Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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191 wäre ein sehr braver Mann, der viel Guter thue und an dem viele Christen sich ein Beispiel nehmen könnten. Wenn Ihr sie besuchtet, würde sie Euch sehr freundlich aufnehmen, jetzt besonders, wo Ihr keine Mutter mehr habt." „Die liebe, gute Frau!" rief Lina. „Ja, was hilft Euch das?" fuhr Lucie fort. „Sie ward von den anderen Damen niedergeschrieen, und wenn sie selbst dabei bleibt und mit Euch verkehrt, sie hat keine Kinder und macht kein Haus aus." „Und Du, Lucie? Was hast Du gesagt?" fragte Rosy und sah sie mit ihren schwarzen Augen so durchdringend an, als wollte sie ihr auf den Grund der Seele schauen. In unbeschreiblicher Verlegenheit rückte Lucie aus ihrem Stuhl hin und her, machte sich an den Tassen zu schaffen, steckte den Finger in den Mund und stammelte: „Ach, was liegt daran, was ich dummes Ding sagte? Danach fragten die Damen nicht." „Du hast auch das Versprechen gegeben? Ja oder nein!" sagte Rosy kurz, indem sie sich erhob und den Arm der Schlvester ergriff, um diese ebenfalls vom Stuhl emporzuziehen. Lucie brach in eine neue Thränensluth aus und bat mit aufgehobenen Händen: „Hört mich doch nur, Kinder! Sie kamen Alle über mich und drohten mir, wenn ich mich etwa ausschließen und es mit Euch halten wollte, so wäre ich für alle Zeiten aus ihrem Kreise verbannt, Niemand würde mehr mit mir umgehen." „Und da hast Du gewählt. Sehr natürlich. Komm, Lina!" sagte Rosy kalt und bitter. Sie wollte sich der Thür zuwenden, Lucie vertrat ihr den Weg. „Aber so hört doch nur noch ein Wort. Wäret Ihr das ganze Jahr über hier, ich ließe die Andern schießen und hielte zu Euch, denn Ihr seid viel netter als sie, und bei Erich war's immer am allerhübschesten. Aber was soll ich denn während der langen Zeit, wo Ihr nicht hier seid, anfangen? Den ganzen Winter mutterseelenallein im Forsthaus sitzen, das — das —" „Können wir nicht von Dir verlangen," fiel Rosy ein. „Wir wollen eilen, Dich von unserer Gegenwart zu befreien. Hoffentlich wird unser Besuch Dir nicht zu viel schaden." „Ach, liebe Rosy, sei doch nicht so," bat Lucie, „mir thut ja das Herz so weh." Sie wollte sie umarmen; Jene stieß sie zurück. „Geh; verunreinige Dich nicht an einer Jüdin!" „Lina, erbarme Du Dich! Ihr seht ja, wie lieb Ihr mir seid. Als ich Euch kommen sah, hatte ich Alles total vergessen, erst als Ihr davon anfingt, fiel es mir wieder ein." Sie bot Lina die Hand, und diese würde vielleicht die ihrige hineingelegt haben, wenn Rosy sie nicht daran verhindert hätte, indem sie sie am Arm ergriff und aus der Thür zog. Fast laufend erreichte sie mit ihr den Wagen, und ohne Lucie, die ihnen weinend gefolgt war. noch eines Blickes zu würdigen, ries sie dem Kutscher zu: „Nach Altrode! fahren Sie schnell." Den Schleier vor das Gesicht ziehend, murmelte sie: „Vervehmt, geächtet! Wir, die Töchter eines solchen Vaters! Weine nicht!" herrschte sie der Schwester zu, „beiße die Zähne zusammen, bis wir unser schützendes Heini erreicht haben; Keiner, der uns begegnet, soll uns ansehen, was uns widerfahren ist." „Ach, sie wissen es ja doch Alle!" seufzte Lina, „und wir hatten uns so sehr gefreut, wieder herzukommen." Rosy zuckte die Achseln. „Wir können sie Alle nüssen — Alle!" Lina machte ein Gesicht, als ob ihr das nicht so ganz sicher sei und sagte: „Lucie schien es recht leid zu thun." Rosy lachte spöttisch. „O ja, wir sind ganz nette Mädel, aber sich der Gefahr aussetzen, um unsertwillen von einein Kränzchen oder von einem Picknick ausgeschlossen zu werden, so weit geht ihre Freundschaft für uns doch nicht. Wir haben Julius nie glauben wollen, wenn er behauptete, der Antisemitismus sei in alle Schichten des Volkes gedrungen, es gäbe fast Niemand mehr, der nicht in irgend einer Weise davon angefressen wäre. Der Vater hat ihm immer sehr entschieden widersprochen." „Wie ich! und wie es auch Bernhard gethan hat," rief Lina lebhaft. Sie war mit einem jungen Philologen, versprochen, der sich jetzt auf einer längeren Studienreise befand, »ach deren Beendigung die Verlobung veröffentlicht werden sollte. Rosy zuckte die Achseln. „An Lucie haben wir gesehen, daß Julius ganz Recht hatte, wenn er sagte, selbst wer nicht Antisemit sei, würde es doch um eines Juden willen, und sei er bisher sein bester Freund gewesen, nicht mit einem Christen verderben." „Der Vater bestritt auch das und führte Beispiele vom Gegentheil an!" rief Lina, „und ich pflichte ihm noch immer bei." „Auch nach den heutigen Erfahrungen? Dein Optimismus ist groß!" eutgegnete Rosy. „Dafür bin ich meines Vaters Tochter," lächelte Lina. „Laß mir ihn." Rosy drückte ihr stumm die Hand. „Erzählen wir dem Vater, was uns heute geschehen ist?" begann Lina nach einer Pause und blickte die Schwester forschend an. „Wir dürfen es ihm nicht verheimlichen!" antwortete Rosy mit großer Entschiedenheit. (Fortsetzung folgt.) LZ» Moderner Kinderraub. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. fi x ließ die Kinder taufen - Er selber blieb zurück — Nur ihnen wollt' erkaufen Er volles Erdenglück. Er selber — Gott behüte! — Was Eltern ihn gelehrt. Mit kindlichem Gemüthe Wird's noch von ihm verehrt! Er handelt wie ein Blinder! Wähnt kindlich selbst zu sein. Und treibt doch seine Kinder Ins Gegentheil hinein. Er konnte wohl den Glauben, So rein, so hell, so schlicht. Den Kinderherzen rauben — Die Zukunft kennt er nicht! Des Judenstammes Zeichen Auf ihrem Angesicht — Das will doch nicht entweichen. Auch trotz der Taufe nicht. Geblieben ist: „die Rasse", Verschwunden ist das Licht — Dem öden, blöden Hasse Entzog er kein Gewicht. Der schlimmste Schacherhandel Das ist der Glaubenswandel Auf dem kein Segen ruht: Um irdisch Gold und Gut.