Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- Seite 178 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 178 nicht anders als aus der Erfahrung kennen lernen kann. Ich war wirklich der Meinung, es könne mit diesem Manuskript, selbst in Berlin, kaum irgend eine Schwierigkeit haben. Jetzt will ich froh sein, wenn in Rheinpreußen Alles gut geht. Einer meiner Bekannten, der sich einmal in Wetzlar aufgehalten hat, versichert mir, daß dort die Censur sehr milde geübt werde. Ich hoffe, daß auch Sie von dort oder von Koblenz eine befriedigende Auskunft erhalten werden, und bin bereit, sobald mir Ihre Notiz darüber zugekommen sein wird, den Rest meines Manuskripts an die anzugebende Druckerei zu schicken. Für Ihre Bemerkungen, liebster Freund, über die Art, wie ich meinen Gegenstand behandelt, sage ich Ihnen den herzlichsten Dank. Ihre Rüge über die Heftigkeit meiner Sprache weiß ich wohl zu beherzigen, Sie können mir glauben, daß ich mich selbst manchmal nach milderen Ausdrücken umgesehen habe, aber ich habe diesem seit Jahren in den mannichfaltigsten Formen fortgesetzten verläumderischen und boshaften Treiben gegenüber keine finden können. Ich gebe Ihnen zu, daß der Einzelne vielleicht das in der Atmosphäre verbreitete Miasma der Gehässigkeit aus bloßer Stumpfheit und Geistesträgheit, gewissermaßen willenlos, in sich aufnimmt und wiedergiebt, aber wir müssen uns doch einmal an diesen Einzelnen, zumal bei so vergifteten Aeußerungen, halten. Wir müssen die Zurechnungsfähigkeit und Willensfreiheit unserer Gegner, um mit ihnen streiten zu können, voraussetzen, und müssen uns der Zweifel an beiden, die am Ende nicht gewichtiger sind, als bei vielen andern menschlichen Vergehungen, entschlagen. Es mag sein, daß auf solche Weise der Eine mehr die Schuld einer Gesammtheit, als seine eigene büßt. Aber wer weiß, ob nicht selbst mancher Verbrecher, den das Gesetz bestraft, für die Gebrechen der Gesellschaft und eine unwiderstehliche Verkettung der Ursachen und Wirkungen büßt? Daß ich meinen Gegner, und die es einmal mit ihm halten, durch solche Angriffe nicht zum Widerruf bewegen werde, das weiß ich sehr wohl. Aber wo wäre denn heut zu Tage ein Beispiel zu finden, zumal auf diesem Gebiete, daß Einer, der einmal in die Bande der Lüge verstrickt, der Wahrheit die Ehre gegeben und widerrufen hätte, wäre man ihm auch, wie ja mehrfach versucht worden, mit den mildesten und schonendsten Vorstellungen entgegengetreten? Das Höchste, was hier zu erreichen, ist nur das. Andere besonnen und vorsichtiger zu machen, einen litterarischen Militär-Kordon um den Kreis der Lüge zu ziehen, daß sie nicht weiter um sich greife. Die Strafrechtstheorie für litterarische Züchtigungen kann leider die der Abschreckung, nicht der Besserung sein. Es bleibt aber dennoch etwas übrig, was mich bei der Sache beunruhigt, die Erwägung nämlich, daß es eine Grenze des Anstands und der Schicklichkeit giebt, welche nicht zu überschreiten man, wenn nicht seinen Gegnern, doch sich selbst schuldig ist. Die Bestimmung dieser Grenze ist Sache des Gefühls und Geschmacks, und diese möchten vielleicht bei mir in der Hitze polemischer Produktion die nöthige Empfindlichkeit verloren haben. In dieser Hinsicht werde ich mir für die Zukunft Ihre freundliche Warnung zu Nutze machen und die Zügel straffer anziehen. Für jetzt würde es mir ganz recht sein, wenn Sie selbst, falls Sie noch im Besitz des Manuskripts sind, für einzelne, allzu heftige Stellen, zumal wenn ähnliche Wendungen der Art Ihnen häufiger, als billig, wiederholt schienen, den mildernden Censor machen wollten. Meine Auffassung der Natur des Judenhasses ist ziemlich verschieden von der Ihrigen. Ich halte ihn für etwas wesentlich Schlechtes, das in den verwerflichsten Neigungen der menschlichen Natur seine Wurzel und seine Anhaltspunkte hat. Sagen Sie mir doch, ob Sie viele Judenfeinde in Ihrem Leben gekannt haben, die ihrer vermeintlichen Antipathie irgend einen Vortheil oder eine Annehmlichkeit, eine Freundschaft, Protektion oder sonst nützliche Verbindung, ja auch nur ein gutes Mittag - essen