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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-19 · Heft 16 (19.4.1895) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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188 bekenne», welche diese meist durch ihr häusliches Leben stillschweigend legitimire». Darum war der Jubel, welchen orthodoxe Blätter über die Rede des Herrn Leo L. Levi auf dem Konvente des amerikanischen Gemeindebnndes (Union of American Hebrew Congregations) in New-Orleans am 4. Dezember 1894 anstimmten, entschieden verfrüht. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Herr Levi bei dem Bankett nicht nur ungesiegelten Wein getrunken, sondern auch Allster» gegessen hat. Trotzdem verdient es entschiedene Beachtung, daß im Laufe des letzten Halbjahres drei nicht zu unterschätzende konservative Kundgebungen erfolgten, die erste war die von Frau Esther Ruskay, einer fein gebildeten, noch sehr jungen Dame, bei der Konstituirung der New-Aorker Ortsgruppe des Nationalverbandes jüdischer Frauen, gehaltene Rede; die zweite war der Vortrag Dr. K. Kohler's, Rabbiners am Beth-El Tempel in New-Iork und früheren Hauptvertreters des Radikalismus, gehalten vor dem Rabbinerverbande, der im vorigen Jahre in Atlantic City, einem Badeorte in der Nähe Philadelphia tagte; die dritte war die schon genannte Rede Leo N. Levi'S, eines hervorragenden Rechtsanwaltes in Galveston, Texas. Ich will darüber in meinem nächsten Artikel Näheres schreiben. Aus M. Veits Nachlaß. Mittheilungen von Prof. Dr. Ludwig Geiger. III. m Schluß eines Briefes vom 24. Febuar 1840 meldet Rießer (der Autor dem Verleger!), daß das Heft größteritheils gedruckt sei und bittet um Angabe des von Veit für den Verkauf festgesetzten Preises, um sich bei den in Frankfurt zu verkaufenden Exemplaren danach zu richten. Der größte Theil des Briefes, außer einem paar Bemerkungen, die sich ziemlich abfällig über die Art äußern, wie mau in Frankfurt die gottesdienstlichen Angelegenheiten behandelt, ist der Mittheilung in hohem Grade werth. Daß auch der hier empfohlene Dr. A. A. Wolfs nicht zum Rabbiner in Berlin berufen wurde, ist bekannt. Dagegen wurde, nach einer vielverbreiteten Tradition, die hier und auch schon in einem oben mitgetheilten Schreiben vorkommende Empfehlung Aubs durch Rießer, Jahrzehnte später, noch nach Rießers und Veits Tode wirksam. Der Brief vom 24. Februar 1840 lautet in seinem Haupttheil: „Ich will nicht länger mit der Beantwortung Ihres lieben Briefes vom 13. d. M. säumen und will gleich mit dem wichtigsten Punkte, wenigstens in unmittelbar praktischer Beziehung, den derselbe am Schluß berührt, beginnen, mit der wichtigen Frage der Wahl eines Oberrabbiuers für Berlin. Ich kenne den Dr. Wolff persönlich aus mehrmahligem Zusammensein in Hamburg und Frankfurt; ist auch diese Bekanntschaft eine flüchtige, so wird sie durch die Schilderungen einigermaßen ergänzt, die mir über seine Copenhagener Wirksamkeit zugekommen sind und die dem Eindruck der Persönlichkeit ziemlich genau entsprechen. Wie ich glaube, können Sie, was Lebensklugheit, Takt, Umsicht, Berücksichtigung der Verhältnisse und herrschende Meinungen betrifft, keinen passenderen Mann finden; die Stellung, die er sich in Copenhagen geschaffen hat, genügt schon, um ihm alle jene Eigenschaften in hohem Grade zuzusprechen; Uneinigkeit und Anstoß haben Sie bei ihm gewiß nicht zu befürchten. Es ist nur die Frage, ob nicht die Behutsamkeit des Auftretens ein wenig zu sehr der vorherrschende Zug seines Wesens geworden ist und ob sie nicht mindestens eben so sehr auf praktischer Pastoralklugheit als auf dem Grunde einer „vollen durchgedrungenen Bildung" — die ich ihm übrigens abzusprechen keine Ursache habe — beruht. Ich gestehe Ihnen, daß mir Einer lieber wäre, der bei gleicher Besonnenheit, Umsicht und Friedensliebe dennoch eine wärmere Liebe zu den Ideen des Fortschritts im Herzen trüge, als sie ihm meines Erachtens zuzuschreiben ist. Indessen ist er auf seinem Standpunkt gewiß der Tüchtigsten und Brauchbarsten Einer, und Sie können keinen Besseren wählen, vorausgesetzt, daß Sie über seinen Standpunkt hinaus den Blick nicht richten dürfen. In anderm Fall aber — aber auch, falls Dr. Wolff, was ich vermuthe, nicht geneigt sein sollte, seine