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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-19 · Heft 16 (19.4.1895) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
Seite 190 (sequence 10)
Language
German
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190 Auge, als sähe er die jungen Damen, mit denen er schon als Knabe gespielt, heute'zum ersten Mal, und kam dann sehr lässig herbei, um ihnen beim Aussteigen behilflich zu sein. Der Amtsrath pfiff, sobald sie sich dem Tisch nahte», seinem Hunde und entfernte sich mit einer kurzen Verbeugung; seine Frau blieb ruhig sitzen, und die beide» Töchter waren zwar aufgestandeu, gingen den Gästen aber nicht um einen Schritt entgegen. Die Begrüßung war kalt und steif; mau lud sie zwar ein, Platz zu nehme», bot ihnen aber weder Kaffee an, noch forderte man sie auf, mit ins Haus zu kommen und ihre Sachen abzulegen. Mühselig schleppte sich die Unterhaltung hin, obwohl man sich nach so langer Trennung doch eigentlich sehr viel zu erzählen gehabt hätte. Als die Schwestern nach kurzem Verweilen wieder Abschied nehmen wollten, ward von keiner Seite ein Einwand dagegen erhoben, und auf die von ihnen ausgesprochene Bitte um einen baldigen Gegenbesuch antwortete die Frau Amtsrath mit hochgezogmen Augenbrauen, sie und ihre Töchter wären jetzt so vielfach in Anspruch genommen, daß sie Bestimmtes nicht versprechen könnten. Der Lieutenant folgte ihnen wieder bis zum Wagen und schlug, als sie darin Platz genommen, den Schlag mit einem solchen Nachdruck zn, daß es wie eine Demonstration erschien. Ein paar Minuten waren die Schwestern sprachlos; endlich fragte Lina mit von Thränen halb erstickter Stimme: „Verstehst Du das, Rosy?" Die jüngere Schwester nickte und antwortete, mit der Hand auf den vor ihnen sitzenden Kutscher deutend, in englischer Sprache: „Ich verstehe jetzt Alles. Wir sind Juden." „Das waren wir doch immer, und man hat es uns früher nie fühlen lasten." „Ja, früher!" seufzte Rosy. „Ich glaube, es ist am besten, wir fahren nach Hause und setzen uns nicht noch weiteren Demüthignngen aus." Sie wollte dem Kutscher den Befehl ertheilen, aber Lina hielt sie zurück und gebot ihm: „Nach der Oberförsterei!" Zur Schwester gewendet fügte sie hinzu: „Ich muß sehen, wie Sude Egestorf sich verhält, die kann sich nicht verstellen." Die Oberförsterei lag im Walde auf einem freie» Platz, und man konnte aus den Fenstern des obersten Stockwerkes die darauf zuführende Fahrstraße ein gutes Stück übersehen. Ein junges Mädchen mit fliegenden, braunen Zöpfen und einem unschönen, aber gutmüthigen Gesicht, eilte, umsprungen von zwei großen Dachshunden, den Ankommenden entgegen. „Da seid Ihr ja, Kinder!" rief sie schon von Weitem, „steigt schnell aus und kommt herein. Der Vater ist nicht zu Hause, da können wir ungestört plaudern. Ich freue mich riesig, Euch wiederzusehen." Lina und Rosy athmeten auf. Das war doch ein Ton wie aus alter Zeit. Sie folgten der Freundin in das anheimelnde, mit alten Möbeln und vieleil Jagdtrophäen ausgestattete Zimmer, wo diese geschäftig hin und her lief, um es ihnen recht bequem zu machen. „Wartet nur zehn Minuten, dann sollt Ihr Kaffee und frisch gebackenen Kuchen haben!" rief sie und eilte zur Thür hinaus, ihre Anordnungen zu geben. Zurückgekehrt, breitete sie eine Serviette über den Tisch, nahm Tassen aus dem Glasschrank und setzte sie zurecht, und dabei ging ihr Mäulchen wie ein Mühlrad; die Schwestern wurden völlig in Athem