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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-12 · Heft 15 (12.4.1895) · p. Seite 173

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 173 (sequence 7)
Language
German
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173 ihrer Hochherzigkeit haben sie die Stiftungen unter die Verwaltung des Magistrats gestellt mit der Bestimmung, daß sie jedem wirklich Bedürftigen und Würdigen, ohne Unterschied der Konfession, zugute kounuen sollen. Nun, seit Jahren hat kein jüdischer Student, kein jüdischer Handwerker und kein jüdischer Hilfsbedürftiger einen Heller aus all' den Stiftungen bekommen, die von Juden ins Leben gerufen worden sind. Aber wer sollte sich darum bekümmernDie reichen Juden, welche mau als Leithammel brauchte und deshalb nicht ganz vernachlässigt werden durften, waren ja zufrieden, wenn sie jährlich zum Bürgermeisterball eine Einladung erhielten, wenn sie nebst besserer und schönerer Hälfte dort glänzen konnten, wo alle vornehme Welt glänzt. Und wenn sie ferner noch von einem Aristokraten ausgezeichnet wurden, indem man ihre respektirliche Börse für eine aristokratische Marotte in Anspruch nahm, da war die „Gleichberechtigung" eine Thatsache geworden, während der arme geplagte Jude von der antisemitischen Verrohung immer mehr zu leiden hatte. Und wie waschecht der Liberalismus war. konnte man vor einigen Jahren sehen, als in geheimer Abstimmung der einzige jüdische Stadtrath hinausballotirt und an seiner Stelle mit Hilfe von „Liberalen" der famose Dr. Karl Lueger gewählt wurde. Man muß es klar und offen sagen: Die Haltung der „Liberalen" in Wien ist eine sehr traurige, und die Stellungnahme jener reichen Juden, welche diese Sorte von Liberalismus unterstützten, weil sie dabei einen armseligen Knochen von scheinbarer Ehrenbezeugung wegbekamen, war eine schmachvolle. Aus persönlicher Ambition haben sie all' das Unrecht, all' die liberale Heuchelei stillschweigend mit angesehen und keinen Augenblick das Bewiißtseiii ihrer Pflicht gegen ihre armen Glaiibensgenossen empfundeli. Und da die Klagen immer uiigehört verhallten und die „Liberaleii" es verschmäht hatten, Männer für den Gemeinderath zu kandidiren, welche mit der „Gleichberechtigwig" und dem Schutz der Hartbedrüngten kein frivoles Spiel treiben, so blieb eben mir jener Akt der Selbsthilfe übrig, der solche traurige Konsequenzen hatte. Und wemr von gewisser jüdischer Seite den armen Wählern zugerufen wird: „Mag der gegeiiwürtige Geuieinderath in der That seine Pflicht nicht ganz oder gar nicht erfüllen; wenigstens sei er nicht feindselig," so war wiederum auf der andern Seite die Meinung vorherrschend: Schlimmer kann es nicht mehr werden; und wenn der Gemeinderath offen den Antisemitismus proklamirt, so kann es nur denen schaden, deren Aufgabe es gewesen wäre, sich nicht mit persönlichen kleinen Vortheilen abspeisen zu lassen. Mögen sie mit ins Ghetto zurück gedrängt werden wie wir, damit sie unfere Roth und unsere Verzweiflung leimen, damit sie sehen, wie es uns zu Muthe ist, wenn unsere Kinder keine Anstellung weder bei Jtlden noch bei Christen finden, weil Juden wre Christen es sich zum „Prinzip" gemacht, keinen Juden anzustellen. Es kann nicht schaden, wenn die Herren, welche so glanzende Bälle 511 geben verstehen, welche jedem Hochstapler, wenn er einen aristokratischen Namen führt, ihr Haus und ihren Geldbeutel öffnen, vor Juden und Judenthum aber einen Degout haben; es kann also nicht schaden, wenn diese Leute gelegentlich an sich selbst erfahren würden, wie weh dieser rohe Judenhaß thut. Dieses Ereigniß, welches an unb für sich merkwürdig genilg ist, verdient als Symptom noch mehr Beachtung. Dahin ist es also mit der viel gerühmten jüdischen Solidarität gekommen, daß arme Juden, von ihren reichen Glaubensgenossen verlassen, in ihrem Kampf ums Dasein verzweifelt, schließlich nichts Besseres anzufangen