Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- Seite 172 (sequence 6)
- Language
- German
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172 Chorgesänge auszuführen hatte. Endlich wirkte auch die Orgel, gespielt von dem dortigen Organisten Herrn Grlinicke, theils präludirend, theils begleitend mit. Herr Professor Breslaur waltet bereits eine längere Reihe von Jahren auf dem Chor dieser Synagoge mit schönstem Erfolge. Dieser Chorgesang ist durch die edle, weihevolle Tongebung und ausdrucksweise Nitancirung rühmlich bekannt. Diese Vorzüge gaben sich auch beim Festgottesdienste kund. Geradezu ein Kabinetstück schöner und feiner Gesangdarstellung war der Männerchor „Ich gedenke dir die Holdseligkeit deiner Jugend" (»ach Lewandowskis Socharti-loch). Den Blechbläserchor wußte der Dirigent so abzutönen, daß er trotz der verhältnißmüßigen Kleinheit des Raumes nicht lärmend, sondern nur glanzvoll und festlich wirkte. Der Breslaursche Chorsatz „Du meine Zuflucht, mein Panier" reihte sich würdig den übrigen Gesangstücken ein; es ist ein schönes, sangbargesetztes Stück, das in seinem gehaltenen, mehr still religiösen Charakter einen gewisien Gegensatz zu den mehr hymnischen Lewandowskischen Chören bildete. Zur Ausführung der Solostimmen in der „Heiligung" hatte man pietätvoll den Sohn des Komponisten, Herrn Dr. Lewandowski, einen musikalisch ausnehmend begabten jungen Arzt, berufen, der seine Partie zur besten Geltung brachte, während das Alt-Solo im Breslaurschen Chorsatz durch Frau Beyer, eine Schülerin des Herrn Bloch. Chordirigenten der Alten Synagoge, ebenfalls eine treffliche Vertretung fand. So war der musikalische Schnruck dieser Jubiläumsfeier ein nach jeder Richtung würdiger und wirklingsreicher. William Wolf. iSRr Flammenzeichrn. Von Dr. S. Bernfeld. fn der Hauptstadt Oesterreichs hat sich iu diesen Tagen ein Ereigniß vollzogen, welches geradezu verblüffend wirken mußte und jedem denkfähigen Menscheir Veranlassung zu sehr ernstlichem Nachdenken giebt. Es fanden dort Ergänzungs- resp. Erneuernngswahlen für den Gemeinderath statt und die antisemitische Partei hat große Erfolge erzielt, so daß die Antisemiten knapp an die Majorität im Gemeinderath des größten städtischen Gemeindewesens in Oesterreich gelangt sind. Im Großen und Ganzen hat die Zahl der antisemitischen Stimmen gegen die Vorjahre nicht zugenommen; aber die Zahl der liberalen Stimmen hat bedeutend abgenommen. Und wie ging dies zu? Nun, da kommt das merkwürdige und sonderbare Schauspiel, oder sollen wir es richtiger ein Trauerspiel nennen? Die große Masse der jüdischen Wühler, verdrossen über die zweideutige und heuchlerische Haltung des „auch" liberalen Gemeinderaths, hat sich ostentativ der Theilnahme an den Wahlen enthalten und so die Mandate in die Hände der Antisemiten gespielt. Ein Führer der „liberalen" Partei im Wiener Gemeinderath hat zwar iu einer jüdischen Wahlversammlung warnend ausgerufen: „Wenn dies noch weiter geschehen würde, so müßte sich die liberale Partei zurückziehen, die Juden mögen nun zusehen, ob es dann besser würde." — Aber Tags darauf blieben die jüdischen Wähler wieder ans. so daß die Antisemiten ungeheure Wahlsiege davon trugen. Was geht nun vor? Lessing bemerkte einst tiefsinnig: „Wenn der Mensch unter gewissen Umständen nicht den Verstand verliert, so hat er überhaupt nichts zu verlieren." Eine solche verzweifelte Stimmung ist es, in der der größte Theil der jüdischen Bevölkerung Wiens zu einer Art von Selbsthilfe greifen mußte, die Vielen geradezu selbstmörderisch erscheinen wird, welche aber ihrer psychologischen Begründung nicht entbehrt. Die „auch" liberale Verfassungspartei in Oesterreich hat sich stets als Vorkämpferin der