Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Zum Vergleich sei angeführt, daß an den Volksschulen überhaupt wirken Lehrer Lehrerinnen zusammen evangelisch . . . 45,099 3,729 48,828 katholisch .... 18,087 4,916 23,003 sonst christlich . . 14 10 24 im Ganzen 71,855. Ferner wirken an öffentlichen und privaten Mittelschulen 29 Lehrer und 30 Lehrerinnen unseres Glaubens, 2 Lehrer und 1 Lehrerin an der Taubstuminenanstalt und 3 Lehrer in Waisenhäusern. Es sind also im Gauzen 495 Lehrer und 1.04 Lehrerinnen jüdischer Konfession au allen Schulen Preußens mit alleiniger Ausnahme der höheren Knabenschulen thätig. Besonders die geringe Zahl der angestellten Lehrerinnen muß sehr auffallen, wo, wie man ja recht gut weiß, so viele jüdische Mädchen ihre Lehrerinnenprüfung ablegen. Hier ist noch ein sehr wunder Punkt der völligen Gleichberechtigung, denn, mit Ausnahme einiger großen Städte und selbstverständlich der jüdischen Schulen, werden jüdische Lehrer und Lehrerinnen nicht angestellt und sind auf das schwere und höchst unsichere Brod des Privatunterrichts angewiesen. Bezüglich der Anstellung jüdischer Lehrer an Gymnasien und Realschulen fehlen leider die Zahlen, aber man begeht sicher keinen Trugschluß, wenn man auch hier dasselbe Verhältniß anniimnt. Leider liegt die Situation nicht so. daß in nächster Zeit eine Aenderung zu erhoffen wäre. Briefe aus Italien. Von Dr. Adolf Weißmann. II. Florenz, im März. f ie Gründe dafür, daß die Emanzipation der Inden hier in Italien in so kurzer Zeit in Fleisch und Blut übergangen ist und auf die öffentlichen Verhältniffc eingewirkt hat, sind mannigfacher Art. Zunächst ist es der Gegensatz zwischen Staat und Kirche, zwischen Königthum und Papstthiun, der die religiösen Interessen in den Hintergrund gedrängt hat. Der durch den Papst vertretenen Orthodoxie stellte sich bald ein religiöser Jndifferentismus entgegen, welcher die religiösen Ueberzeugungen und Bekenntnisse den Einzelnen überließ und in jedem Staatsbürger nur den Menschen sah und benrtheilte. Dann war es die rastlose politische Arbeit, welche das italienische Volk unausgesetzt beschäftigte und bei der auch die Juden eine ehrenvolle und hervorragende Rolle gespielt haben. Schließlich mag auch der Charakter des Italieners seinen wesentlichen Antheil daran haben, wenn die herrliche Kulturblüthe, die sich Anti, semitismus nennt, hier nicht gedeihen kann; wie ihm in jeder Beziehung Festigkeit abgeht — und dies wäre ein Charakterfehler — so fehlt ihm auch jene Hartnäckigkeit in Vorurtheilen, wenn er sie als solche erkannt hat. Der Italiener ist sehr schnell geneigt, mit der Tradition zu breche», zumal mit derjenigen, welche ihm absurd erscheint und keine Existenzberechtigung hat. So zählt denn das Judenthum hier in Italien auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens eine Reihe glänzender Namen, in der Diplomatie, dem Heer, der Stadtverwaltung, in Wissenschaft und Kunst; Keinem kommt es in den Sinn, den Patriotismus derjenigen jüdischen Mitbürger anzuzweifeln, die in den hervorragendsten öffentlichen Stellungen jeden Tag den Beweis liefern, daß sie dem Interesse der Gesammtheit auch das eigene selbstlos unterzuordnen bereit sind. Von Diplomaten wären zu nennen: Malvano, Luigi, Jppolito, Riccardo Luzzatti, der Unterstaatssekretär Romanin Jnkur, der Staatsrath Romanelli, Carpi, Ulderico Levi, der Senator Avv. Pnrenzo, die bereits verstorbenen Senatoren Sansone d'Ancona, Mauro Gonato