Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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f4 ton erklang sein Lied. — Den Werken hoher Menschlichkeit — Hat er des Daseins Kraft geweiht. — Cs lebt mit seines Namens Rnf, — Was er in Geist und Herzen schuf." Großbritannien. S. London, 2. April. Am 24. v. Mts. fand das jährliche Meeting des .Jewish Board of Guardians statt. Mr B. L. Cohen, der Vorsitzende, erstattete den Bericht, den wir, da er schon gedruckt vorlag und in früheren Nummern von uns gewürdigt wurde, übergehen dürfen. An den Bericht knüpfte sich eine Debatte, in der allgemein über die Gleichgiltigkeit der englischen Juden gegen ein so bedeutendes Werk, wie es der Board durchzusühren hat, geklagt wurde. Es fehlt nicht blos an Geld, sondern auch an persönlichen Mitarbeitern Der Vorstand wurde einstimmig wiedergewühlt und daun auf Antrag des Herrn F. D. Mocatta den angestelltea Beamten des Board der ganz besondere Dank der Generalversammlung ausgesprochen für ihr vorzügliches Verhalten. Insbesondere wurde allgemein die entgegenkommende und liebenswürdige Art gerühmt, mit der alle Armen von den Beamten des Board behandelt wurden, und die große Mühe, du sie sich mit den der Sprache und Landesgewohuheilen unkundigen Einwanderern jederzeit gegeben haben. Rußland. B. H. Riga, 2. April. Der „Odeßki Listock" bringt eine interessante Mittheilung über die Krim-Juden (Krimtschaki), welche in wortgetreuer Uebersetzung also lautet: „Zu den besitzlichen Völkerschaften der Krim gehören, außer den Zigeunern, noch die sogenannten Krimtschaki. Das Schicksal dieser tartarischen Kinder Israels, welche sich auf der Krim lange vor Christi Geburt angesiedelt haben, ist wirklich traurig. Die einst mächtigen und reichen Bürger des Cherssones, des byzantinischen Theodosia, von Mauguy unb Kyrk-Iera, sind jetzt elende, hilflose Arme, welche kaum noch den wißbegierigen Touristen interessiren. Aus allen von ihnen Jahrhunderte lang bewohnten Ortschaften allmählich verdrängt, erhielten sich die Krimtschaki am längsten in Tschufut-Kale, allein um die Mitte des XVII. Jahrhunderts wurden sie auch von dort durch die Karaim verdrängt. Das XVII!. Jahrhundert findet die Krimtschaki schon eingepfercht in Karassubasar, wo sie bis auf die gegenwärtige Zeit friedlich vegetiren. In der langen Periode der unfreiwilligen Umzüge haben die Krimtschaki viele glaubensgenössische Landsleute verloren, welche theils nach der Balkanhalbinsel, theils nach Grusien, Syrien nnd Aegypten ausgewandert sind Später wurde diese Lücke durch konstantinopeler spanische) und polnisch-litthauische Juden ausgefüllt, welche sich zu Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts in Karassubasar angesiedelt haben. Die Neuangekommenen nahmen Sprache (die tartarische), Kleidung, Litten und die Lebensweise ihrer krimschen Brüder an und verschmolzen mit der Zeit ganz mit ihnen. Jetzt kann man die eigentlichen Krimtschaki von den hinzugekommenen nur noch an ihren Namen erkennen; während die ersteren sich nach ihren heimathlichen, längst verlassenen Städten nennet wie z B. Manguy u. s. w., tragen die letzteren romanische oder deutsche Namen, wie Lambroso, Raphael, Kommen, Schwarz u. s. w. Was das sittliche Bild der Krimtschaki betrifft, so ist dieses ziemlich sympathisch,. Der naiv-gutmüthige, sanfte und stille Krimtschaki meidet ängstlich jedes Geschäft (Handel) und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Fabrikation von Leder und dem Schuygewerbe. Die Frauen der Krimtschaki rasiren sich den Kopf und kleiden sich genau so wie die grusinischen uni) persischen Jüdinnen. Die Armuth und Unwissenheit, welche unter den Krimtschaki herrschen, ist erschreckend. Wenn ihr dunkles, freudloses Leben in den letzten Jahren von einigen Licht- und Wärmestrahlen erhellt wurde, so haben sie diese Wohlthat ausschließlich ihrem jetzigen Chacham, dem konstantinopeler Juden, dem siebzigjährigen Greife Chaskio Medina zu verdanken. Das Volk, wie die einzelne Persönlichkeit ist tief unglücklich in der Gegenwart, es sucht Trost in der Vergangenheit, besonders da diese Vergangenheit wirklich hell und lebensfreudig war. Es ist daher natürlich/ daß die Krimtschaki ihre Blicke mit besonderer Liebe nach Tschufut-Kale und Mauguy wenden. Dort, in diesen leerest, ausgestorbenen und halbzerstörten Städten haben sie einst ein herrliches Leben geführt. Dort, im dunklen Schatten der Felsen schlafen den ewigen