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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-12 · Heft 15 (12.4.1895) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 176 (sequence 10)
Language
German
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176 dem ücf des Hauses, sang er das hohe Lied, das Lied von der Liebe. Darum heißt es auch nicht das hohe Lied des Königs Salomo, sondern des Salomo schlechtweg, denn nicht dem Könige, sondern dem Menschen, dem der Königsmantel nicht das Höchste war, blühte das wahre Glück; man hat nicht mit Unrecht den Ruhm dem Waffer des Meeres verglichen, dessen Genuß den Durst nicht stillt, sondern steigert; so sei auch, wer Ruhm erstrebt, nie befriedigt. Aber dem Könige wie dem Geringsten ist es der höchste Segen, wenn er Liebe findet, wenn er nicht vereinsamt durch das Leben wallt; die Liebe ist die Morgenröthe, die unsere Jugend umsäumt, sie ist die Mittagssonne in den Jahren der Rüstigkeit und des gereiften Daseins, sie ist das Abendroth der Greise, und selbst dann, wenn die Menschen, die wir liebte», nicht mehr auf Erden weilen, ist die Erinnerung ein süßes Glück, wie wohl die Sonne, auch nachdem sie schon längst untergegangen ist, einen matten Schimmer zurückläßt. Die Alten rühmen in mannigfachen Gleichnissen Salomos Weisheit; sie sagen: Denkt Euch einen Kasten voll von Edelsteinen, aber ein Deckel verschließt das unscheinbare Gefäß, Niemand kennt seinen Inhalt, es steht unbeachtet im Winkel, da kommt Einer und hebt den Deckel und alle Welt freut sich der leuchtenden Steine; so seien die Lehren des Mose Edelsteine gewesen in der Truhe, aber Saloinos Weisheit hat sie Allen gezeigt. Oder denkt Euch einen Brunnen, tief unten im Grunde, man hört sein Rauschen, am Rande stehen durstende Menschen und sehnen sich nach dein klaren und kühlen Trunk, da kommt Einer des Weges und bindet Seil au Seil und dann nimmt er einen Eimer und an dem langen Gewinde läßt er ihn hinab in die Tiefe und holt herauf den frischen Trunk, daß Alle sich laben; so sei die Lehre des Mose ein Quell in den Tiefen gewesen, der Niemand labte, bis Salomos Weisheit das Seil wurde, das den Brunnen nutzbar machte. Und alle diese Weisheit des außerordentlichen Mannes, der unter Pflanzen und Thieren Bescheid wußte, der viele tausend Sprüche und Lieder gedichtet hatte, gipfelte in dem hohen Liede, das die Liebe als eine Gluth Gottes preist. Wie sehr wurde es dem Salomo erschwert, zu dieser edlen Anschauung von weiblicher Würde zu gelangen, da er als ein orientalischer Despot nur die Entwürdigung, nur die Sklaverei der Frauen kenne» lernte und nach dem Berichte der Schrift an tausend Frauen im Harem des Königs weilten. Aber ist es richtig, die Irene Neigung, welche Mann und Weib zusammenführt, und die dann in der Ehe ihre Krönung und Vollendung findet, mit so hohen Worten zu preisen? Das Judentum freilich stellt die Ehe so hoch, daß es keinem Priester gestattete, einen Dienst im Heiligthum zu verrichten, wenn er ehelos lebte, wenn er ausgeschlossen war von den Freuden und Sorgen des Hauses; indcß, wenn wir unbefangen und ohne Vorurtheil uns in der Welt umsehen, sv erkennen wir leicht, daß die Ehelosen, durch keine Rücksicht eingeengt, viel energischer für die Pläne und Ziele eintreten können, die sie für recht und gut halten. Die Pflicht, für sein Haus zu sorgen, es gegen Unbill und Noth zu schützen, ist so übermächtig, daß selbst ein tüchtiger und fester Charakter in den Kämpfen des öffentlichen Lebens sich nicht ganz auf gerader Bahn halten kann, wenn die Pflicht gegen das Gemeinwohl und die Pflicht gegen das Haus in Widerstreit gerathen. Diejenigen, die wegen ihres Mannesmuthes, wegen der unerschütterlichen Treue gegen ihre Grundsätze, wegen ihrer unbedingten Hingabe an das Gemeinwohl am lebhaftesten bewundert werden, sind sehr häufig