Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 14. (»>rmrinörluitr. Eerlin. 5.April 1895. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes Zuöenthurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 6. Berlin, 2. April. Sitzung der Repräsentanten-Versammlung am 31. März 1895. Der Vorsitzende Herr Hermann Landsberger giebt Kenntniß von einem Schreiben des Vorstandes, worin derselbe mittheilt, daß er, gemäß einem früheren Beschluß der Versammlung, ein an den Friedhof in Weißensee angrenzendes Terrain von 50 Morgen Größe erworben habe. In einem zweiten Schreiben theilt der Vorstand mit, daß man in Aussicht genommen habe, für die Jugendgottesdienste auch geeignete Hörer der Lehranstalt für die Wisfenschaft des Judenthums zu verwenden. Punkt 4 der Tagesordnung, betreffend Verlängerung von Miethsverträgen zu gottesdienstlichen Veranstaltungen, wird vorweg genommen. Herr Leonhard Sachs als Referent beantragt, den Saal des Handwerkervereins für den Preis von 1500 M. pro anno für die Jahre 1895 bis 1899 wiederzumiethen. Die Versammlung stimmt dem zu. Die Verlängerung der Verträge mit der „Philharmonie", „Gesellschaft der Freunde", sowie ein neu zu schließender Vertrag mit „Kellers Festsälen" sollen auf Beschluß des Etatausschusses, Referent Herr Leonhard Sachs, zunächst zur Begutachtung an die Kommission für gottesdienstliche Veranstaltungen gehen. Herr Dir. Hermann vom Vorstand widerspricht diesem Anträge, da er sich von der Thätigkeit dieser Kommission in den vorliegenden Fällen keine besseren Erfolge, als die erreichten, vorsprichr. Dagegen beharren die Herren Louis Sachs und Heilmann ans prinzipiellen Gründen auf dem Standpunkt des Ausschusses, welchem sich auch die Versammlung mit großer Mehrheit anschließt. Aus denselben Gründen wird die beantragte Subvention für die Gemeinde Charlottenburg dem Vorstande zurückgegeben mit dem Ersuchen, zunächst einen Bericht von der Kommission für die Subventionirung von Religionsgemeinden einzufordern. Herr Martin Simon referirt alsdann über die geplante Einrichtung einer Central-Auskunftsstelle und eines Verbandes für die jüdische Armenpflege in Berlin. Wie Herr Simon ausführt, ist dieser Plan hervorgegangen aus einer Denkschrift des früher dem Vorstande angehörenden Herrn Rechtsanwalt B. Breslauer. Man wolle eine Hebung der Wohlthätigkeitspflege, bezw. eine Reorganisation derselben herbeisühren, und sei es namentlich anzunehmen, daß einerseits der professionsmäßigen Bettelei entgegengetreten werden kann, während andererseits den würdigen Bedürftigen durch das Zusammenwirken der verschiedenen Vereine ausgiebig geholfen werden solle. Referent bittet, für die Verwaltungskosten vorläufig auf ein Jahr 4000 M. zu bewilligen. Herr Louis Sachs begrüßt die Vorlage mit Freuden, erklärt jedoch, derselben nur zustimmen zu können, wenn alles Weitere, namentlich Statuten u. dgl. mehr, der Repräsentantenversammlung zur Genehmigung vorgelegt würden. HerrJacoby vom Vorstand sagt das zu. Die Vorlage findet überall beifällige Aufnahme und wird schließlich einstimmig angenommen. Die Berathung bezüglich eines Vergleichs in der Kommerzienrath Moritz-Rosa Gersonschen Nachlaßsache wird der geheimen Sitzung überwiesen. Zur Fortsetzung des Religionsunterrichts im Erziehungshause am Urban werden 600 M. bewilligt, für die David Herzogsche Freitischstiftuug 500 M. Damit schließt die öffentliche Sitzung. 2*2 Berlin, 3. April. Ein Zeichen neuen Lebens, wie es wesentlich durch die Bestrebungen der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur und verwandte Vereine wieder wachgerufen ist, bildet die Existenz und die rege Benutzung der jüdischen Lesehalle, Burgstraße 16. Als vor zwei Monaten das neue Institut eröffnet wurde, hat es nicht an Kritikern gefehlt, die demselben Mißtrauen entgegenbrachten, voraussetzten, daß es an Mangel an Interesse sterben würde, weder die nöthigen Mittel aufbringen, noch genügend besucht werden würde rc. Jetzt hat die Einrichtung zwei Monate bestanden nnd in gewissem Sinne eine Feuerprobe durchgemacht. Obwohl zunächst nur die Lesehalle eröffnet war, in der ca. 50 jüdische Zeitungen in den verschiedensten Sprachen bis zum