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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-12 · Heft 15 (12.4.1895) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 174 (sequence 8)
Language
German
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174 Andere mehr breit als tief. Wieder Einer, eine Fignr aus verronnenen Tagen — das Auge blitzt — kurz ist das Wort. Aber die Begeisterung der Ueberzeugnng reißt auch Widerwillige fort. Eine Fülle von Intelligenz aus allen Lebensgebieten — verschieden in Wissen und Wesen — verschieden nach Geburtsort und Lebensgeschicken. Doch eins in Einem: eins in der Begeisterung für ihre Religion, eins in der Hingebung für die Sache, die ihnen heilig ist. Eins sind sie, denn der Pnlsschlag. der ne Alle belebt, ist das Hoffen: durch ihr Hinzuthun zu bessern in Israel lind für Israel! Was man so oft — bei den Israeliten — als Signatur unserer Zeit bezeichnet hat, — den Jndifferentismus, die Wurschtigkeit gegenüber den Interessen der Religionsgemcinschaft, hier ist sie nicht zu finden. Ob orthodox, ob freisinnig — das weiß ein Jeder von sich, das fühlt er von dem Andern — die gleiche Liebe, die gleiche Treue beseelt Alle — die gleiche Verehrung erfüllt den Schlichtesten wie den Höchststehenden. Darum war nicht der Frieden, der so oft aus der Gedankenlosigkeit, aus der Gleichgiltigkeit seine Stärke erhält — sondern die Eintracht, die heiliger Begeisterung entstammt, über die Shuode gebreitet. Darum hat dieser Frieden keine Einbuße erlitten, als am Mittwoch, 20. März, Nachmittags von 3—8 Uhr, in einer freien Vereinigung auch die religiösen Wünsche und Bestrebungen dargelegt wurden. Auch hier war der Grundzug aller Vortrüge, daß Orthodoxie und Reform, wie sie in der Synode vertreten waren, ans verschiedenen Wegen nach Temperatur und Gewöhnung verschieden, dasselbe Ziel erstreben: die Hebung von Religion und Moral und dadurch die Verbesserulig der sozialen Verhältnisse nach innen itnö außen. Verschieden von den vorangegangenen Synoden ist die badische keine freie Versammlung theologisch Geschulter, sondern eine aus Volkswahl hervorgegangene dauernde Justitution, in welcher die Abgeordneten gemeinsam mit den Rabbinern und der obersten Kirchenbehörde sorgen für die Gesamintheit. Darum ist auch ihr Vorgehen verschieden von dem ihrer Vorgänger. Nicht die große» Prinzipien, die „weltbewegenden" Fragen stehen im Vordergründe. Die Jirteressen des Alltagslebens — Stenern — Vertretung — Schule — Anstellung und Besoldung der Beamten, sie forderten und fanden zunächst Ordnung und Regelung. Gleichzeitig und daneben sind die Ideale gehegt, die geistigen Jirteressen gefördert worden. So sind die Abgeordneten heimgekehrt und streuen die Keime ans, die sie in Karlsruhe ausgenommen haben. Daher die Beseligung, daher die Hoffnnngsfreudigkeit, mit der die badischen Israeliten in die Zukunft schauen: Schlicht und klein im Beginne Wird's zu dauerndem Gewinne! A. L. Amerikanische Briefe. Von Prof. Dr. G. D e u t s ch in Cincinnati. Reform - Aussichten. >^^eorg Washingtons Geburtstag (22. Februar) drückt mir die Feder in die Hand, um den Brüdern und Schwestern 2) jenseits des Oceans von dem mächtigen Wachsthum des amerikanischen Zweiges ans Israels Stamme Nachricht zu bringen. Dieser Tag muß auf Jeden, der nicht ganz kalt menschlicher Größe gegenübersteht, einen begeisternden Eindruck hervorbringen. Ein Mann hatte eine Krone vor sich, nach der er nur die Hand auszustrecken brauchte, und wie Gideon wies er sie zurück. „Nicht ich, noch mein Sohn, noch meines Sohnes Sohn soll über euch herrschen, sondern der Gott, der alle Menschen erschaffen hat, sei euer König." Zu Washingtons Zeiten gab es höchstens