wissen, als sich zurück zu ziehen und es mit Schadenfreude zu iehen, wie die Antisemiten an Macht und Einfluß gewinnen. Ans der ersten Israel, badischen Landessynodr. Aps sind die schönsten Tage seit meiner Brautzeit gewesen! So bezeichneten studirte Herren, Frauen, Kaufleute die Tage, welche sie vom 18. bis 22. März in Karlsruhe als mitwirkende oder nur zuhörende Theilnehmer an den Verhandlungen der ersten israelitischen Landessynode verlebt haben. Was hat dem Zusammentreten der Vertreter der kleinsten Religionsgemeinschaft des kleinen Landes Baden ein solch weihevolles, begeisterndes und beglückendes Einwirken gegeben? Waren doch die behandelten Vorlagen zumeist recht prosaischer Natur. Steuern und Abgaben, Vertretungen und Wahlen. Aber es ist zuerst ein nicht Ausgesprochenes. Die Aeltesten der Gemeinde haben schon in biblischer Zeit die Angelegenheiten der Gemeinde berathen. Um 440 vor d. g. Z. hat die Volksgemeinde ausdrücklich es verlangt, daß seine Vertreter die wichtigen Vorlagen des Nehemias berathen und beschließen. Immer mehr aber war man später dahin geiommen, durch Behörden reglementirt zu werden. Dem alten, in der Religions- Verfassung begründeten Sehne» gesellte sich die moderne Anschauung zu, daß das Volk in seinen Vertretern mitrathe über des Volkes Wohl und Wehe, daß es nicht blos gelten soll: für das Volk, sondern auch durch das Volk. Die im Wesentlichen noch heute bestehende, durch des hochherzigen Großherzogs Karl Friedrich Edikt vom 13. Januar 1809 eingeführte Verfassung des Verbandes der badischen Israeliten setzt einen Oberrath zur Leitung der kirchlichen, Schnluiid Vermaltungsangelegenheiten ein, dem Rabbiner, Lehrer und Gemeindevertretungen untergeordnet sind. Viel Biodernes ist in das patriarchalische Gebäude hineingeflickt worden — aber es ist Flickwerk geblieben, weil die Gemeinde »irr tief unten, daheim, mitzureden hatte, dagegen da oben ihr Alles gesetzt und verordnet wurde. Das ist anders geworden: Erst mitrathen — dann mitthaten sollen die Israeliten Badens in ihren eigenen kirchlichen Angelegenheiten! Dann kam ein Zweites hinzu. Bian war erstaunt über sich selbst. Sind wir's, die hier sind — die so denken, so sprechen, so beschließen? Unwillkürlich rvird man besonders in Zeiten der Wirren »nd des Uebergangs zum Lobredner der vergangenen Zeiten. Dort sieht mau Hingebrmg, Eifer, Treue, Begeisterung. Schal und öde, ein Tummelplatz der alltägliche», niedrigen Interessen; gefühlsleer erscheint die Gegenwart. Man sieht eben in der Nähe auch das kleinste Splitterchen deutlich, während ans der Ferne der klobigste Balken splitterhaft dünn sich darstellt. Und nun erst bei den Israeliten am Ende dieses vielbelobten neunzehnten Jahrhunderts! Es wird so viel über sie geschimpft, es werden so viele Fehler und Schatten rrnd Schäden und Makel an ihnen entdeckt, daß sie's am Ende glaube» mußten: es sei sehr Vieles faul im Hause Israel. Und mm kommen sie zusammen ans dem kleinen Baden die Erwählten der Gemeinden — Männer der verschiedensten Berufszrveige. Da der geistsprühende Universitätslehrer, dort der einfache Mann voin Lande; der ernste, hochgestellte Verwaltungsbeamte mit dem gemessene» Wesen und der Kraft des Wortes und neben ihm der geschäftige, nervöse Bankier, der das Ende schon beim Anfänge möchte vorausberechnen. Mehrere Anwälte zieren de» Oberrath, wie die Synode. Der Eine, ein ehemaliger Talmndjünger, weiß kurz und scharf mit epigrammatischer Zuspitzung seine Schlüsse vorzniragen; der Andere begeistert durch die Tiefe seiner Gedanken, durch die umfassende Kenntniß des gesammten Rechts in allen seinen Verzweigungen, durch die Kunst, den trockensten Stofs mit Leben und Gedanken zu durchdringcn. Und wieder Einer — so gelehrt und doch so volksthümlich! Und neben de» Anwälten die Rabbiner. Der Eine philosophisch dnrchbildet und eben deshalb ein populärer Redner — der

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