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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-12 · Heft 15 (12.4.1895) · p. Seite 175

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 175 (sequence 9)
Language
German
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175 So ist es in Europa. In Amerika würde der Betreffende sich fügen oder schlimnisten Falls aus der Gemeinde anstreten, wobei hundert gegen eins zu wetten ist, er werde später einmal wieder zurückkommen. Ich kann dafür eine Anzahl interessanter Beispiele bringen. Eine Gemeinde hat schon vor 20 Jahren den Beschluß gefaßt, die Hüte beim Gottesdienst abzulegen, und noch heute starrt uns eiir einsamer Cylinderhut auf dem Haupte eines alten Mannes entgegen. Während der Predigt verschwindet auch dieser und vielleicht wird desien Besitzer, wenn er lange genug lebt, ihn einmal nicht mehr zu „Alenu" aufsetzen. Eine andere Gemeinde hat ein reformirtes Gebetbuch eingeführt. Eines ihrer Mitglieder, ein guter, schlicht frommer Greis, fühlt sich begreiflicher Weise dabei sehr unbehaglich, aber austreten will er doch nicht. So besucht er jeden Sabbath seine Synagoge, nur an den hohen Feiertagen geht er dahin, wo man zu dem Gotte des unverkürzten Machsors betet. Ein Anderer ist ganz ausgetreten und hat mit einigen Gesinnungsgenoffen eine orthodoxe Synagoge gegründet. Dort geht es ganz so zu, wie es „Gott haben will." Am Sabbath Schekalim werden dem lieben Gott die Maße, Münzen und Gewichte vorgebetet, an den Feiertagen wird den Engeln Maß genommen von der 500 Meilen langen Ferse bis zu de» Haaren am Scheitel; die Söhne Arons, die gestern alte Kleider kauften oder vielleicht noch heute Morgens müde Seelen mit Branntwein labten, treten in Strümpfen, die einmal sauber gewesen sein dürften, vor die Lade, um den gebotenen Priestersegen zu sprecheil, und für sie bedeutet das N2 der heiligen Schrift nicht nur, wie Siphra lehrt, denselben Wortlaut in hebräischer Sprache, sondern sie dehnen es selbst auf das „aha-aha" aus, das sie vom Großvater ererbt haben. Ja, soweit geht es ganz gut, und Gott im Himmel muß eine Freude davon haben. Da kommt der Vcrsöhnungstag, und die führenden Männer der Gemeinde, welche Süddeutsche sind, bestehen auf ihrem Machsor. Die Gefährten hingegen, die ans Ungarn oder Posen stammen, erheben Einsprache. Ist doch das P|p7i ,137131 das heiligste aller Gebete, und sollen wir es entbehren, weil es nicht in euerm Machsor steht! Die eigentlichen Polen sind, wie ich hier bemerken will, viel toleranter und, wenn sie in eine deutsche Synagoge gehen, zu civilisirt, um über das Machsor Krieg zu führen. Anders die heißblütigen Magyaren, die gewohnt waren, jede Differenz über das Aufrufen, Ausheben und Einheben vor den Stuhlrichter zu bringen und auf dieser dogmatischen Basis ihre orthodoxen, neologeil und status czno-Gemeinden zu bilden. Der Versöhnungstag geht ohne Versöhnung vorüber. Die ungarischen Mitglieder verweigern die Zahlung ihrer Beiträge, weil man ihnen das Würgen und Steinigen, welches Cheskele Chazan zu Hause in Janoszhaza so täuschend ähnlich im SjpTl 137131 zur Darstellung brachte, weggenommen hat. Die Gemeinde wackelt und geht auch bald in Trümmer. Den Sezessionisteu bleibt nichts übrig, als in die fortschrittliche Gemeinde zurückznkehren, und dort sehen wir sie im nächsten Jahre, ohne daß sie ihre Sterbegewünder an- und ohne ihre Stiefel abzulegen, ohne daß sie den Priestersegen sprechen oder empfangen, und mit ihnen werden sich die zivilisirten Elemente aus der polnischen Einwandererklasse vereinigen, ohne auf dem „Hängen und Würgen, Verbrennen und Ertrinken" zu bestehen. Was wird in Deutschland in einem solchen Falle geschehen? Man wird aus Furcht vor dem Widerspruch der