fünf oder sechs jüdische Gemeinden in den Vereinigten Staaten. Die Anzahl ihrer Mitglieder dürfte sich kaum auf Tausend belaufen haben, und dieses kleine Häuflein nahm regen Antheil an dem Erfolge des Generals, der wie kein Zweiter, Bürger- und Feldherreutugenden in sich vereinigte. Die Gesinnung der Juden drückt sich in einem Glückwunschschreiben aus, welches die Gemeinden von Savannah und Georgia an Washington nach seiner Wahl zum Präsidenten richtete und auf welches der Letztere im Mai 1790 mit warmen Worten erwiederte. „Ich freue mich," sagt er, „daß der Geist der Freiheit und Menschenliebe heute viel mächtiger ist unter den aufgeklärten Nationen der Erde, als je zuvor, und daß Ihre Brüder davon im Verhältnisse zu seiner Ausbreitung Nutzen ziehen werden. Möge dieselbe wnnderthätige Gottheit," ruft er zum Schluffe aus, „welche in grauer Vorzeit die Israeliten von ihren ägyptischen Unterdrückern befreit und in das gelobte Land verpflanzt hat, sie, deren Vorsehung in der Begründung der Unabhängigkeit dieser Vereinigten Staaten so sichtbar gewaltet hat, fortsahren, zu befruchten mit dem Thau des Himmels und die Bewohner, welchen Glaubens sie auch sein mögen, theilnehmen lasse» an den zeitlichen tinb ewigen Segnungen des Volkes, dessen Gott Jehovah ist." Welch' gewaltiger Unterschied zwischen dieser mannhaften, sittlich ernsten und tief religiösen Sprache und derjenigen, welche ein anderer erfolgreicher Revolutionsgeueral, Napoleon, bei der Inauguration jener Farce, Synhedrion genannt, führte! In dem Unterschiede der beiden Männer spiegelt sich der Unterschied zwischen der jüdischen Geschichte beider Länder. In Frankreich eine büreaukratische, dem Judenthum künstlich aufgepfropfte Verfassung ohne richtiges Leben. Hier eine trotz ungeheurer Schwierigkeiten in unglaublich kurzer Zeit erwachsene mächtige Organisation. Zum ersten Male seit zwei Jahrtausenden hat Israel einen Platz gefunden, wo es sich ungehindert entfalten konnte, und darum verdient die Geschichte des amerikanischen Judenthums eine aufmerksame Betrachtung, i» der Richtung, wie die äußeren Einflüsse nach innen gewirkt haben. Was in dieser Beziehung uns zuerst auffällt, ist der Sieg der Reformidee. Das ist als Prüfstein der Macht des religiösen Gedankens von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Die entgegengesetzten Zustände in Europa beruhen in erster Linie auf dem Prinzip des staatlichen Zwanges, der inkongruente Elemente in eine Gemeinde zusammenschweißt, und erst in letzter Linie auf dem, auch auf geistigem Gebiete wirksamen Gesetze des Beharrungsvermögens. Ich kann das durch ein selbsterlebtes Beispiel illustriren. In einer fortschrittlichen europäischen Gemeinde versucht der Rabbiner, die Abschaffung des jplö Dip1 durchzusetzen. Wir finden wohl, so plaidirt er, in unserem Gebetbuche auf allen Ecken und Ende» Ideen ausgedrückt, denen wir längst entwachsen sind, aber für die durchgreifende Aenderung sind wir noch nicht reif, hingegen ist die bloße Weglassung eines Stückes so unbedeutend, daß sie sich nicht fühlbar macht, während es ans der anderen Seite eine wahre Blasphemie ist, für einen Exilarcheu in Babylonien zu beten, der weder dort noch irgendwo anders existirt. Das Argument findet Anklang, aber als Vertreter des vierten Standes sitzt ein Viehhändler im Vorstände, der streng konservativ gesinnt ist, obwohl er im Nothfalle am Sabbath seinen Stall selbst reinigt. „Meine Herren," ruft er, „wenn wir Alles abschaffen, wird bald gar nichts dableiben." Da der Remonstrant Steuerzahler ist und eine zahlreiche Wählerklasse repräseutirt, werden die Reformer ängstlich und blasen zum Rückzuge.

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