistischer Erzähler; er hat sich viel im Leben umgesehen und weiß es da, wo es wirklich interessant ist, geschickt zu packen. Die Moral hängt diesen Geschichten nicht, wie alten Pedanten das Taschentuch, hinten heraus; sie ergiebt sich vielmehr mit innerer Naturnothwendigkeit aus dem Verlauf der Handlung, aus der Entwicklung der Charaktere und Verhältnisse. Es wäre nicht einmal nölhig gewesen, diese moralische Tendenz noch einmal ausdrücklich hervorzukehren; wenn der Verfasser dies trotzdem gethan hat, so wollen wir es ihm in dieser Zeit, wo selbst die ehrlichen Leute das Verstecken zu lieben pflegen, hoch anrechnen. Er sagt im Vorwort zu seinem Büchlein: „Die Liebe, die allerlösende Bruderliebe, an die ich mit aller Kraft meiner Seele glaube, sie allein vermag zwischen Klassen, Konfessionen und Nassen zu vermitteln, während der Haß seiner Natur nach zur Zerstörung führt, zur Zerstörung selbst seiner Erzeuger. Dies wollte ich im vorliegenden Bändchen, besonders im „Anti" und „Der barmherzige Bruder", zur Darstellung bringen." Die Absicht des Verfassers ist, man kann dies auch vom strengsten kritischen Standpunkt eingestehen, durchweg gelungen. Die Novelle „Anti" ist eine rechte Tendcnznovelle, aber man erkennt sofort, daß hier leibhaftige Menschen als Modelle gesessen haben. Es ist nichts Sprunghaftes, nichts Unwahrscheinliches und, was die Hauptsache ist, nichts Unerquickliches in den Vorgängen, welche uns in diesen Novellen erzählt werden. Wahrhaft ergreifend, wie ein moderner Epilog zum „Nathan", ist die dritte Geschichte „Der barmherzige Bruder". Ein armer polnischer Jude wird in New-Aork auf der Straße überfahren. Er wird in ein katholisches Hospital gebracht und ein edler Mönch, der ebenfalls aus Polen stammt, pflegt ihn mit wahrhaft brüderlicher Liebe. Die Erzählung gipfelt in der Szene, in der das jüdische Neujahrsfest im katholischen Hospital gefeiert wird und der barmherzige Bruder dem polnischen Inden Schofar blasen läßt. Die letzten langgezogcnen Klagetone der Posaune tragen die Seele des armen Kranken hinüber in jenes unbekannte Land, um das er gelitten „in aller Stärke und Treue eines heiligen Glaubens". Die Schilderung dieser Szene ist von großer dichterischer Kraft. — Die Perle der Sammlung ist aber unstreitig die zweite Geschichte „Croccolo's Synagoge", die sicher auf einem wirklichen Vorgang beruht. Es ist eine wahrhaft rührende und tief ergreifende Geschichte, deren Held ein kleiner, armer und verwachsener Jude Davide Croccolo ist, der selbst blutarm, aber trotzdem seinen langen, schwer beladenen Karren mit Büchern durch die Straßen von Livorno vor sich her schleppt, um so die Mittel zur Erhaltung einer kleinen alten Familiensynagoge zu verdienen. Auf alle Fragen und Einwendungen hat er nur die eine Antwort: „(76 per l'onore della easa!“ Die Darstellung ist hier, wie auch in den andern Erzählungen, von vornehmer Schlichtheit und dadurch von tiefer Wirkung. Wir können dieses Buch, wie gesagt, unfern Freunden warm und eindringlich empfehlen. Am liebsten möchten wir cs freilich unfern Feinden empfehlen, wenn dieselben Herz und Sinn für eine solche poetische Verherrlichung der Menschenliebe hätten. ---- Heft 7 des 39. Jahrgangs der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums (Breslau 1895, S. Schottländer) enthält folgende Artikel: I. Theodor: Der Midrasch Bereschit rabba. — I. Baßfreund: Hebräische Handschriftenfragmente in der Staatsbibliothek zu Trier. - Ch. Mendelssohn: Zum Targum des Achtzehngebetes. — David Kaufmann: Der älteste jüdische Friedhof Ungarns.— A. Frankl-Gr ü n: Die Privilegien der jüdischen Gemeinde in Kremsier. — P. G. v. Möllendorf: Die Juden in China. — Besprechung.