gehalten, um auf ihre Fragen und Mittheilungen zu antworten. Erst nachdem sie eine Tasse Kaffee getrunken hatten, fand Rosy Zeit zu der Bemerkung: „Wie freue ich mich über Deineil Empfang, Lucie, es ist uns heute recht sonderbar ergangen." Schon bei den ersten Worten zog Luciens freudestrahlendes Gesicht sich schreckhaft in die Länge. Sie legte das Stückchen Kuchen, das sie zum Munde führen gewollt, auf den Teller zurück und sagte kleinlaut: „Ach Gott, das hatte ich ja ganz vergesien." „Was? Was?" fragten Lina und Rosy gleichzeitig. Lucie sah sie aus ihren runden, blanken Augen mit einem hilflosen, flehenden Blick an und sagte abwehrend: „Laßt's gut sein, Kinder, ich kann's Euch nicht sagen." „Du mußt, Lucie!" drängten die beiden Mädchen. „Wir müssen wiffen, was man gegen uns hat." „Ach gegen Euch hat man eigentlich gar nichts, Ihr seid ja nette prächtige Mädel," erwiederte Lucie. „Aber warum begegnet man uns denn so?" fragte Rosy, und sie und Lina erzählten abivechselnd, was ihnen soeben wiederfahren war. Lucie Egestorff nickte dazu wie Jemand, dem man ihm bekannte Thatsachen mittheilt und murmelte endlich: „Ja, ja, so haben sie's unter einander ausgemacht." „Wer? Was haben sie ausgemacht?" schrieen Rosy und Lina. Das junge Mädchen schlug sich auf den Mund. „Ach Gott, da Hab' ich mich doch verplappert. Laßt's gut sein, fragt nicht weiter." „Nein, wir lassen es nicht gut sein, wir müssen Alles wissen!" sagte Rosy sehr ernst, und Lina bat, Luciens Hand ergreifend: „Wenn Du uns noch ein wenig liebst hast, so sprich!" „Ich Hab' Euch ja so lieb, daß ich, als ich Euch kommen sah, Alles vergaß und nur hinausflog, um Euch zu begrüßen!" erwiederte Lucie, während dicke Thränen ihre Wangen hinabrollten. „Du solltest Dich also auch vor uns verleugnen lassen oder uns so empfangen, wie es bei Vierthalers geschehen ist?" fragte Lina. Lucie nickte. „Wer hat Dir denn das befohlen?" forschte Rosy. „Sie haben's so untereinander ausgemacht!" stöhnte Lucie. „Wer?" Das junge Mädchen gab sich einen Ruck. „Hab' ich so viel verrathen, so mögt Ihr schon Alles wissen. Verschwiegen bleiben kann's Euch ja doch nicht. Die Frau Amtsräthin und Frau Fabrikbesitzer Planer haben, als es bekannt wurde, daß Ihr nächstens wieder nach Altrode kommen würdet, uns Alle zusammengetrommelt, damit wir uns darüber verständigten, daß Keiner mehr mit Euch umginge." Lina stieß einen Schmerzensschrei aus. Rosy zog die Stirn in finstere Falten und fragte kurz und scharf: „Warum? Was haben wir verbrochen?" „Nichts," schluchzte Lucie, „Ihr armen Mädchen könnt doch gar nichts dafür, daß Ihr Juden seid, aber da es nun einmal so ist —" „Unsere Eltern haben unsere Religion doch nie verleugnet. Ihr habt es all' die Jahre her gewußt und keinen Anstand daran genommen." „Das sagte die Frau Pfarrerin Bezold auch," erwiederte Lucie, „aber die Frau Amtsräthin entgegnete, das sei früher gewesen, jetzt sei es nicht mehr zeitgemäß, mit Juden zu verkehren, und Frau Planer meinte sogar, man könne nicht wiffen, in welche Unannehmlichkeiten man dadurch verwickelt würde. Ihr seht also —" Sie schluchzte so laut, daß sie nicht weiter sprechen konnte, statt ihrer vollendete Rosy den Satz: „Also seid Ihr übereingekonimen, gegen uns zu verfahren, wie es geschehen ist." Lucie nickte. „Alle? Alle?" fragte Lina. „Die Frau Pfarrerin sprach dagegen; sie sagte, das wäre unchristlich und Ihr wäret gute, einfache Mädchen, und Euer Vater

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