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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-19 · Heft 16 (19.4.1895) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
Seite 187 (sequence 7)
Language
German
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Wichtiger aber als alle Berschiebungen in bereits bestehenden Gemeinden ist die bei der Neubildung von Gemeinden beobachtete Thatsache. daß mit Ausnahme von solchen, die ans rein polnischen Elementen bestehen, ein reformirter Ritus sofort eingeführt wird, wenn zum ersten Male an den hohen Feiertagen Gottesdienst abgehalten wird. Auch hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Verhältnissen. Wenn im sächsischen Erzgebirge, in den österreichischen Alpenprovinzen oder sonst in einem noch unverjudeteü Theile Europas ein Festgottesdienst veranstaltet wird, sucht man einen Baal-Tefilla, der Schofar blasen kann; hier wird ein Prediger gesucht. Die älteren Studenten unseres College werden von derartigen kleineren Gemeinden zur Abhaltung des Gottesdienstes während der Feiertage eingeladen, und wiederholcntlich sind einzelne von ihnen bis an die Pacificküste berufen, eine Reise, die jedesmal fünf Tage in Anspruch nimmt. Und dieselben Gemeinden, die so hohe Auslagen auf sich nehmen, um wenigstens einmal im Jahre einen Gottesdienst abzuhalten, denken nicht daran, sich den Schofar blasen und den traditionellen Mußaph-Kaddisch Vorsingen zu lassen. Selbstverständlich haben sie auch ein reformirtes Gebetbuch, und die hier üblichen Gebetbücher sind viel radikaler als die europäischen, denn sogar das der konservativen Partei, von Jastrow und Szold herausgegeben, hat alle auf Auferstehung und Messiasglauben bezüglichen Stellen gestrichen. In der liturgischen Entwickelung wird durch das neue von dem Rabbinerverbande (Zentral Conference of American Rabbis) herausgegebene Gebetbuch „Union Prayer Book" ein bedeutsamer Wendepunkt eintreten. Von diesem Gebetbuche ist der Theil, welcher die Gebete für Neujahrs- und Versöhnungstag erhält, bereits erschienen, und der Baud, welcher Sabbath- und Festgebete enthält, befindet sich unter der Presse. Die Aufnahme, welche dieses Gebetbuch gefunden hat, ist eins sehr günstige. Die hervorragendsten Gemeinden des ganzen Landes von New-Hork bis San Francisco haben es acceptirt, in manchen Fällen selbst da, wo sie Gebetbücher besaßen, die für diese Gemeinden speziell ansgearbeitet waren. Noch allmeiner werden die kleineren Gemeinden sich dieses Gebetbuches bedienen, welche früher sich auf's Geradewohl des einen oder des anderen Gebetbuches bedienten. Für sie ist schon der Name „Union Prayer Book" eine Ermuthigung, da er ihr Eigenthumsrecht sichert. In diesem Falle hat auch der Segen der Freiheit das Bedürfniß eines Zusammenschlusses hervorgerufen, welchen die staatliche Organisation in manche» deutschen Staaten vergebens anstrebte. Uni das Gebetbuch zu charakterisiren, will ich nur bemerkendaß am Neujahrstage kein Mussaph existirt, das Hebräische sehr reduzirt ist, die 133*72 li’DK auf elf Absätze beschränkt sind. Der Pijut ist selbst in seinen besten Theile», wie etwa der nTDJ? und in seinen von'jj derj, Tradition am meisten geheiligten Stücken, dem rpfl rarm unberücksichtigt geblieben, im Abendgottesdienst fehlt das Schema ganz, im Morgengottesdienst ist nur der erste Abschnitt davon beibehalten. Trotzdem ist das ritualistische Prinzip nicht ganz überwunden, denn für den Neujahrstag, der auf einen Sabbath fällt, werden die Einschaltungen, wie i3fili1D3 ri3CT beibehalten; ein