vortheilhafte und angenehme Stellung in Copenhagen mit einer anderen zu vertauschen — möchte ich Ihnen die braven, jüngeren, bairischen Nabbinen Löwi, Aub, Stein, Gutmann zur Beachtung empfehlen. Die Leute sind auch bei aller Liebe zum Fortschritt besonnen, umsichtig, friedliebend und die Hinderungen, die sie zum Theil finden, sind weit mehr das Werk unredlicher, durch hohen Obskurantismus begünstigter Jntriguen. als aufrichtiger Bigotterie. In dem Falle zumal, wenn die Umstände noch am Ende Ihrer Ansicht, einen bloßen Dajan zu wählen, die gewiß Manches für sich hat, den Sieg verschaffen sollten, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die drei zuletzt Genannten lenken; denn für Löwi, der bereits an der Spitze einer zahlreichen Gemeinde steht, möchte sich das weniger passen. Ich könnte Ihnen dann über die Persönlichkeit und Eigenschaften eines Jeden ziemlich genaue Data mittheilen. Unterlassen Sie übrigens ja nicht, wegen Dr. Wolffs auch an Dr. Steinheim zu schreiben; Sie erhalten da jedenfalls ein bedeutendes, wenn auch vielleicht etwas einseitiges Urtheil, das gewiß von Werth für Sie sein wird, wenn Sie bei dessen Berücksichtigung die eigenthümliche theologische Richtung Steinheims, die sich schwerlich darin verleugnen wird, in Anschlag bringen. Ich komme nun zu der mir höchst interessanten jüdisch-litterarischen Angelegenheit Ihres Briefs. Mit dem Standpunkte, von dem Sie die betreffenden Fragen behandelt wissen wollen, bin ich einverstanden, aber nicht mit der Art, wie man sie gewöhnlich nimmt. Man glaubt sich meist ein großes Verdienst zu erwerben, wenn man die preußische Regierung immer anfleht, sie möge doch die jüdischen Gottesdienst- und > Gemeinde-Angelegenheiten unter ihre Obhut nehmen, sich in dieselben j ordnend und regelnd einmischen, sich um sie möglichst viel bekümmern. Das Geschrei ist mir zuwider, wenn auch die preußischen Verhältnisse es erklären und entschuldigen. Unser höchstes Prinzip muß immer das der Freiheit, der unabhängigen inneren Entwickelung sein. Dagegen sehe ich sehr wohl ein, daß eine solche, wie sie gerade in Deutschland allein der Bildung nach möglich, in dem politischen Klima, zumal Preußens, in ihrer Reinheit unmöglich ist. Auch war ich stets überzeugt, daß die angebliche Neutralität Preußens der jüdischen Religionsgesellschaft gegenüber eine Unwahrheit, daß sie feindselig gewaffnet ist gegen alles Gute, gegen jeden Fortschritt. Diese Ansicht regt auch dem ausführlichen Abschnitt zu Grunde, welcher in meinem Buche über die Lage der Juden in Preußen (abgedruckt aus dem zweiten Bande des „Juden" von 1833) den hier einschlagenden Fragen gewidmet ist. Doch hatte ich damals mehr einzelne hervorspringende Punkte als den ganzen Zusammenhang der Gesetzgebung im Auge, wenn ich gleich die Frage von der „Privatgesellschaft" im Vorbeigehen berührt habe. Auch waren Ton und Haltung meiner damaligen Arbeit nicht von der Art, um eine unmittelbare Einwirkung auf preußische Verhältnisse irgend davon hoffen zu können, was auch damals weniger in meiner Absicht lag, da ich nichts wollte, als einmal die reine, volle Wahrheit über die Sache sagen. Wenn ich mir die Materialien dazu vollständig aneignen kann, so bin ich zu einer gründlichen und zugleich schonenderen und rücksichtsvolleren Behandlung der von Ihnen berührten Fragen gern bereit, worin ich mich bemühen würde, klar zu machen, daß das in Preußen befolgte System weder das der Freiheit einer Religionsgesellschaft, noch das der fördernder Aufsicht und Obhut des Staates über dieselbe ist, daß es vielmehr die Nachtheile beider und von keinem von beiden die Vortheile hat. Die Aussicht auf eine Reise nach Berlin im Interesse dieser Arbeit ist mir nun höchst willkommen, die ich nach Kräften zu realisiren suchen werde." Bald kehrte Rießer nach Hamburg zurück. In dein ersteil Briefe aus seiner Vaterstadt (7. März 1841) dankte er für Veits Rede zur Einweihung des Seminars, eine durch Inhalt und Form gleich ausgezeichnete Rede, welche in weiten Kreisen das Interesse für jüdische Bildungsanstalten tuedeit sollte und Veit manche Belobigung, z. B. ein anerkennendes Schreiben Savignhs eintrug. An einer andern Stelle des Briefes ging Rießer kurz auf eine dem

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