Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 164 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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164 um den Juden in Mißkredit zu bringen, wie diese in Rede stehende Theorie von den Wirthsvölkern. . . „Halten Sie ein, mein lieber Herr Doktor, zu einer Verständigung gelangen wir ja doch nicht. Sie haben Ihre Sache wenigstens wirksam vertheidigt; dieses Zugeständniß kann ich Ihnen machen. Reden wir von was Anderem." -Ä- Aer israelitische Prophetismns. Von Professor Dr. Ludwig Blau. on der Litteratur, welche das alte Israel zum Heile der Menschheit geschaffen hat, sind die prophetischen Schriften diejenigen, deren Autorität in der modernen Welt, ohne Unterschied der Konfession, der religiösen und wissenschaftliche» Richtung. allgemein anerkannt tvird. Die »euere Kritik der überlieferten Geschichte und Litteraturgeschichle des Prophetenvolkes, welche manches biblische Buch arg initgenommen, hat die Verehrung und Bewunderung für die begeisterten, weitblickenden hebräischen Seher nicht vermindert, ja sogar erhöht. Selbst der linke Flügel der Bibelforscher, welcher die biblischen Schriften so lange methodisch und kritisch bearbeitet, bis von der historischen Ueberlieferung kein weißer Faden übrig bleibt, fühlt sich ergriffen von der religiösen Tiefe eines Hosea, gerührt von dem tiefinnerlichen Gemüthe eines Jeremia, gehoben von dem hohen Schwung eines Jesaia. Und jo sieht man unter den begeisterten Lobrednern der Pro-! pheten und des Prophetisnius gerade die Anhänger der radikalsten , Bibeltritik, welche die Wissenschastlichteit ausschließlich für sich in Anspruch nehmen und das Resultat ihrer Arbeiten für eine kopernikanische Entdeckung ansehen. Ein Gelehrter dieser Richtung hat jüngst seine im freien deutschen Hochstift zu Frankfurt a. M. gehaltenen Vorlesungen veröffentlicht, in welchen er eine Darstellung des israelitischen Prophetisnius auf Grund der Erforschungen und Resultate der neueren alttestamentlichen Wissenschaft zieht?) Der Verfasser ist von der Größe seines Themas tief durchdrungen; er nennt den israelitischen Prophetismus eine der bedeuteirdsten und großartigsten Erscheinungen, welche die Geschichte der Menschheit aufzuweisen hat. Ein großes Wort; zumal vor einem deutschen Zuhörerkreis allsgesprochen. Ueberhaupt werden in diesen, kleinen, schön geschriebenen Büchlein die Erscheinungen des Prophetismus, Wesen und Bedeutung, Wachsthum lind Verfall, Entstehuiig und Untergang, Anfänge und Ausgänge mit einer Tiefe des Einblicks und Weite des Umblicks geschildert, wie mau sie selten findet. Die großartigen Entdeckungen auf dem weiten Felde der altorientalischen Geschichte und Archäologie, die Forschungen der allgemeinen Religionsgeschichte und der semitischen Sprachwissenschaft werden in großein Maßstab» herangezogen und zur Beleuchtung des altisraelitischen Prophetismus verwendet. Der Verfasser weist einen Zusammenhang zwischen israelitischen und heidnischen Propheten nach imb fährt dann fort: „Wenn wir mit diesen wilden Derwischen einen Hosea oder Jeremia vergleichen, so zeigt auch eine Betrachtung des Prophetisnius das nämliche Resultat, lvelches wir sonst überall beobachten können, daß Alles, was Israel von andersher entlehnte, von ihm zu etwas völlig Neuem und ’) Der israelitische Prophetisnius. In fünf Vorträgen für gebildete Laien geschildert von Carl Heinrich C orn il l, der Theologie und Philosophie Doktor, ordentlicher Professor der Theologie an der Universität Königsberg. Straßburg 1864. Trübner, Eigenem umgebildet wurde, so daß es schwer wird, in der herrlichen israelitischen Umgestaltung und Neuschöpfung das ursprüngliche Original