neuer Beweis, wie geschichtliche Entwickelungen immer Inkonsequenzen zur Folge haben. Die Verhältnisse, welche zur Ausarbeitung dieses Gebetbuches geführt haben, sind dieselben, welche überall in Westeuropa bestehen. Dort wie hier ist das Verständniß für *7333 l'EDIS und Alles, was unsere Väter für Poesie hielten, geschwunden, dort wie hier erheben die Ungelehrten und die Frauen einen Anspruch auf jene Berücksichtigung, welche ihnen der alte Ritus wohl versagte. Woher kommt der Unterschied im Erfolge? In erster Linie freilich von dem Wegfall alles staatlichen Zwanges in der Organisation der Gemeinden, weshalb diese aus gleichgesinnten homogenen Elementen bestehen. Wichtiger ist aber die Wirkung der amerikanischen Luft. Man wird hoffentlich in dieser Aeußerung nicht jene Ueberhebung finden, welche Fürst Bismarck in einer Reichstagsrede den Deutsch- Amerikanern vorwarf, sondern darin nur einen Hinweis auf das historische Gesetz sehen, welches schon in talmudischen Zeiten das Bewußtsein von charakteristischen Unterschieden zwischen galiläischen und judäischen, zwischen palästinensiche» und babylonischen Juden schuf und heute noch thätig ist, wenn der Pole seinen litthauischen Nachbar „Littwack Zelemkopf" und seinen galizischen Bruder „Kireh Schmock" titulirt, wenn der Deutsche seine östlichen Brüder „Pollak" nennt, und wenn der im Schatten des Prager Rathhausthurmes mit dem hebräischen Zifferblatte geborene Patrizier von jedem anderen Juden mitleidig von einem „Draußigen" spricht. Der Einfluß, den die Umgebung selbst auf den Widerwilligen ausübt, ist es, wovon ich sprach. In Amerika steht der Bürger über dem Gesetze. In New-Ivrk z. B. ist der Ausschank von Spirituosen am Sonntag verboten, und doch wird am Sonntag mehr Bier getrunken wie an jedem anderen Wochentage. Im Staate Ohio sind Theater-Aufführungen am Sonntag verpönt, und doch finden hier an jedem Sonntag in etwa zehn Theatern je zwei Vorstellungen statt! Es kann also nicht ausbleiben, daß der jüdische Amerikaner es verlernt, den geschriebenen Buchstaben und das Herkommen so zu achten wie sein europäischer Glaubensgenosse. Dieser Umstand erklärt uns den Grund für den Konservativismus der englischen Juden, der hier auch bei unseren Nachbarn in Kanada besteht, trotzdem sie stellenweise nur durch einen Fluß von uns getrennt sind. Der Engländer ist gewohnt, eine Unzahl von überlebten Ceremonien mit heiligem Ernste mitzumachen. Oswald John Simon, einer der mächtigsten Förderer der Reformbewegung in England, hat dafür in einem seiner Aufsätze ein treffendes Beispiel gegeben. Im Parlamente, sagt er, tritt vor Schluß einer Sitzung der Portier vor den Präsidententisch und ruft laut: Wer von den Gentlemen geht nach Hans? Das soll sich aus einer Zeit herschreiben, wo die Unsicherheit auf den Straßen Londons so groß war, daß sich die Mitglieder des Parlamentes unter Bedeckung nach Hause bringen ließen. Heutzutage ist die feierliche Frage eine Farce, aber der Engländer giebt so etwas nicht auf. Der Amerikaner hingegen hat vorläufig kein historisches Gefühl. Darum hat der Londoner Reformtempel noch die Kopfbedeckung, den Tallith und ausschließlich hebräische Gebete, während der Konservative manches davon schon abgelegt bat. Daß darin eine Aenderung eintreten werde, so lange Amerika bleibt, was es ist, erscheint mir absolut ausgeschlossen, denn die amerikanischen Juden unterscheiden sich von den westeuropäischen nur darin, daß sie über die rituelle Praxis dieselben Anschauungen frei

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