Schlaf ihre frommen Vorfahren, welche dem einzigen Gott dH Himmels und der Erde herrliche Tempel zu der Zeit errichtet haben, als ihre Nachbarn, die Tauren und Scythen, noch Menschen-Opfer den Götzen darbrachten. Dort endlich, om Fuße des Tschufut-Kale befindet sich das an Sarkophagen und herrlichen Mausoleen reiche, größte Heilizthum der Krimtschaki — „das Thal Jossaphat". — Die Karaim haben Tschufut-Kale gewählt, um dort die geplanten Festlichkeiten aus Anlaß der Wiederkehr des hundertsten Jahrestages, seitdem ihnen alle Bürgerrechte verliehen worden, zu veranstalten, als wollten sie hiermit die Krimtschaki selbst ihrer historischen Vergangenheit verlustig machen. Uon Nah und Fern. Am 5. d. starb hier im Alter von 86 Jahren der königliche Hoflieferant Herr N. Goldschmidt, Gründer des heute noch bestehenden Geschäftes von N. Goldschmidt-Tissot. Dieses zu Anfang der dreißiger Jahre begründete Geschäft war durch Jahrzehnte in Berlin fast das einzige, das sich den Verkauf wirklich guter kunstgewerblicher Gegenstände angelegen sein ließ. Der alte Kaiser Wilhelm pflegte es zur Weihnachtszeit regelmäßig zu besuchen. — Der verstorbene Geh. Kommerzienrath v. Bl eich rö der hat eine Summe von einer Million Mark zur Einrichtung einer Samuel Bleichröderschen Stiftung der Stadt Berlin vermacht, es soll diese Summe für Kranke, Rekonvaleszenten, kranke Kinder rc nach dem Willen der Testaments-Exekutoren verwendet werden. Die Letzteren haben sich nun mit dem Magistrat dahin verständigt, daß das Kapital zur Heilung von Lungenkranken verwendet werden soll. — In Gleiwitz ist am 6. d., im Alter von 56 Jahren, der königl. Kreisphysikus Sanitätsrath Dr. S. Hauptmann gestorben. — Aufsehen erregt in allen wissenschaftlichen Kreisen in Paris eine Mittheilnng, welche ein junger Wiener Arzt, Dr. Alexander Marmorek, der im Institut Pasteur thätig ist„ über ein neues Heilmittel in der Soci6te de Biologie gemacht hat, nämlich, daß es ihm gelungen sei, den Erreger der septischen Krankheiten, den Streptococcus pyogenes, zu züchten, was bisher nicht möglich war, und zugleich das Gegengift herzustellen, welches nach den bisherigen Versuchen von ungeahnter Wirkung sei, indem ein Zehnmilliardstel Kubikcentimeter des Gegengiftes ein Kaninchen tödte. Dieser Streptococcus ist, wie jetzt allgemein anerkannt wird, der Urheber der Blutvergiftung, des Wund- und Wochenbettfiebers und ganz besonders des Rothlaufes. Dr. Marmorek nennt sein Heilmittel Anti-Streptococcin. — Nach dem „Vessillo israelitico" waren in dem berühmten Zug der Tausend nach Marsala unter Garibaldi 1860 auch sieben Juden und fünf andere, die nach ihrem Familiennamen ebenfalls jüdischer Abstammung waren. — Tie „Archives Jsraelites" bringen in ihrer letzten Nummer einen interessanten Bericht, den der Präsident der französischen Republik, Felix Faure, 1876 über einen Besuch bei den Karäern in der Krim selbst verfaßt hat. — Der persönliche Ehrenbürger Herr Wolf Friedlausky in St. Petersburg wurde zum erblichen Ehrenbürger ernannt, und dem Ehreninspektor des von der Gesellschaft „Humanität" errichteten Gymnasiums, Herrn Hirsch Wölb rin sky, wurde die goldene Medaille am Wladimir- Bande verliehen. — Der Kurator des Unterrichtsbezirks Wilna hat nachfolgendes Schreiben an die Melamdim ergehen lassen: „Vom Ministerium der Volksbildung wird den Melamdim verboten: 1. den Kindern der Juden den Talmud zu lehren, 2. daß zwei Melamdim in einem Hause unterrichten, selbst wenn sie gesonderte Unterrichtsräume innehaben; 3. die hebräische Grammatik zu unterrichten, gleichviel aus welchem Lehrbuch immer; 4. hebräische Werke der neueren Schriftsteller, wie z. B. die von Schulman u. dgl., mit den Kindern zu lesen." — Die Studenten des Hebrew Union College in Cincinnati haben einen Verein zur Pflege der deutschen Sprache und Litteratur ins Leben gerufen. Professor Dr. Deutsch hat die Leitung desselben übernommen und eröffnete die erste Sitzung mit einer Ansprache an die Studenten, in der er in beredten Worten die hohe Bedeutung der deutschen Sprache für jüdische Theologen darlegte. Die Sitzungen erfreuen sich großer Popularität unter den Studenten — Die Gemeinde „Emanuel" in New-Jork wird am 13. April das Jubiläum ihres fünfzigjährigen Bestehens feiern. Herr Rabbiner Dr. Krauskopf von Philadelphia wurde von Herrn Dr. Gottheil eingeladen, die Festpredigt zu halten. Drua und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwit; in Berlin.