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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-19 · Heft 16 (19.4.1895) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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189 Freunde zugesandte Uebersicht über die Zahlenverhältnisse der Verbrecher ein, von der sonst nichts bekannt ist. Ueber jüdische Dinge, manche Arbeiten Nießers berührend, handelt folgende längere Stelle. Mit dem zweiten Hefte meiner jüdischen Briefe will es leider nicht zum Schluß kommen, und so fest es auch steht, daß ich die Sache nicht aufgebe, so kann ich doch noch immer den Zeitpunkt des Abschlusses nicht fest bestimmen. Mein Geschäft nimmt mich außerordentlich stark in Anspruch, und außerdem habe ich mit gemeinnützigen Lokal-Angelegenheiten mancherlei zu thun. Ganz müßig bin ich indessen in Arbeiten von allgemeinerer Art nicht gewesen. Die Nähe des Orts hat mich bestimmt, mich in Erörterungen über die miserable Verhandlung der Holsteinischen Provinzialstände über die Judensache einzulassen. Sie erhalten hierbei die beiden ersten meiner Aufsätze darüber; von dem dritten, der auch gedruckt ist, habe ich in diesem Augenblick kein Exemplar; andere werden wahrscheinlich noch Nachfolgen. Neues werden Sie nicht darin finden; ich schicke sie Ihnen nur als ein — wenn auch noch so unbedeutendes — Lebenszeichen. — Eine zweite Arbeit, mit der ich mich im November und Dezember v. I. mit Eifer beschäftigt habe, geht Sie ihrem Gegenstände nach einigermaßen näher an. Es ist eine sehr ausführliche Supplik an Ihren König, den Rechtszustand der Rheinpreußischen Juden betreffend. Herr A. Oppenheim in Kolik, auf dessen Wunsch ich sie ausgearbeitet, war damit zufrieden und schreibt mir im Januar, daß sie dem Könige überreicht worden. Er hat sich viel Mühe gegeben, um zu veranlassen, daß der König die Schrift lese, und hofft sich dessen versichert zu haben; ich erwarte aber dennoch nicht, daß er, und eben so wenig davon, wenn er sie liest. Zur Schadloshaltung möchte ich aber gern, daß Sie sie läsen, und schicke Ihnen vielleicht später einmal eine Abschrift davon. Die in dem vorstehenden Briefe erwähnten Abhandlungen Rießers über die holsteinischen Berhältnisse, eine Folge der bereits 1837 begonnenen Auseinandersetzungen wurden 1840 im Kieler Korrespondenzblatt gedruckt (vergl. Nießers Leben S. 184). Auch die daselbst erwähnte Eingabe über die rheinischeil Rechtsverhältnisse (S. 184 als Manuskript gedruckt) ist erwähnt Rießers Leben S. 130. Nicht alle Stücke des Briefwechsels aus den folgenden Jahren sind erhalten. So spricht Rießer in dem Schreiben Dom 13. September 1841 von einem solchen Anfangs August, das nicht bekannt ist. In dem erwähnten Briefe theilte er ferner mit, daß er zu derselben Zeit, wie jenes Schreiben, das Manuskript zum zweiten Heft der „Jüdischen Briefe" an die Lucas'sche Druckerei geschickt habe. Es geht ferner aus dem Briefe hervor, daß Rießer noch damals an ein drittes Heft dachte, daß er eine außerordentlich große Zahl von Freiexemplaren erhielt, daß er aber, da der Verkauf weder feinen noch den Erwartungen des Verlegers entsprach, keine besondere Eile zeigte, die Fortsetzung zu liefern. Nur zwei kleine Stellen des Briefes, die theilweise all früher gelllachte Mittheilungen anknüpfen, seien hier mitgetheilt: „Die Supplik an Ihren König, die ich für die Herren Oppenheim in Köln verfaßt habe, ist seit einiger Zeit als Manuskript gedruckt, um unter die Mitglieder des Staatsraths vertheilt zu werden. Da aber die Vertheilung aus Gründen der Zweckmäßigkeit noch hinausgeschoben worden ist, so habe ich es für passend erachtet, bis dahin auch die für mich reservirten Exemplare zurückzuhalten und habe ich noch keines davon aus Händen gegeben. Auch später werde ich sehr wenig vertheilen und Sorge tragen, daß sie nicht öffentlich besprochen wird. Ihnen werde ich natürlich ein Exemplar zustellen lassen. — Nun erlauben Sie mir noch, lieber Freund, daß ich Ihnen eine Angelegenheit, über die wir in anderer Beziehung früher schon korrespondirt haben, ans Herz legen. Einer meiner Bekannten will von einem Berliner gehört haben, daß jetzt ernsthaft