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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-12 · Heft 15 (12.4.1895) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 179 (sequence 13)
Language
German
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Wären Beide nicht sehr unbefangen gewesen, so hätte es ihnen anffalle» müssen, daß er bemüht war, sie nicht noch weiter mit der Haushälterin sprechen zu lassen. „Meine armen Kinder!" seufzte er, als er sich von ihnen getrennt und sein Zimmer aufgesucht hatte. „Ich möchte es ihnen so gern fern halten, aber wie lange wird sich das durchführen lassen? Einen Korb mit Blumen und Früchten erwarten sie zum Willkommen! Mir haben meine Nachbarn und Gönner ganz andere Begrüßungen zugesandt." Er griff bei diesen Worten nach einem ganzen Stoß von Zeitungsblättern und kleinen Druckschriften, die jedes einzeln heute unter Kreuzband für ihn eingegangen tvaren, und die er bei seiner Ankunft auf seinem Schreibtisch vorgefunden hatte. „Wacht", „Bundschuh", „Frei Deutschland" las er, indem er eines dieser Blätter nach dem andern durch seine Hände gleiten ließ. In jedem derselben und in einer Anzahl anderer, meist in kleinen schlesischen Städten erscheinenden Wochenblättche» fand er zwischen andern, die Juden und das Judenthnm in der niedrigsten und frivolsten Art beschimpfende» und verleumdenden Artikel, einen Aufsatz mit der Ueberschrift „Ein Wohlthäter der Arbeiter", in welchem er und sein Thun in der schmählichsten Weise heruntergezogen und der Nachweis versucht ward, daß er unter dem Deckmantel der Arbeiterfreundlichkeit eine schanilose Ausbeutung betreibe. „Fürchtet die Juden, besonders wenn sie Geschenke bringen", lautete der Titel einer dasselbe Thema behandelnden Flugschrift, eine zweite nannte sich ohne Anlehnung an ein klassisches Citat, aber dafür um so geschmackvoller, „Die Laus im Christenpelz", eine dritte „Die Drohnen im deutschen Bienenkörbe". May las eine Zeit lang bald in dieser, bald in jener Schmähschrift, dann schleuderte er sie voll Ekel und Entrüstung von sich. „Diese abscheulichen Lügen und Verdrehungen verbreitet man täglich unter das Volk, und das Gift wirkt, es hat sich schon tief, tief eingefressen! Mein alter, guter Geschäftsführer Leonhard hat sogar Besorgnisse und erinnert mich an den Weberaufstand der vierziger Jahre, dessen er sich aus seiner Knabenzeit noch entsinnt. So weit gehe ich denn doch nicht. Es ist nicht möglich, daß die Leute sich so sehr verblenden laffen, so sehr gegen sich selbst wüthen werden. Haben sie bei einem Fabrikbesitzer in ganz Schlesien solche Löhne, solche gesicherte Zukunft, solche Wohnungen wie bei mir? Hat einer so viel für ihre Kinder, ihre Wittwcn, für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden gethan? Alles vergebens, und warum? — Weil ich ein Jude bin." Er war aufgesprungen und heftig im Zimmer auf und abgegangen. Nun blieb er am Fenster stehen und ließ den frischen Abendwind um seine erhitzte Stirn streichen. „Ich sehe die Dinge doch wohl zu schwarz," fuhr er beruhigter fort, „mögen die Hetzereien für den Augenblick Eingang gefunden haben, tief kann das nicht gegangen sein, dazu kennen die Leute mich doch zu lange. Das Unglück hat gewollt, daß ich ihnen diesmal länger fernbleiben niußte als sonst, man hat Nutzen daraus gezogen; verkehre ich aber nur ein paar Tage persönlich mit meinen Arbeitern, rede ich vernünftig und freundlich, wie sie es von mir gewohnt sind, mit ihnen, so verschwindet gewiß der ganze Spuk wie Nebel vor der Sonne." Er schloß das Fenster, zündete ein Licht an, löschte die auf seinem Schreibtisch brennende Lampe und begab sich in sein neben dem Arbeitszimmer belegenes Schlafzimmer. Schon war der Optimismus dieses idealen Mensche» wieder wachgerufen. Er konnte nicht an die fortwuchernde Macht des Bösen glauben, selbst da er schon am eigenen Leibe die Krallen des Unholdes empfand. II. Obwohl die Stimmung manches Konkurrenten gegen Emanuel May von lange her keine allzu freundliche gewesen war, hatte man sich ihn; gegenüber dies nie vierten laffen, und der Verkehr seiner Familie mit den umwohnenden Fabrik- und Gutsbesitzern, wie mit andern zur „Gesellschaft" zählenden Persönlichkeiten war während des Aufenthaltes in Altrode immer ein recht lebhafter gewesen. Seine Kinder hatten unter ‘ den Söhnen und Töchtern der „Honoratioren" eine große Anzahl Freunde und Freundinnen, die sich schon wochenlang vorher zu erkundigen pflegten, wann die May's in diesem Frühling eiutreffen würden. Lina und Rosy hatten sich lange vor der Abreise von Berlin auf das Wiedersehen mit den schlesischen Freunden und Freundinnen gefreut und sich vorgenoinmen, viel mit ihnen zusammen zu sein, wenn es auch dabei stiller hergehen würde als früher, da sie ihrer Trauer halber an Tanzvergnügen und größern Festlichkeiten keinen Antheil nehmen konnten. Sie hofften auch mit Bestimmtheit darauf, daß einige von ihnen nicht ihren Besuch nbwarten, sondern, wie dies früher geschehen, schon am ersten oder zweiten Tage nach ihrer Ankunft vorsprechen würden, um sie zu begrüße». Als jedoch diese rmd auch der dritte Tag vergangen waren, ohne daß sich Jemand hatte blicken lassen, sagte Rosy zu Lina: „Man scheint während der Zeit, wo wir nicht hier gewesen sind, gar steif und förmlich geworden zu sein und erwartet überall uusern Antrittsbesuch." „So wollen wir nicht länger damit zögern," antwortete die Schwester. „Fahren wir heute Nachiuittag und machen wir den Anfang in Trinum; ich möchte Anna doch zur Rede stelle», weshalb sie uns dieses Jahr den Korb mit Erdbeeren vorenthalten hat. Sie muß rms schadlos halten und uns heute von ihren schönen Früchten schnrausen lassen." Das scherzhaft hingeworfene Wort sollte nicht zur Ausführung kommen, denn als sie an der Rampe des auf einer Anhöhe belegeneu schloßartigen Wohnhauses des Majors und Rittergutsbesitzers vor; Osten vorfuhren, kam ihnen, noch ehe sie den Wagen verlassen hatten, ei» Diener entgegen und meldete in bedauerndem Ton, die Herrschaft sei ansgefahren und werde vor Abend nicht wieder »ach Hause zurückkehren. Die Schwestern gaben ihre Karten ab, bestellten Grüße und befahlen dem Kutscher, nach der in der Nähe befindlichen Fabrik des Kommerzienraths Dietrich zu fahren. Dort ward ihnen derselbe Bescheid. „Was ist das nur heute? Sind alle Leute unterwegs?" sagte Lina, als sie tveiter fuhren. „Ist Dir nicht aufgefallen, daß sowohl bei Ostens, wie bei Dietrichs der Diener eine so sonderbare Miene gemacht hat, ungefähr wie Jemand, der eine Unwahrheit sagt?" fragte Rosy. 1 /

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