aufgeopfert hätten. Mir sind solche Exemplare kaum je vorgekommen. Ich habe nie gefunden, daß der bessere Christ sich scheute, von den Juden — auch abgesehen von näheren Freundschaftsbeziehungen — Gefälligkeiten oder Wohlthaten anzusprechen, oder daß er sie weniger von ihm, als vom Christen, erwartete. Noch weniger Anstand nimmt der schlechtere Christ, vor dem reichen Juden zu kriechen, wo er den kleinsten Gewinn zu erlangen hofft. Und das Alles thun Leute, die sich auf ihre Antipathie recht viel zu Gute thun und sie für den Gebrauch bei passenden Gelegenheiten wohl verwahren, Nur wo Neid, Dünkel, Selbstsucht zu befriedigen sind, wo irgend ein schlechter Zweck zu erreichen ist, da wird der Judenhaß lebendig und wirksam. In den Faden dieser litterarischen Judenverfolgung selbst, mit der ich es zu thun habe, lassen sich genau die Momente Nachweisen, wo und wie man schändliche Zwecke durch die Einmischung des Judenhasses verfolgt hat. — Es läßt sich über alles das zu viel für die Grenzen eines Brieses sagen; darum nur das noch, daß mich gerade diese Auffassung von jeder inneren Reizbarkeit und Empfindlichkeit gegen die Aeußerungen des Judenhasses befreit und mich, bei aller Lebhaftigkeit der Abwehr, innerlich vollkommen beruhigt hat, weil sie mich den Haß hat verachten gelehrt." Der Druck der Hefte ist dann wirklich außerhalb Berlins borgen ommen worden. (Fortsetzung folgt.) XSSÜiMii W 1. ‘!i;Kun«!im;i:Evy { 1 FEUILLETON || 3 ttfgüümnfnmiii §j ” ' ' ---—“ ' 1 i— i ■uciiwimung^ \-^ Aufgegangene Saat. Ein Zeitbild von Jenny Hirsch. (Fortsetzung.) ,s dünkte May eine Entweihung des Andenkens seiner geliebten Frau, wenn er die stille, heilige Trauer, die er um sie trug, zum Deckmantel einer aus ganz anderen Ursachen herrührenden Verstimmung' machen wollte. Lina glaubte ihn zu verstehen und sagte ablenkcnd: „Iß doch noch ein wenig, Väterchen, Du hast die köstlichen Forellen, die Frau Schmidt uns vorgesetzt, noch gar nicht gekostet. Darf ich Dir davon vorlegen?" Er nickte zustimmend und bemerkte, während er einen Bissen davon zu Munde führte: „Frau Schmidt hat sich wieder mit Ruhm bedeckt. Was hat sie uns Alles aufgetischt!" „Wie schön alle Zimmer in Ordnung sind!" lobte Lina. „Und welche herrliche Guirlanden sie um die Thüren gewunden hat!" fügte Rost) hinzu. „Wir wollen ihr unsere höchste Anerkennung allssprechen und sie fürstlich belohnen," bemerkte der Vater mit einem schwachen Versuche zu scherzen. „Das Erforderliche dazu habt Ihr ja wohl in Euren Koffer» mitgebracht?" „Wir haben Niemand vergessen!" rief Rost) lebhaft. „Auch unseren Freundinnen bringen wir allerliebste Sächelchen mit. Sie lverden staunen, was es in Berlin für Neuheiten giebt." „So, so," sagte der Vater, aber es klang gar nicht zustinimend. „Ist Dir's nicht recht, lieber Vater?" fragte Lina. „Aber warmn sollte es nicht?" entgegnete er. „Ich freue mich darauf, die Mädchen wiederzujeheir," plauderte Rost) weiter, „nicht wahr, Väterchen, wir dürfen sehr bald den Wagen nehmen und umherfahren, zu Dietrichs, zu Egestorffs, zu Vierthalers, zu —" „Aber da muß ich doch sogleich frage»!" unterbrach sie Lina und sprang auf: „Wo ist denn der Korb mit Blumen und Erdbeeren, de» Anna von Osten uns jedes Jahr aus ihren Treibhäusern als Willkommen schickt. Warum hat Frau Schmidt den nicht ans den Tisch gestellt?" „Es wird keiner gekommen sein," bemerkte der Vater. „Ach, das ist ja gar nicht möglich!" erwiederte Lina ringläubig und hatte bereits ans de» Knopf der elektrischen Klingel gedrückt, was die Hausverwaltern, sogleich herbeirief. Die sehr saubere, rundliche Frarr gerieth bei der Frage nach dem Blumenkorb sichtlich in Verlegenheit und warf verstohlen einen mitleidigen Blick auf die jungen koinmen fragte st »I fährt ja kurz abs Töchter, Wi trat er plauderl so hätte noch w« trennt > gern fe Einen kommen Begrüß Er Zeituiw unter { Ankunf „T dieser st jedem i fischen die In beschim Uebersä Thun i versucht eine sck lautete zweite dafür, „Die % M schuft, „S täglich eingefr Besorg Jahre, gehe ic so sehr Haben solche i so viel Wohlb ein Ir E gegang Abend' fort, „