konservativen Mitglieder an eine Reform sich nicht heranwagen. Es kann auch hier und da Vorkommen, daß einzelne Fortschrittsmänner aus einer konservativen Gemeinde hinausgedrängt werden, weil ihr Reformeifer bei der Majorität leinen Anklang findet, aber das ist die Ausnahme. In der Regel ist die Reform, wo sie einmal in Fluß geräth, siegreich, und die Konservativen geben nach. So sahen wir in letzter Zeit einige Gemeinden einen Schritt nach links thu». Die New-Iorker Gemeinde Shaaray Tefilla, die unter ihrem ersten Minister Samuel Jsaacs eine entschieden orthodoxe war, heute aber bereits Orgel, gemischten Chor und gemeinsame Männer- und Frauensitze eingeführt hat, wollte bei ihrer Uebersiedlung in das neue Heim den zweiten Feiertag und den Tallith abschaffe». Nur eine kleine Majorität hat diese Symbole gerettet. Die Baltimore Hebrew Congregation in Baltimore hat neulich das Ablegen der Hüte beschlossen, zwei Mitglieder stimmten dagegen, und ihnen wurde gestattet, die Hüte aufzubehalten. Die hiesige Gemeinde Ahawath Achim, die noch bei der Leichenfeier ihres Rabbiners Dr. Zirndorf die Kopfbedeckung für obligat erklärt hatte, hat in der Zwischenzeit das Ablegen der Hüte dekretirt und nur den Mitgliedern das Recht eingeräumt, den Kopf bedeckt zu halten; Besucher, die nicht Mitglieder sind, haben sich der Synagogenordirnng zu fügen. Die hiesige Shearith Israel Gemeinde, welche sich vor 40 Jahren aus orthodoxen Sezessionisten gebildet hat und noch immer im Volksmunde „Fromm-Schnl" heißt, obwohl sie schon längst Familiensitze und gemischten Chor eingeführt hat, läßt jetzt schon am Freitag Abends die Orgel spielen. (Schluß folgt.) Aas hohe Fred des Salomo. Von Rabbiner Dr. B. Rippner in Groß-Glogau. fas hohe Lied, das von Salomo herrührt." Am Frühliugsfeste des Glaubens sollen wir das Lied anstimmen. welches den Frühling des Lebens feiert. 20er wäre so kaO oder so freudlos, daß sein Herz nicht lebhafter schlüge, wenn das Lied von der Liebe gesungen wird! Unsere Alten sagen: „Dreimal ist Salomo hinabgestiegeu in seinen Wünschen und dadurch hinaufgestiegen in seiner Weisheit." Zuerst ging sein Ehrgeiz dahin, über weite Strecken zu herrschen sein Reich, sein Machtgebiet weithin auszudehnen; aber bald erkannte er, daß, wer der König eines so großen Reiches ist, nur dem Namen nach dessen Beherrscher ist, daß er in Wirklichkeit selbst abhängig bleibt von seinen Rathgebern; und er sagte sich los von diesem Traum des Ehrgeizes, der keine Grenzen kennt und ins Unendliche schweift; er stieg zum ersten Male hinab von der Höhe seiner Wünsche und wollte nur König sein über Israel, über das Volk, dessen Sprache er redete, dessen Glaube auch der seine war; dies Volk wollte er beglücken, goldene Zeiten wollte er über dasselbe heraufführen durch weise Gesetze, durch eine kluge Regierung. Auch das ist ein Traum; wohl sollen wir Alle dem Gemeinwohl dienen; aber die Völker verschmähen es, ihr Glück und ihr Behagen als eine Gabe, als eine Gnade aus Fürstenhand zu empfangen. Und Salomo stieg zum zweiten Mal hinab und wollte nur König sein in Jerusalem. Ueber diesen engen Bezirk wollte er seine ganze fürstliche Huld ansbreiten; die Stadt ivollte er durch prächtige Bauten verschönen; dort gab es Weise und Sänger, Kunst und Wissenschaft sollte aufblühen. wenn sein Szepter sie berührte, wenn ein Strom des Goldes vom Throne herab sich über sie ergoß. Aber die Künstler und die Gelehrten sind ein eigenwilliges Geschlecht, und Unabhängigkeit diinkt ihnen das höchste Gut. Da stieg er zum dritten Mal hinab und wollte nur in seinem Hanse Glück und Behagen stiften; hier wurde er verstanden, hier fand sein freundlich Wort einen lieblichen Widerhall, und beseligt von

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