Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Sollen wir auch dem Kampf, den Vorurtheile und feindselige Gesinnungen gegen unseren Glauben und unsere soziale Stellung wieder heraufbeschworen haben, mit Erfolg Trotz bieten, so muß sich einerseits besonders die Jugend mit der Erkenntniß und dem sittlichen Gehalte ihrer Religion erfüllen und andererseits immer mehr Liebe zu dem schlichten aber soliden Erwerbszweige, dem Handwerk, gewinnen, von dem Israel durch den Druck der Zeiten, durch engherzige Ausschließung so lange abgedrängt wurde." Der hiesige Verein ist in der Rheinprovinz der älteste auf diesem Gebiete. Die Ausgaben des Vereins betrugen im Berichtsjahr insgesammt 2017 M., während die Einnahmen nur 1027 M. ergaben. Der Reservefonds in der Sparkasse beträgt 1006 M., in 4 pCt. Reichsanleihe 1081 M., wozu noch ein Guthaben mit drei Darlehen von 370 M. kommt. Der Verein sei allseitiger Theilnahme empfohlen. L. Bad Homburg, 5. April. Am 27. v. M. hat in Frankfurt am Main die Generalversammlung der „Achawa" stattgefunden. Sie war von Rabbinern und Lehrern gut besucht, Mitglieder aus weiter Ferne sogar waren anweseno. Ein Antrag, der vorlag, eine andere Vertheilungsart der Pensionen stattfinden zu lassen, wurde nach eingehenden Debatten und namentlich nachdem Herr Karl Marx aus Alsheim, ein erfahrener Schulmann, zahlenmäßig erwiesen hatte, daß der an und für sich gut gemeinte Zweck doch nicht erreichbar sei, einstimmig abgelehnt. Das ist schon die achte Generalversammlung, in welcher an den bewährten Fundamenten der Achawa gerüttelt werden soll, dazu angethan, eine tiefgehende Spaltung innerhalb des Vereins hervorzurufen. Ein solcher Verein, ohne staatliche Unterstützung und, fügen wir hinzu, leider auch ohne feste Jahresbeiträge seitens der jüdischen Kultusgemeinden — mit Ausnahme von Augsburg, Elberfeld, Fürth, Nürnberg, Tauberbischofsheim und Trier — kann nicht blos auf Selbsthilfe erbaut sein Der Verein befindet sich in einer der reichsten und wohlthätigsten Städte Deutschlands und bezieht seine Haupteinnahmen aus den Beiträgen und Spenden nicht aktiver Mitglieder, die gerne den Tribut des Dankes zahlen den Lehrern, die mitunter so kärglich besoldet sind. Die Debatten wurden recht lebhaft und parlamentarisch geführt. Die Verwaltung verlangte eine Erhöhung des Reservefonds für außergewöhnliche Unterstützungen um 500 M, es wurden ihr aber 1000 M. gewährt, so daß derselbe jetzt jährlich 3000 M. beträgt. Das Vermögen des Vereins ist im Jahre 1894 um 7000 M. gewachsen und hat nun die Summe von 204,835 M. erreicht. Herr Konsul Adolf Baer-Goldschmiot, der nach dem Tode des trefflichen Herrn Adolf Teblee provisorisch die Verwaltung übernommen hatte, wurde dazu bewogen, dieselbe noch weiter zu behalten. Hoffen wir, daß der verdienstvolle und würdige Herr, der bereits in seiner übrigen ehrenamtlichen Thätigkeit allzusehr in Anspruch genommen ist, recht lange an der Spitze des Vereins verbleibe, denn wir brauchen Männer, die „hilfreich und gut" sind, begeistert für humanitäre und ideale Zwecke. Die Verwaltung ist überhaupt aus sehr tüchtigen Männern zusammengesetzt und deshalb neu bestätigt worden. — Vor mir liegt nun der soeben erschienene 30. Rechenschaftsbericht der Achawa, worüber hier einige Mittheilungen gegeben werden. Wie vor einigen Jahren Herrn I. Klingenstein s. A., dem Begründer der Achawa, ein Nachruf gewidmet und sein Bild beigegeben wurde, so auch jetzt dem unvergeßlichen, seit 1872 als Vorsitzender überaus thätig gewesenen Herrn Adolf Teblee s. A. Das Vorwort bespricht in schönster Weise die Wirksamkeit des menschenfreundlichen und hochgeachteten Mannes, der als ewiges Mitglied in die Reihen der um den Verein besonders verdienten Männer ausgenommen wurde. — Der Verein empfing im verflossenen Jahre von 919 Ehrenmitgliedern 5514 Dl., einem lebenslänglichen Ehrenmitgliede 150 M., 350 aktiven Mitgliedern 2100 M., aus rückständigen Beiträgen 54 M., aus freiwilligen Jahresbeiträgen von Gönnern und Gemeinden 515.64 M., aus Einkaufsgeldern 17 Neubeigetretener 585 M., aus Zinsen 7826.50 M., aus Rückzahlung gezogener Effekten 1673.25 M., aus Geschenken (worunter Gaben von zweimal 500 M. und eine von 5000 M. von dem sel. Herrn Leopold Beer, ehemaligem Lehrer an der Realschule in Frankfurt a. M.) 8837.10 M. Ausgegeben wurden 2390 M. des Reservefonds und 14,315 M. (= 1021/4 Theile ä 140 M.) und zwar an 43 alleinstehende Personen, 38 Ehepaare oder Wittwen mit oder ohne Kinder. Wer sich die Tabelle darüber genau betrachtet, der wird sich sagen müssen, daß die Achawa in hervorragender Weise bestrebt ist, so viel als möglich Sorgen zu bannen und Elend zu mildern. Wohl ist sie kein Allheilmittel, aber sie darf Platz nehmen neben den großen Instituten des Judenthums, wie der Alliance israelite universelle, dem D.