Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 163 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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163 „Ein so großer und durchgreifender Unterschied, daß die Verkennung und Nichtbeachtung desselben zu den gröbsten Mißverständnissen, Verirrungen und Rechtsverdrehungen geführt hat. Sie bringen mir gegenüber den Deutschen zur Geltung und meinen doch die germanische Nationalität. Ich bin kein Germane; allein meine Zugehörigkeit zum deutschen Volke lasse ich mir nicht streitig machen. Ganz ebenso denkt auch der französische und russische Jude, wenngleich er auch kein Romane oder Slave ist. Und weil ich ein Deutscher bin, so ist auch Deutschland mein Vaterland, das ich liebe, vielleicht hundertmal mehr liebe als derjenige, welcher „Deutschland, Deutschland über Alles!" brüllt und den Verrath an der Menschlichkeit und Gerechtigkeit im Herzen trägt." „Wenn das richtig wäre, wozu Pflegen denn die Juden so eifrig diese engen Beziehungen unter einander, wie beispielsweise diese „Alliance Israelite Universelle“? Wozu diese geheime und offene Solidarität in allen schlimmen Lagen, Verfolgungen und Verdächtigungen. Wenn einem Juden etwas Schlimmes geschieht, ob in unmittelbarer Nähe, ob hinten in der Türkei; gleich fühlen sie sich allesammt getroffen und trachten, soweit es in ihren Kräften steht, Abhilfe zu schaffen. Ich gehe nun nicht so weit, diese Solidarität nach der Richtung eines gewissen Weltherrschaftstraumes der Juden auszudeuten und auszubeuten. Dazu bin ich nicht Antisemit genug; allein verdächtig bleibt sie immer." „Aber lieber Nachbar, thut denn der Deutsche nicht dasselbe? Er gründet Vereine zum Schutze der Deutschen im Auslande; unterstützt die deutschen Schulvereine i» nichtdeutschen Ländern. Läßt seine Flotte auf allen Meeren kreuzen, um seine Angehörigen zu schützen. Bedeuten die Veranstaltungen nicht ganz dieselbe Solidarität?" „Dieselbe Solidarität! Ich dächte, der Unterschied läge doch klar genug zu Tage. Hier handelt es sich doch nicht um Stammes-, sondern um Staatsangehörige. Und ein Staat hat doch wohl das Recht und die Pflicht, seine Interessen lind seine Angehörigen auf jede Weife zu schützen." „Ganz richtig! Wie ist es aber, wenn der Staat das nicht thut, wenn er seine eigenen Angehörigen, weil sie zufällig airdereu Stammes sind, im eigenen Lande unterdrückt und verkürzt; und i» welchem Staate wird der Jude nicht verkürzt und zurückgesetzt? Hat man uns diese Stammessolidarität, die leider noch viel zu schwächlich und unzureichend bethätigt wird, nicht mit Gewalt anfgezwungen? Da wir Heere und Panzerflotten nicht zur Verfügung haben, müssen wir einander in anderer Weise zn helfen suchen. Aber ich gebe Ihnen das Versprechen: In demselben Augenblicke, da man aufgehört hat, den Juden, eben weil er Jude ist, zu hassen, zu verfolge», zu schmähen, seine bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte zu beschränken und zu verletzen, wird auch diese Stannnessolidarität der Juden für alle Ewigkeit abgethan sein." „Gut denn! Zugegeben, dem wäre so, wie Sie behaupten — allein der Jude selbst erkennt und fühlt sich doch nur als Gast unter den Wirthsvölkern. Das beweist er durch seine religiöse» Hoffnungen und Erwartungen, das beweist er durch seinen steten Hinblick nach dem Lande seiner Väter, das beweist er durch sein eifriges Gebet um die Wiederherstellung seines ehemaligen Staates und um die Rückkehr seines Volkes dorthin. Ist das wahr oder nicht?" „Das zu leugnen, fällt mir nicht im Traum ein. Gerade dieser Umstand ist es, welcher mich veranlaßt, um so entschiedener auf meine bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte zu pochen, und mich nicht blos als Gast