Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 167 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ei» gut gebautes, geräumiges, behaglich eingerichtetes Wohnhaus, nebst einem großen, im besten Stande gehaltene» Garten und Park diente der Familie zum angenehmen Aufenthalt. Herr May selbst beschränkte seinen Besuch allerdings nicht auf die Sommerzeit. Es verging im Jahre selten ein Monat, während dessen er nicht einige Tage in Altrvde zngebracht hätte. Trotz vortrefflicher Geschäftsführer und Werkmeister war er doch die Seele des ganzen Betriebes, weißte neue Erfindungen der Technik sofort geschickt in seinen Dienst zu stellen, jede Konjunktur klug z» benutzen, immer wieder gangbare Artikel einzusühren und dafür geeignete! Absatzgebiete ausfindig zu machen. Herrschte auf allen umliegenden i Fabriken Arbeitsmangel, so klapperten tu Altrode doch lustig alle Webstühle; mußte man an anderen Orten Arbeiter entlassen oder Lohnabzüge machen, so gab es bei Emanuel May immer reichlich Beschäftigung und Volle Bezahlung. Es erging de» Arbeitern der Fabrik in Altrode überhaupt voll j allen im weilen Umkreise ain besten. Nicht alle seine Nachbarn sahen j Herrn May deshalb mit besonders günstigen Augen an. Weniger seiner Erfolge halber — hier ließ man seiner geschäftlichen Tüchtigkeit im Allgemeinen Gerechtigkeit widerfahren und suchte, indem man in seine» Spuren wandelte, indi'rekt Vortheil daraus zu ziehen — sondern wegen seines Verhältnisses z» den Arbeitern. Auf diesem Gebiete war man weniger geneigt, seinem Beispiel zu folgen und trug es ihm »ach, daß man sich doch gezwungen sah, dies innerhalb gewisser Grenzen zu thun. Man nannte May einen Neuerer und Streber, ver sich gern als Volksbeglücker aufspiele und dabei doch sehr gut sein Schäfchen ins Trockene zu bringen wisse, man Ivarf ihm vor, er liebäugle mit! den Sozialdemokraten, wenn er nicht gar selbst sozialdemokratischen! Grundsätzen huldige, man prophezeite, die von ihr» ansgestrcnte Saat werde noch böse Früchte für die ganze Provinz tragen. Alle, welche so über May urtheilten, hatten freilich keinen Begriff von dem innersten Wesen dieses Mannes, von der Lauterkeit seiner Gesinnungen, von der Redlichkeit seiner Absichten, von seiner Hingebung und Selbstlosigkeit. Er hatte sich viel mit Vvlkswirthschaft beschäftigt und auch die sozialistischen Schriften mit großer j Sorgfalt gelesen, ohne jedoch sich z» einer bestimmten Schule zu l bekennen. Für ihn hieß es, Astes prüfen und das Beste behalten, | gleichviel woher es komme, und die als richtig erkannten Lehren in Thaten umzusetzen. Mays Lebenshaltung war eine sehr anständige, aber bescheidene, er hätte die Enlfaltnng eines großen Luxus für eine Sünde gehalten. Trotz seiner sehr günstigen Inventuren vermehrte sein Kapital sich aber doch nur langsam, denn ein ansehnlicher Theil des Gewinnes ward nicht seinem Konto gut geschrieben, sondern floß in die Kassen der Stiftungen für die durch Alter und Siechthum zu Invaliden gewordenen Arbeiter und Arbeiterinnen. Aus den gleichen Erträgen waren gute, gesunde Wohnhäuser für die Arbeiter erbaut worden, die sie gegen allmälige geringe Abzahlung als Eigenthum erwerbe» konnten; es gab in Altrode Kindergarten und Bewahranstalt, Kranken- und Siecheuhaus, Fortbildungsschule, Bibliothek, Versammlungssaal und Badehaus, und jedes Jahr sah eine Vervollkommnung und Vermehrung dieser Wohlfahrtseinrichtungen. Emanuel May hatte das Glück gehabt, in seiner Gattin eine verständniß- und liebevolle Theilnehmerin an alle» seinen humanen Bestrebungen zu finden, und sie hatten ihre vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, in dem gleichen Sinne erzogen. Es war für die ganze Familie stets ein Fest, wenn man wieder zum Sommeranfenthalt nach Altrode ziehen, dort die im Laufe des Jahres entstandenen Nenschöpfnugen in Augenschein nehmen und thätig an den Liebeswerkcn des Vaters Mitwirken konnte. Frau May hatte oft erklärt, es gebe im ganzen Jahre für sie keinen schöneren Augenblick, als wenn der Wagen, der sie von der Station abgeholt, durch Altrode nach der in geringer Entfernung von dem Städtchen belegenen Fabrik fahre und sie von allen Einwohnern mit leuchtenden Blicken und frohem Zuruf begrüßt werde. Das war nun nicht der Fall, als dieser Wagen an einem Spätnachmittag im Mai die Ankommenden wieder einmal abgeholt hatte; freilich war nur ein Theil der Familie gekommen, Herr May und seine beiden Töchter. Der älteste Sohn, der bereits Theiluehmer im Geschäft war, hatte dringender Arbeiten halber in Berlin Zurückbleiben müsse», der jüngere, der Medizin studirte, diente als einjährig Freitvilliger bei den Fünfunddreißigern in Brandenburg, und die gute Frau deckte seit einem halben Jahre der Grabhügel. Dem Tode der Frau May war ein langes Kränkeln vorangegangen; sie hatte einen Winter im Süden zngebracht, war langsam, in Etappe» nach Berlin zurückgekehrt und dort, als man sich eben zum Aufbruch nach Altrode gerüstet, so krank geworden, daß für sie wie für die Töchter an eine Abreise nicht zu denken gewesen war. Erst im Herbst war sie gestorbcir, und das hübsche Herrenhaus in Altrode hatte zum ersten Male, seitdem es erbaut worden war, während eines ganzen Sommers unbewohnt gestanden. Mit um so größerer Freude begrüßten die jungen Mädchen den geliebten Schauplatz ihrer Kinderspiele, wenn sich darin auch das schmerzliche Gefühl mischte, Altrode wieder zu besuchen ohne die Mutter, die hier so gerne geweilt, die das schlesische Fabrikstädtchen ihre eigentliche, wahre Heimath genannt hatte. Während Vater und Töchter am Theetisch saßen, den Frau Schmidt, die Gattin des Hausverwalters, welche das Amt der Wirlhschasterin und Köchin versah, mit allerlei guten Dingen besetzt und in dem Erker des Speisezimmers gedeckt hatte, von dem inan eine reizvolle Aussicht ans die bewaldeten Kuppen des Euleugebirges genoß, sprachen die Schwestern sich über die empfangenen Eindrücke aus. „Es war heute ans der Straße gar nicht wie sonst," sagte Rosy, eine sehr hübsche Briinette, mit prächtigem blauschwarzen Haar, dunklen glänzenden Augen mit starken, schöngezeichneten Brauen und sehr langen Wimpern, einer niedrigen Stirn, einer feinen, leicht-