u. s. w.; vom Adel: Graf Ottolenghi zu Asti, Barone Giorgio und Adolfo Levi und viele Andere. Das italienische Heer zählt eine Reihe ausgezeichneter jüdischer Offiziere, wie den jüngst zum Generallientenant in Turin beförderten Ottolenghi (Verwandter des oben genannten Grafen Ottolenghi) u. A. In den Stadtgemeiude» nehmen die Juden gleichfalls eine hervorragende Stellung ein; der Bürgermeister von Udine, Morpurgo, ist Jude; hier in Florenz sitzen im Gemeindeausschuß, nach deutschen Begriffen in der Eigenschaft von Stadträthen, vier Israeliten, Aligusto Franchetti, Dott. Ernesto Levi, Ing. Vitta und Comm. Philippson und außerdem eine Anzahl jüdischer Gemeinderäthe. Die Wiffenschaft ist nicht ärmer an hervorragenden jüdischen Name»: Alessandro "d'Ancona, Professor der italienischen Litteratur an der Universität Pisa, der so Bedeutendes, besonders auf dem Gebiete der Danteforschung geleistet und eine Reihe der ausgezeichnetsten Männer hernngebildet, wie: Adolfo Bartoli, Pio Rajna u. A.; ferner Augusto Franchetti, Proseffor a» der Schola di Scienze Sociali in Florenz, Uebersetzer des Aristophanes, Cesare d'Ancona, Bruder des eben genannten Alessandro, Professor für Paläontologie am hiesigen Jnstituto di Studi Superiori, der Soziologe Professor Mortara, an der Universität Pisa, Sohn de? Rabbiners von Mantua, Marco Mortara u. A. In der Dichtkunst hatte zu Anfang dieses Jahrhunderts Salomo Fiorentiuo einen glänzenden Namen; von lebenden Dichtern tritt namentlich hervor David Levi, ein glühender Patriot und gewesener Abgeordneter, dem Herr Rabbiner Dr. Margulies in diesen Blättern bereits einen Artikel gewidmet, und der Senator Tullo Masserani. In der Musik ist vor Allem zu nennen der Maestro Consolo, einer der ersten Violinvirtuosen der Welt, von den meisten gekrönten Häuptern ausgezeichnet. Derselbe hat in seinem „Sefer Schire Israel" altspanische Melodien gesammelt und mit glänzender Meisterschaft in eine entsprechende Form gebracht. Als Komponist nimmt ferner einen hohen Rang ein der Maestro Baron Franchetti, Verfasser der Oper „Asrael" und des „Cristoforo Colombo", der seiner demnächstigen ersten Aufführung hier in Florenz entgegensieht. Die Skulptur ist unter den Juden durch den hervorragenden Künstler Ezechiel in Rom vertreten. Das religiöse Leben in Italien ist in bedeutendem Rückgänge begriffen. Freilich sind im Allgemeinen die Verhältnisse derart, daß sie das Gedeihen eines solchen nicht begünstigen. In den meisten Gemeinden entspricht diejenige Person, welche noch einen gewissen Einfluß auf sie ausüben könnte, der Rabbiner, den Anforderungen dieses Amtes so wenig, daß alle Männer von höherem Streben den religiösen Angelegenheiten fremd werden mußten. Dann nehmen eben die Juden an dem allgemeinen Jndifferentismus ihrer christliche» Umgebung Theil; der italienische Katholik, wenn er überhaupt noch das Bedürfniß nach einem Gottesdienste verspürt, hat seiner Pflicht genügt, wenn er Sonntags die Messe besucht; seine Religion ist ihm etwas ganz Aenßerliches, von dessen Inhalt er in der Regel keine Kenntniß besitzt. Die Berufsinteressen stehen bei Allen so sehr im Vordergründe, daß für meditative Augenblicke keine Zeit übrig bleibt; so auch bei den Juden, die im Uebrigen den sprichwörtliche» Aberglauben der Italiener theilen. In Rom besteht noch der Schatten eines jüdisch-theologischen Seminars, uv coltello senga lama e manico (ein Messer ohne Klinge und Stiel). Hier in Florenz arbeitet Herr Rabbiner