jüdischen Gleichberechtigung ausgegeben; so lange sie aber am Ruder war, hat sie es stets gezeigt, wie sie die Gleichberechtigung verstand. Es war dies das bekannte „Messer ohne Klinge, an der der Stiel fehlt!" Im Wiener Gemeinderath ging es mit dem „judenfreundlichen" Liberalismus nicht besser. Seit Jahren führt der größte Theil der jüdischeir Bevölkerung einen Verzweiflungskampf ums Dasei», der von Tag zu Tag für die Juden immer drohender wird. Es gehört dazu die ganze Zähigkeit des jüdischen Stammes, daß die armen, auf der niedersten Stufe der sozialen Leiter stehende» Jude» nicht völlig erlegen sind. Es sind dies die kleinen Kaufleute, Gewerbetreibende, Handwerker, Lastträger, Dienstmänner und Hausirer, ein Proletariat im traurigsten Sinne des Wortes. Namentlich die armen Hausirer erfreuen sich keineswegs eines leichten Erwerbes, wie die Radauantisemiten vorflunkern wollen. Mit dem schweren Packen auf dem Rücken wandelt der jüdische, schlecht genährte Hausirer in Sturm und Gewitter, bei Tag und bei Nacht, von Gasthaus zu Gasthaus, von Nachlasse zu Nachlasse, wird dort von den „lustigen" übersatten Gästen in der Regel verhöhnt, gelegentlich arich geprügelt und hinausgeworfen und verdient täglich eben so viel als es uöthig ist, um nicht sichtbar zu verhungern. Denn daß er früh altert und zu Grunde geht, niuß für Jeden klar sein, der die Lebensbedingungen eines solchen Unglücklichen kennt. Nicht besser geht es den Lastträgern und Dienstmännern, die man so zahlreich an allen Straßenecken der Hauptstadt sehen kann. Einen nicht minder harte» Kampf führt der jüdische Handwerker und kleinere Gewerbetreibende, der noch dazu sein Elend sorgfältig verheimlichen muß. Der zielbewnßte Antisemit, der deni reichen oder hochstehenden Juden nichts anthun kann, beweist seinen „teutschen" Muth, indem er sein Müthchen an dem armen Juden kühlt und diesen am Bart zupft. A« der Verwilderung und Verrohung des öffentlichen Lebeirs in Wien hat vielfach auch die „liberale" Partei schuld. Es ist dies die Sorte von „Liberalen", von denen sechzig auf ein Loth gehen. Als sie sich nach dem Sturz des Grafen Taaffe mit den Polen und Klerikalen zu einer Koalitionsregierung vereinigten, da hatten sie zwei Mitglieder ihrer Partei in das Ministerium zu entsenden. Sie wählten den Grafen Wurmbrand, dessen „Deutsch-nationale" und mittelalterlich-reaktionäre Gesinnung für Niemand ein Geheimniß sein konnte. Er war es, der als Handelsminister einen Vernichtungskampf gegen die armen jüdischen Hausirer führte, der mit den christlich-sozialen Finsterlingen liebäugelte und so dazu reichlich beitrug, den Juden alle Nahrungsquellen zu verschütten und den Boden abzugraben, auf dem sie, zusammengedrängt genug, sich bisher bewegen konnten. Der „liberale" Handelsminister ist nämlich ein Theoretiker, und diese ist die schlimmste Sorte. Was kümmerte es den hochwohlgeborenen Kavalier, wenn tausende jüdische Familien verhungern, wenn nur die theoretische Formel stimmt. Nicht besser ist es mit dem heuchlerischen Liberalismus im Gemeinderath bestellt, der, wie es sich jetzt klar gezeigt, nur mit Hilfe jüdischer Wählzettel zu seiner Macht gelangt ist. Bei der Einrichtung des Wiener Gemeinderathes — die Exekutive ist hier von der Legislative nicht ganz getrennt — hat dieser einen großen Einfluß auf das gewerbliche Leben, und daß dieser „judenliberale" Gemeinderath Objektivität genug besitzt, um den Juden auch leben zu lassen, wird Niemand behaupten, der die Verhältnisse kennt. Vor Jahren, als der liberale Traum in Oesterreich noch von Vielen für eine wirkliche Thatsache gehalten wurde, haben viele reiche Juden zahlreiche gut dotirte Stiftungen zu Wohlthätigkeitszwecken ins Leben gerufen. In