wieder zli erkennen. Deshab sollte man sich nicht dagegen sträuben, in der Religion Israels manche fremde Elemente anznzuerkennen; inan setzt sie dadurch nicht herab, sondern im Gegentheil, man stellt ihr dadurch ein Zengniß höchster Lebenskraft und siegreicher Assimilirungsfähigkeit aus: Israel gleicht in geistiger Beziehung dem fabelhaften Könige Midas, welchem Alles, was er berührt, sich zu Gold, verwandelt." Das Wesen der Prophetie bildet die Fähigkeit, das Walten Gottes in der Geschichte zu erkennen und das Volk dementsprechend auf die richtige Bahn zu leiten. Daher erscheinen die Propheten in sturmbewegten Zeiten, lvenn der Himmel »mwölkt ist und Katastrophen dem Volke drohen. Die Propheten sind die Sturinvöget der Geschichte. Zugleich aber ist der israelitische Prophet das Gewissen seines Volkes, der auf Abstellung sittlicher Schäden und Gebrechen dringt; er ist, wie seine hebräische Benennung lehrt, ein Beauftragter Gottes. Als solche haben sich diese gewaltigen Naturmenschen gefühlt, weiiu der göttliche Geist mit unwiderstehlicher Kraft über sie kam. Bei dieser Hoheit und Erhabenheit des prophetischen Berufes ist es begreiflich, daß Professor Cornill den Semitismus, den Boden, aus tvelchem der Prophetismus nach seiner Anschaunng hervorgeivachsen ist, nicht für durchaus verderbt halten kann, und er hat den Mnth der Ueberzeuguug, um es frei herauszusagen, „das; die vielverrufeneu und vielgeschmähten Semiten durchaus nicht eine so inferiore Rasse und so minderwerthige Menschen sind, wie ma» es leider gerade heut zu Tage wieder vielfach hinzustellen beliebt." Die unbestechliche Wahrheitsliebe, welche in diesem Buche herrscht, zeigt sich nicht blos in der Stellung gegen traditionelle Annahmen über viele Punkte biblischer Litteraturgeschichle, über welche mau verschiedener Meinung fein kann, sondern auch in der Anerkennung von Wahrheiten, welche Jahrhunderte hindurch und zum Theil auch noch in der Gegenwart geleugnet wurden. Der evangelische Theologe spricht es init bewunderungswürdigem Freimuth aus, daß die Propheten, namentlich schon Ainos, vor mehr denn zwei und ein halb Jahrtausenden die israelitische Volksreligion zu einer Weltreligion erhoben haben. In seiner Darstellung des prophetischen Lehrgehaltes kargt er auch nicht mit der Anerkennung des Judenthums. Am bemerkenswerthesten äußert er sich über das Familienleben der Juden in dem Satze: „Wenn die Heilighaltung der Ehe und die Reinheit des Familienlebens zu allen Zeiten der köstlichste Schmuck und der edelste Schatz des jüdischen Volkes gewesen ist, so müssen wir auch hierin den Stempel erkennen, welchen Ezechiel ihm dauernd ausgeprägt hat." Die Unduldsamkeit, welche man von verschiedenen Seiten der deutschen Nation anfznbürden geneigt ist, weil man blos die Schreier und nicht die echten Repräsentanten des deutschen Volkes hört, ertveist sich als falsche Voraussetzung, wenn man bei unserem Autor liest, daß die Sätze von weltgeschichtlicher Bedeutung: Gott ist die Gerechtigkeit und Gott ist die Liebe, prophetischen Ursprungs sind. Alle drei monotheistischen Religionen — Judenthum, Christenthum, Islam — also die ganze Geschichte der Offenbarungsreligion, gehen »ach unserem Autor auf das fünfte Buch Mose zurück. Dieser Geist echter priesterlicher Liebe ist um so erfreulicher, weil er in einem Buche uns entgegentritt, dessen Autor die Quintessenz der neuesten biblischen Forschungen zur Darstellung bringt. Und dies ist dem gewandten, geistvollen Schriftsteller, dessen Stil und Darstellungsgabe an Renan erinnert, vollkommen gelungen. An Ernst und Begeisterung für die ewigen Lehren der Propheten dürfte er Renan noch übertreffen, denn sein Buch klingt in einen