marettischen Idiom und aus allen Ländern ausliegen, war doch der Besuch ein recht zahlreicher, der sich besonders an den Sonnabenden bis auf 50 Personen steigerte, aber auch im Durchschnitt 20—30 Besucher pro Tag aufwies. Jetzt ist auch die Bibliothek eröffnet, in der die reichhaltigen Schätze unserer Litteratur, darunter auch Belletristik und Jugendschriften, dem Publikum geboten werden. Die Benutzung sowohl der Lesehalle, als der Bibliothek ist vollkommen frei, die Lesehalle für Jedermann geöffnet, das Ausleihen der Bücher aus der Bibliothek nach Möglichkeit erleichtert. Da die „jüdische Lesehalle" noch sehr neuen Datums, und deshalb weiten Kreisen der Berliner jüdischen Gemeinde sogar ihre Existenz noch unbekannt ist, so sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß in anerkennenswertem Entgegenkommen der Vorstand des jungen Vereins die Benutzung der Einrichtungen keineswegs auf die Vereinsmitglieder beschränkt, sondern Jedermann eröffnet. Wir bitten unsere Leser, die Gelegenheit sich über die Vorgänge in der Judenheit zu unterrichten, wie ihre Kenntniß i der jüdischen Geschichte und Litteratur durch Benutzung der Bibliothek j zu erweitern, recht ausgiebig in Anspruch zu nehmen Darin würde! der Vorstand seinen besten Lohn finden. Aber die rührige Vereinsj leitung hat auch die Lösung einiger sozialen Aufgaben für die jüdische Jugend in die Hand genommen und zunächst einen billigen, aber kräftigen Mittagstisch durch Vereinbarung mit dem Restaurateur Pelteson geschaffen, wozu die Marken in der Lesehalle verkauft werden. Die Organisation einer Unterrichtsvermittelung ist in Angriff genommen und die Stellenvermittelung wird dann folgen. Freilich muß der Vorstand mit Rücksicht auf seine finanziellen Mittel bei diesen Dingen ein gar langsames Tempo einschlagen, doch hofft derselbe, daß der Aufruf, den er in diesen Tagen an den bekannten Wohlthätigkeitssinn der Berliner Juden richtet, einen recht ausgiebigen Erfolg haben und ihm die Möglichkeit verschaffen wird, kräftig in dem begonnenen Unternehmen fortzufahren. Wir zweifeln nicht, daß der Apell dieses Institutes einen nachhaltigen Erfolg auch bei unseren Lesern haben wird. £>2 Berlin, 29. März. Die diesjährige Generalversammlung der Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler zur Unterstützung in Krankheitsfällen, welche am Montag im Hotel „König von Portugal" stattfand, war die fünfzigste seit der im Jahre 1845 erfolgten Begründung der Gesellschaft. Der zeitige Vorsitzende, Herr- Hermann Landsberger, hob in seiner sehr marinen und begeisternden Ansprache die Bedeutung dieses Tages ganz besonders hervor, konnte aber zugleich in einem geschäftlichen Rückblick auf die Wirksamkeit der Gesellschaft sich der Kürze befleißigen, da eine vom Vorstand verfaßte, ausführliche Denkschrift sämmtlichen Mitgliedern der Gesellschaft bereits zugegangen war. In besonders herzlicher Form begrüßte er den einzigen noch lebenden Gründer, Herrn M- Halle, dein die Gesellschaft eigentlich ihre Entstehung verdankt und der bis auf den heutigen Tag sein warmes Interesse für dieselbe bewiesen hat. Aus den Mittheilungen des Herrn Vorsitzenden ging hervor, daß gelegentlich dieser Jubilänmsfeier eine große Zahl von Spendern der Gesellschaft ihre Theilnahme und ihr Wohlwollen bewiesen haben, sowohl durch Gewährung von einmaligen Beiträgen als auch durch die Erwerbung der Mitgliedschaft. Zur größten Freude der Mitglieder konnte in dem Berichte gemeldet werden, daß Dank der Opferwilligkeit der Mitglieder, ferner des Vorstandes der jüdischen Gemeinde wie einzelner hochherziger Gönner alle an die Gesellschaft gestellten Anforderungen im abgelaufenen Geschäftsjahre erfüllt werden konnten. Mit dem erfreulichen Hinweis darauf, daß die bisherige gesunde und gedeihliche Entwicklung der Gesellschaft zu einem vertrauenvollen Ausblick in die Zukunft berechtigt, schloß der Herr Vorsitzende seinen Bericht, der vom lebhaftesten Beifall der Mitglieder begleitet war. Nachdem Herr Halle jun. im Namen seines Vaters für die demselben erwiesene Ehre gedankt und dem Vorstand für seine außer- . ordentlich erfolgreiche und hingebende Thätigkeit den Dank der Gesell-