eine Rabbiner-Mahl in Aussicht stehe. Unter Voraussetzung dieser Angabe, möchte ich Ihnen die Berücksichtigung eines Mannes empfehlen, der mir durch Talent, Gemüth und Gesinnung ganz besonders zu einer solchen Stellung geignet erscheint. Es ist der Rabbiner Leopold Stein, gegenwärtig in Burgkundstadt in Baiern. Vielleicht ist er Ihnen durch seine Stufengesänge und ähnliche Arbeiten bekannt. In Baiern unter den schwierigsten Verhältnissen für die Sache der Aufklärung streitend, hat er es hier bei seiner vorjährigen Bewerbung um die Stelle eines Predigers am Tempel mit einigen Tonangebenden der sog. Aufgeklärten dadurch, daß er gegen sie in mancher Hinsicht die Sache der Synagoge vertrat, verdorben und ist größtentheils deshalb nicht gewählt worden. Daß er nach keinen Punkten gegen die Oberen zu schweigen vorzog, bürgt für seinen Charakter und die Reinheit seiner Absichten." Auch Leopold Stein (1810—1882) wurde in Berlin nicht gewählt. Er kam bekanntlich 1844 nach Frankfurt a. M., wo er bis SU seinem Tode lebte, freilich nur bis 1862 als Rabbiner der Gemeinde. Die von Rießer erwähnten Dichtungen „Stufengesänge" waren Würzburg 1834 erschienen. Beit muß jedenfalls weiter nach Stein geforscht haben, denn einem ferneren Briefe vom 11. Dezember 1841 legte Rießer einige Predigten seines Kandidaten bei. In demselben Briefe beklagte sich Rießer, noch immer nicht im Besitze seiner Exemplare der jüdischen Briefe 311 sein, obgleich der Druck seit Wochen vollendet sei, autorisirte Beit, die mehrerwähute Denkschrift seinen Kollegen (int Vorstände) mitzutheilen. Anknüpfend, an diese Denkschrift gab er folgende merkwürdige Auslassung: „Die inneren Angelegenheiten blieben bei dieser Bittschrift ganz aus dem Spiele, da es gar nicht im Plane lag, sie zu besprechen. Uebrigens würde ich mich auch über die Behandlung dieser schwerlich mit Anderen verständigen können, da ich mit meinen Ansichten in dieser Hinsicht entschieden in der Minorität bin. Ich kann nicht ablassen von dem Grundsätze der entschiedensten Unabhängigkeit unserer religiösen Verhältnisse von der Staatsgewalt; ich würde selbst die Vortheile zurückweisen, die ' uns die Einwirkung derselben bieten könnte; viel weniger würde ich mich entschließen können, sie herbeizurufen. Ich glaube auch durch Erfahrungen belegen zu können, daß sie am Ende der Rechnung immer mehr geschadet als genützt hat. Ich fürchte aber sehr lebhaft, daß ich! uiit diesen Ansichten in Deutschland gänzlich gegen den Strom schwimme. Ich sehe wohl ein, daß man den deutschen Inden eine Unabhängigkeit j der Gesinnung nicht zumuthen kann, die von ihren christlichen Lands-; leuten Niemand besitzt. Es geht bei uns eben gar nicht ohne die Regierungen, also auch das Judenthum nicht. Früher hat es mich ver-; drossen, daß man zu Gunsten der Aufklärung administrative Maßregeln provozirt hat; jetzt hat sich das Blatt an vielen Orten gewendet, und die , Orthodoxie macht Fortschritte in hoher Protektion; auch bei uns in i Hamburg hat sie ihr Glück bei der hohen Obrigkeit versucht und hat! die Tempeldirektion beim Senat verklagt. Ich kann es mithin jetzt den Ansichten, die ich theile, nicht mehr verdenken, wenn sie auch ihrerseits dem Strom folgen und, wo die Negierungen der Aufklärung noch günstig sind, die Gunst benutzen, um Einrichtungen in ihrem Sinne von Staatswegen durchzusetzen. Ich würde mich in solchen Fällen gewiß nicht! widersetzen, aber theilen kann ich Bemühungen nicht, die mir widerstreben."! (Fortsetzung folgt.) c_ mnmumnimiii railWTHJlljlroll' s., ▼-.v. . ■:v. h'mlliiilnT!, .'"JÜ.1“! T X'*?' — I-5 1 S FEUILLETON g 3 synimirwmxn, zSslllfllUAUfflir —— ' - - - I 1—1 ■ ZäS Aufgegangene Saat. Ein Zeitbild von Jenny Hirsch. (Fortsetzung.) as waren aber diese Abweisungen gegen den^EmPfang, der ihnen auf der königlichen Domäne beim Amtsrath Bierthaler zu Theil ward. Die Familie saß, als sie ans den Hof fuhren, unter der vordem Hause stehenden breitästigen Linde am Kafseetisch; man konnte sich daher nicht verleugnen lassen. Ter Sohn des Hauses, ein auf Urlaub befindlicher junger Lieutenant, kleminte das Monocle ins

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