unter Wirthsvölkern zu fühlen." „Wie Sie das behaupten und beweisen wolle», bin ich in der That zu hören begierig." „Also, wie schon deutlich und eindringlich genug gesagt, wir sind allesammt nicht auf diesem Grund und Boden gezüchtet. Wir sind allesammt, der Eine früher, der Andere später, hier eingewandert. Wer von uns zuerst da war, läßt sich gar nicht mehr feststellen, ist auch völlig unerheblich. Wir sind allesammt nur Gäste auf diesem Erdenrunde. „Fremdlinge sind wir, wandern aus und suchen ein unvergänglich Haus; Gäste sind wir dieses Landes, das uns nährt, pflegt und bewahrt, wie das Kind au der Mutterbrust; Gäste sind wir bei unserem Herrgott, dem die Erde gehört und was sie füllet." Und weil wir zufällig — man verstehe wohl, rein zufällig — in diesem Lande geboren und geborgen sind, nennen wir uns Bürger. Und gerade der Jude mriß als Bürger erster Güte angesehen werden." „Wieso gerade der Jude?" „Weil der Jude die Vorbedingungen zur Erlangung des Bürgerrechts in genauester und befriedigendster Weise erfüllt hat. Der Jude ist kein hergelaufener Mensch, er weiß, wer seine Väter waren, und woher er stammt. Er kommt mit seinem Heimaths- und Abzugsschein und muß überall, wohin er gelangt, weil er den hergebrachten Anforderungen das Staats- und Völkerrechts in vollgiltiger Weise genügt hat, als Vollbürger ausgenommen werden. Das kann nicht ein Jeder von sich sagen." „Was hat das aber mit seiner Hoffnung und Erwartung, sowie seinen Gebeten um die Wiederherstellung des ehemaligen jüdischen Staatswesens zu thnn?" „O, sehr viel! Gerade hierin liegt die Bestätigung und Erfüllung aller Dokumentationen und Beweismittel in Betreff seiner Herkunft und Urheimath. Dann allerdings müßte alle Welt mich als einen hergelaufenen, zweifelhaften Menschen betrachten, wenn ich nicht mit Herz und Mund meine Abkunft und meine Liebe zur Urheimath bestätigen wollte. Ich bin ein Jude, und alle Volksüberlieferungen der Juden finden in meinem Herzen den lebendigsten Widerhall; das kann doch meine Liebe zu Heimath und Vaterland in der Gegenwart nicht verkürzen und beeinträchtigen. Gerade im Gegentheil! Meine Vaterlandsliebe kann dadurch nur mächtig erhöht und belebt werden. Was ich in Bezug auf das Land der Väter von der Vergangenheit überkommen habe, was ich in Bezug hierauf für die Zukunft erhoffe, das übertrage ich in ganz unmittelbarer Weise auf Heimath und Vaterland der Gegenwart. Alle Vaterlandsliebe fließt ja aus einer und derselben Quelle. Ich weiß aus der Geschichte unseres Volkes der Gegenwart und Vergangenheit, daß gerade diejenigen Männer stets die besten Patrioten waren, welche ihrem Volke und seinen Traditionen in unverbrüchlicher Liebe und Treue anhängig waren. Ich weiß, daß der jüdische Soldat ohne zu zucken sein Gewehr auf die Brust des eigenen Bruders richten würde, wenn er ihn in den Reihen der Feinde seines Volkes und Vaterlandes begegnen würde. O, dem Juden, ganz besonders aber dem deutschen Juden geschieht großes Unrecht. Was hat sich die Welt zn kümmern um die stille Liebe im Herzen zu seinem Stamme und zu dem Lande seiner Väter, die bei den »reisten vielleicht schon gar nicht mehr vorhanden ist und der wahren und wirklichen Liebe zum deutschen Volke und Vnterlande nicht den geringsten Abbruch thut? Der Jude ist nicht wie der Welfe, der Pole, der Däne; ist auch nicht, wie sehr viele unter den Ultramontanen und Hochkonservativen, die nicht die rechte Liebe haben zu dem deutschen Volke und Vaterlande und daraus auch gar kein Hehl machen. Der Jude ist ein guter Patriot, der das deutsche Volk und Vaterland siegreich und einig, groß und machtvoll wünscht. Allein, statt dieses anzuerkennen, sucht man nach allerlei hinfälligen Ausflüchten und haltlosen Theorien,