- Sprechfaal. Geehrter Herr Redakteur! d^on allen Seiten ist die Wichtigkeit der Pflege des Handwerks unter den Juden anerkannt, so daß man glauben sollte, daß ein erneuerter Hinweis darauf überflüssig sei. Anstatt aber daß der Zudrang j der Juden zum Handwerk sich verstärke, vernimmt der. Schreiber dieser I Zeilen von einem der Herren Kuratoren der Rohr'schen Stiftung für I Unterstützung jüdischer Handwerker in Posen, daß wegen Mangels an! Reflektanten und Bewerbern das Kuratorium beschlossen habe, die Zinsen der betreffenden Kapitalien zu anderen gemeinnützigen Zwecken zu verwenden. Diese Thatsache ist beschämend. Es fanden sich hochherzige Spender, die ansehnliche Beträge hergaben, einem Juden Gelegenheit zu schaffen, sich unter günstigen Bedingungen der Erlernung eines Handwerks zu widmen. — Die Stiftung verschafft u. a. Lehrstellen, an denen Samstag gehalten werden kann, und verpflichtet die Lehrmeister dazu — und es finden sich rächt genügend Eltern, die freudig zugreifen, um ihre Kinder dem Handwerk zuzuführen, das unsere Alten weit über den Kaufmannstand gesetzt und so geschätzt haben, daß sie jedem Juden die Pflicht zusprachen, sein Kind in irgend ein Handwerk einzuweihen. Ich versage es mir, an dieser Stelle und in diesem Augenblicke in der Frage weit auszuholen, um die Wirkung der einfachen Thatsache nicht abzuschwächen, von der diese Auslassung ausgeht, der Thatsache, daß die Rohr'sche Stiftung, die jüdische Handwerker und Ackerbauer und solche, die es werden wollen, protegirt unb unterstützt, mm gezwungen ist, ihre Mittet anderweitig anzulegen. Es ist mtr anzunehmen, daß die Leistungen dieser Posener Stiftung nicht genügend bekannt sind, und vielleicht tragen diese Bemerkungen dazu bei, ihr würdige Bewerber zuzuführen. Nicht laut und oft und eindringlich genug kann unseren Glaubensgenossen die Mahnung zugerufen werden, sich mehr dem Handwerk zuzuwenden. Handwerk hat goldenen Boden. Dem intelligenten Handwerker bleiben die gleichen Chancen wie dem Kaufmann; er ist in seiner Karriere durchaus nicht festgelegt. Ausgestattet mit einem positiven Können, mit der Kenntuiß eines Handwerks, das in allen Zonen gilt, kann der Jude gesicherter und gefestigter in der Welt sich umthun; die Freude an dem eigenen Können, das überall und unter allen Verhältnissen seinen Werth behält, stärkt Rückgrat und Selbstbewußtsein; die Uebung des Handwerks würde auch dem Antisemitismus am erfolgreichsten entgegenwirken, schon weil in dem Handwerkerstand kameradschaftliche Berührungs- und Annäherungspunkte zwischen Juden und Nichtjuden gegeben sind. Das Handwerk ehrt und nährt. Werdet Handwerker, meine Brüder, und schlaget dankbar, in die Hand ein, die Euch das erleichtern will! Berlin, im April. Maximilian Stein. * der am 29. März d. I. erschienenen 13. Nunnner der „Allgem. 55 Zeitung oes Judenthums" ist von nur ein Nachruf auf Professor N ub o erschienen. Seitdem sind mir, ebenso unerwartet wie unverdient, Anerkennung unb Zustimmung aus diesem Anlaß ins Haus geweht. Ich danke auf diesem Wege. Besonders erwähnen aber muß ich eine Zuschrift des Herrn Rechtsanwalt Feust in München. Aus derselben erfahre ich Folgendes: Der Vater des Herrn Feust, der mit Sintenis das Corpus juris ins Deutsche übersetzt hat, ist 1822 in Würzburg zum Dodor juris utriusque promovirt worden, also zum Doktor des bürgerlichen und kirchlichen (kanonischen) Rechts. Wenige Jahre darauf Herr Grünsfcld in München. Erst in späterer Reaktion sei die Promotion nur zmn Doctor juris civilis gewährt, seit Jahren aber wieder allgemein zum Dodor juris utriusque. Ich nehme nun an — wovon freilich in der Zuschrift nichts enthalten ist — daß die Herren Feust und Grünsfeld Juden waren. Ist dem so, dann fällt meine Bermuthung in dem erwähnten Nachruf, daß Prof. Rubo „vielleicht der erste Jude war", der in Deutschland Dodor juris wurde, als unrichtig zusammen. Wohl aber scheint mir mein Jrrthum, der auf den Verblichenen selbst zurückzuführen ist, der mir davon sprach, daß er der erste Jude war, der Dodor juris wurde, verzeihlich. Vielleicht hieß es blos: er war der erste nach der Reaktionszeit. All' dies blos der Richtigkeit wegen. An sich ist die Sache zu geringfügig, um breit getreten zu werden.! Berlin, 14. April. Fritz Stier-Somlo. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.