-J. Gemeindebunde, dem Verein Lemaan Zion, dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus re. Nun noch die erfreuliche Mittheilung, daß auf ein Kondolenzschreiben seitens des Vorstandes an die Erben der jüngst verstorbenen Freifrau von Rothschild kürzlich 4000 M. an die Kasse des Vereins gelangten. Oesterreich - Ungarn» □ Wien, 8. April. Das Ergebniß der hiesigen Gemeinderathswahlen hat die schlimmsten Befürchtungen übertroffen, welche man bezüglich seines Ausganges gehegt hatte. Tie Antisemiten haben nicht nur ihre bisherigen Positionen behauptet, sondern von den Liberalen achtzehn Mandate erobert. Die antiliberale Partei rückt 64 Mann stark ins Rathhaus ein, während der Fortschrittspartei 74 Sitze verbleiben — wir sagen vorläufig, weil man auf einige Uebertrilte rechnet und sogar schon deren Namen nennt. — Der Vicepräsident des Abgeordnetenhauses, David v. Abrahamowicz, hat von der jüdischen Bevölkerung Lembergs eine Dankadresse mit zahlreichen Unterschriften erhalten. Die jüdischen Gewerbetreibenden und Kaufleute Galiziens danken darin dem Abgeordneten für sein Wirken in der Frage der Sonntagsruhe, welches von einem den galizischen Verhältnissen Rechnung tragenden Erfolge begleitet war. — Unter den Eingeladenen bei der Soiree des Ministerpräsidenten Fürst Windischgrätz befand sich auch Oberrabbiner Dr. Güdemann. — Vergangene Woche ist in Meran der Hofzahnarzt Dr. Max Hirsch selb im Alter von 66 Jahren aus dem Leben geschieden. Der Verstorbene, welcher an dem Feldzuge des Jahres 1859 theilnahm und wegen seiner Haltung vor dem Feinde unter besonderer kaiserlicher Belobigung zum Regimentsarzte avaneirte, ist auch in Wien durch seine wissenschaftlichen Vorträge und seine litterarische Thätigkeit hervorgetreten. — Der römisch-katholische Episkopal Galiziens hat jetzt gegen den bekannten Bauern-Agitator und Führer der christlich-sozialen Partei, Pater Stojalowski, der schon einmal a sacris und a divinis suspendirt, dann in Acht und Bann erklärt worden, auch wiederholt mit dem Strafgesetze in Konflikt gerathen ist und im vorigen Monat auf Grund des Wahrspruches der Teschener Geschworenen wegen verschiedener Delikte zu viermonatlichem Arrest verurtheilt wurde, neuerdings eine Aktion eingeleitet. Ein gemeinsamer Hirtenbrief, den jetzt der Lemberger Erzbischof, der Krakauer Fürstbischof, sowie die Bischöfe von Tarnow und Przemysl unterfertigt haben, wendet sich direkt gegen das verhetzende Treiben des unverbesserlichen Pater Stojalowski, der, wie es im Briefe heißt, einmal in Rom nach einer Büßerprozedur Abbitte gethan und feierlich erklärt habe, die Herausgabe seiner Volksblättchen Wieniee, Pszezolka und Dzwon einzustellen, welche unter dem Vorgeben, sich des Volkes und dessen Wohlstandes anzunehmen, das Volk gegen die Ungerechtigkeit der Behörden und die Bedrückung seitens der Begüterten in Schutz zu nehmen, in Wirklichkeit aber blos zum Hasse gegen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft, zum Ungehorsam und zur Verachtung aufreizen, die Autorität der weltlichen und kirchlichen Behörden verspotten und überhaupt die Leichtgläubigen irreführen. — Das Grabdenkmal des Dichters Ludwig August Frankl ist gestern auf dem Centralfriedhof zur Aufstellung gelangt. Dasselbe ist von seinem Freunde Johannes Benk ausgeführt und wurde dem Heimgegangenen vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde gewidmet. Das Epitaph ist altarartig aufgebaut. Auf Stufe und Sockel erhebt sich ein Pilasterrundbogen, der eine Widmungstafel einschließt Den Abschluß des Monumentes bildet ein Aufsatz, welchen die mit Lorbeer durchflochtene, durch einen Schleier zum Theil verhüllte Davids-Harfe krönt In die Pilaster und in die Zwickel des Rundbogens sind in flachen Reliefs die Symbole aus den Wappen Frankl's gemeißelt. Dieselben haben Bezug auf die Gründung einer Schule in Jerusalem (die Ceder), des Blindeninstituts auf der Hohen Warte in Wien (das blinde Kind), die Errichtung des Schillerdenkmals in Wien (das Einhorn) und die Doktorwürde des Verblichenen (der Aeskulapstab). Die Verse auf der Widmungstafel rühren vom treuen Freunde Frankl's, von Ferdinand v. Saar, her. Sie lauten: „Es war ein Dichter, der da schied, — Wie Harfen-