Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 168 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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168 gebogenen Nase, einem kleinen, rothen Mund und einem Teint wie gelblich weißer Marmor, der durch ihr schwarzes Kleid noch mehr hervorgehoben ward. „Alles so still, nur ganz wenig Menschen zu sehe», »nd die, welche zum Vorschein kamen, machten gar keine freundlichen Gesichter." „Aber Rost), wie kannst Du das erwarte»?" rief beinahe vorwurfsvoll die »in zwei Jahre ältere Lina, welche gleich der Schwester ’ schwarzhaarig und dunkeläugig und ihr überhaupt ähnlich sah, nur; daß au ihr Alles derber erschien, der Teint bräunlich, die Nase! größer und schärfer gebogen, das Kinn fester war. „Die Leute trauern, daß die Mutter nicht wieder mit uns gekommen ist. Ich nehme ihnen diese Zurückhaltung recht hoch auf." „Tie Trauer hätte sich doch etwas anders äußern dürfen," erwiederte Rosy, indem sie die geleerte Tasse auf den Tisch stellte,! „darum hätte man uns immerhin begrüßen können. Auch waren die Blicke, welche »ns die Leute zuwarfen, gar nicht theilnehmend, sondern finster." „Ach Rost)," lächelte Lina, „man merkt, daß Du lange nicht in Altrode gewesen bist, Tn hast den Kontakt mit den Leuten hier verloren, die äußern ihre Empfindungen anders, als Du es gewohnt! bist. Meinst Du nicht auch, lieber Vater?" j Emannel May fuhr bei dieser Anrede ans tiefem Sinnen auf.! Er hatte sogleich nach seiner Ankunft einen schnellen Rundgang durch j die Fabriksüle und das Komptvir gemacht und war gerade recht- , zeitig znrückgekehrt, um sich mit seinen Töchtern an den Theetisch zn i setzen. Aber er berührte nur wenig von den aufgetragenen Speisen,! war gegen seine Gewohnheit schweigsam und schaute nachdenklich j hinunter i» das sich schon mit den Schatten des Abends füllende i Thal, sowie empor zn dem noch in Gold, Purpur »nd Violet strahlenden Himmel. Er mußte sich erst einige Minuten sammeln, bevor er auf die Frage der Tochter antwortete: „Gewiß, gewiß, so ist es. Wie könnte es anders sein?" „Die Leute lieben uns," fuhr Lina fort.! „Und haben alle Ursache dazu, sie müssen dem Vater sehr dankbar sein," fügte Rosy nachdrücklich hinzu.! Emmanuel Aiay schüttelte den Kopf. „Liebe Kinder, wer Dankbarkeit wie eine Art von Verpflichtung fordert, der hat sich ihrer! schon zum größten Theil verlustig gemacht. Thut Gutes so viel Ihr I wollt und könnt, aber rechnet niemals auf Dank, laßt Euch an dem! Bewußtsein genügen, recht gehandelt zu haben." Ter Vater gab ihnen oft und gern solche Lehren, die von der verstorbene» Mutter liebevoll-scherzend immer „Sprüche der Weisheit" genannt worden waren; seine Aeußerung war daher an sich nicht weiter befremdlich, dennoch fiel seinen Töchtern diesmal der scharfe Ton auf, den der sonst so Ruhige, Mildgesinnte dabei noch angehatte schlagen. „Hast Du in der Fabrik Verdruß gehabt?" fragte Rosy, den Arm »m seinen Nacken schlingend und ihm zärtlich in die Augen blickend. „Nicht doch, Kind, ich war ja nur einen Augenblick drüben und es scheint Alles in Ordnung," sagte er abwehrend, „es stimmt mich nur ernst —" Er brach ab; er hatte sagen wollen: „Daß ich mit Euch ohne Eure Mutter hier bin;" aber er brachte es nicht Über die Lippen. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mittheilungen. An die Mitglieder des hebr. Litteratur-Vereins „Mekize Nirdamim". Die Fertigstellung der Schriften für den zehnten Jahrgang ist durch den Umstand, daß der Unterzeichnete zur Wiederherstellung seiner Gesundheit während der letzten Monate im Süden weilen mußte, verzögert worden. Gegen Ende April hoffe ich, so Gott will, nach Berlin zurückzukehren und dann meine Miedererlangten Kräfte auch den Angelegenheiten des Vereins widmen zu können, zuvörderst um den Druck der Schriften, welcher bereits in vollem Gauge ist, zu Ende zu führen. Es werden im zehnten Jahrgange erscheinen: 1 Jona ibn Gannachs hebräisches Wörterbuch, bearbeitet von Dr. W. Bacher, zweite Lieferung. Neu eintretende Mitglieder erhalten dieses Heft gratis. 2. Diwan Jehnda ha Levi's, unter Mitwirkung von namhaften Gelehrten bearbeitet von Dr. H. Brody, erste Lieferung Diese Lieferung, wie auch die folgenden, enthalten die bisher noch ungedruckten Freundschaftslieder. Doch wird der ganze Diwan alle bekannt i.ewordenen Lieder, auch die bereits gedruckten, umfassen. Das Werk erscheint in splendider Ausstattung, würdig dieses klassischen Dichters. 3 Ein poetischer Anhang zum Machsor Vitry, mehr als 30 Pijutim enthaltend, welcher tni British Museum, außerhalb des Manuskripts zu diesem Machsor ausbewahrt wird. 4 Midraschim zu den Megilloth, aus einer Handschrift in der National-Bibliolhek zu Parma, herausgegeben und kritisch bearbeitet von Salomo Buber Diejenigen, welche ihren Jahresbeitrag mit zehn Mark noch nicht eingezahlt haben, bitte ich dringend, hiermit nicht ferner zu säumen und schon jetzt an meine Adresse in Berlin (Kransnickstr 21) den Beitrag einsenden zu wollen. San-Remo, 27. März 1895. Dr A. Berliner. Nach der Rückkehr vom Mdrschen Friedhof. Bon Frau Amtsrath Rose Stolle-Wilmersdorf. t:&eute trieb zum stillen Friedhofsgarten T.v* Mich ein unerklärlich Sehnen hin, Hut) den Todlen, die hier schlummernd warten, Naht' ich mich mit ehuurchtsvollem Sinn. Steinen der hier unten ruht im Frieden, Hatte ich im Leben einst gelaunt, Steinen, als ec weilte noch hiemeden Meinen Bruder, ineinen Freund genannt. Und doch sah mit kummervollem Herzen Ich die vielen, stillen Gräber an. Ich, die Christin, suhlte tiefe Schmerzen Um die Tobten hier aus Judas Stamm. Welche Sprache reden diese Steine In des Friedhofs stiller Einsamkeit! All' die tobten, modernden Gebeine Mußten fliehn des Lebens Herrlichkeit. Aller Neid und Haß hat hier ein Ende, Jud' und Christ, sie sind im Tode gleich, j Und ich falte betend meine Hände,! Sende mein Gebet in Gottes Reich. Ach, aus tiefstem Innern dringt mein Flehen Zu dem Gott der Liebe jetzt empor: Laß die blinden Menschen wieder sehen. Daß als Kinder sie der Herr erkor. 31 Me sollen mir un4 Brnder uennen Jud' und Christ schuf eine« Vaters Wort, Wozu muß der wilde?aß euUneiuien, Der uns raubt des holden Friedelks Hort? Räumet fort der Zwietracht düstre Schranke, Die der Rassenhaß jetzt aufgebaut. Einig groß nur bleibet der Geballte, Ter in Liebe auf den Nächsten schaut ■) Vel fassenn der Schrift: „Der Antisemitismus im Lichte des gläubigen Christenthums", Berlin 1892. Mamroth. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.