ehelos; sie haben es leicht, ihre ganze Sorge der Gesammtheit zuzuwenden, da sie nicht für ein eigenes Heim zu sorgen haben. Wer möchte leugnen, daß in einzelnen Persönlichkeiten die Leidenschaft, ihrem Volke zu dienen, oder sich der Wissenschaft zu widmen, so sehr ihr ganzes Dasein beherrscht, daß ihnen die Ehe nur eine Fessel sein würde. Solche Leute giebt es in der Gegenwart, solche gab es auch in der Vergangenheit. Der Talmud erzählt von einem Manne, Ben Asai mit Namen, der erbaulich zum Lob von Liebe und Ehe redete, selbst aber unverheiratet blieb. Da neckte ihn sein Genosse und sprach: „Mancher kann über das Glück des Hauses lieblich reden und erstrebt dies Glück auch für sein eigenes Dasein. Sehr Biele wissen dies Glück für sich zu erringen, ohne cs darum in schönen Worten rühmen zu können. Du aber benimmst Dich sonderbar, deiin Du empfiehlst Liebe und Ehe und trachtest doch nicht selbst danach." Da sagte Ben Asai: „Was soll ich thun? Meine Seele verlangt einzig nach der Thora." Aber wenn es auch einzelne Ausnahineu geben mag. Menschen, die, ganz erfüllt von dem Verlangen, sich dem Volkswohl oder der Wissenschaft zu opfern, des Feuers nicht bedürfen am eigenen Herd, im Allgemeinen ist, die Treue gegen das Haus die Gottesflamme, an der sich alle unsere Tugenden, alle unsere Seelenkräfte entflammen und begeistern, von der alle unsere Freuden ausstrahlen, die auch die Wolken der Sorgen und der Schnierzen mit ihrem sonnigen Schimmer verklärt. Zu manchen Ausartungen, sollte man meinen, seien nur die Ehelosen fähig. Vielleicht das häßlichste Blatt in der Geschichte der neuern Zeit bilden jene Glaubensgerichte, von denen gerade die Sprossen unseres Stammes so sehr gelitten haben, und das Raffinement der Grausamkeit und der Bosheit, mit der diese Eiferer den verfolgten, der einer Ketzerei verdächtig war, die Lust, mit der sie den Scheiterhaufen entzündeten und zur Verrohung des Volkes dadurch beitrugen, daß sie das Elend der Märtyrer zu einer Volksbelustigung gestalteten, läßt uns beinahe an die Existenz von Teufeln glauben. Aber diese Männer waren keine Gatten, keine Väter; es ist nicht wahrscheinlich, daß sie so völlig gegen jede Regung der Menschlichkeit verschlossen gewesen wären, wenn sie wie andere Menschen an Freud und Leid der Familien Theil gehabt hätten. Es gab in unserer Mitte Eiferer, welche das hohe Lied ausstoßen wollten aus der Reihe der heiligen Schriften, als sei es kein würdiger Gegenstand eines heiligen Sängers, die Liebe zu feiern; aber da erhob sich der Widerspruch mit den schier überschwänglichen Worten: Wenn die ganze Thora heilig, so ist dies Lied von der Liebe das Allerheiligste, denn alle Kräfte der Seele, alle Blüthen der Herzen entfalten sich, wenn Mann und Frau im heiligen Feuer gegenseitiger Neigung sich weihen, immer weiser, immer besser zu werden, sich um des Hauses Wohlfahrt mühen. Unsere alten Meister lehren: Es heißt im hohen Liede, Salomo sagt: „Stark wie der Tod ist die Liebe", das gilt von der Liebe, die Mann und Frau einander widmen. Wie der Tod Alles überwindet, so schrickt auch die Liebe vor keinem Opfer zurück, so entfaltet oft der Schwache Riesenkraft, um der Gefahr zu wehren, die dem Geliebten droht. Stark wie der Tod ist die Liebe, ja in frommen Gemüthern lebt die Empfindung, daß sie noch stärker ist als der Tod, daß sie über die Schranken des Diesseits hinausreicht in die Gefilde der Seligen. Eine Greisin, der der Gefährte der Jugend von dannen gezogen ist, unterhält sich oft in einsamen Stunden in lauter Rede mit ihm, als weilte er wie sonst in ihrer nächsten Nähe; jo fest ist ihr Glaube, daß, was die Liebe verbunden hat, in alle Ewigkeit nicht getrennt werden kann. Wir aber sollen nicht nur dem Liede lauschen, um uns an der dichterischen Schönheit deS Sanges zu er-

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