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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-05 · Heft 14 (5.4.1895) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
Seite 162 (sequence 8)
Language
German
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162 auf ihr russisches Bürgerrecht gewissermaßen selbst Verzicht leisten, wenn sie um die Erlaubniß zur Masienemigration nachsuchen, und »»zweifelhaft hat die zuvorkommende Art, wie diese Erlaubnis; trotz des für alle andern Nationen des russischen Reiches noch bestehenden Verbotes der Massenemigration erthcilt wurde, nicht dazu beigetragen, unser Ansehen beim Volke und insbesondere bei den Behörden zu vermehren. Dieses hätte Baron Hirsch bedenken sollen und er hätte sich auf jeden Fall fragen sollen, ob er auch berechtigt sei, im Namen der gesummten russischen Judenheit um die Erlaubniß zur Austvanderung zu petitioniren, d. h. auf ihr Bürgerrecht im Vaterlande zu verzichten. Wäre der russischen Judenheit auf irgend eine Weise die Möglichkeit gegeben worden, sich hierüber zu äußer», sie hätte sicherlich gegen eine solche Zumuthung aufs Entschiedenste Protest irt. Damals war die Lage der russischen Juden allerdings so trostlos, daß sie eigentlich kaum noch etwas zu verlieren hatten, so das; der auch damals schon hervorgetretene Widerspruch gegen die Pläne des Baron Hirsch sich nur aus der Vaterlandsliebe der russischen Juden, aus ihrer Anhänglichkeit an die heimathliche Scholle erklären läßt. Jetzt aber haben sich die Aussichten, wie allgemein zugegeben ivird, bedeutend gebessert, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen; daß in dem Verhalte» der russischen Regierung gegenüber den Juden eine radikale Wendung eintreten könnte. Da wäre es Pflicht für den Baron Hirsch und insbesondere für seine Anhänger in Rußland, reiflich zu überlegen, ob sie auf dem eingeschlagenen Wege noch weiter fortschreiten dürfen, denn jetzt muß es doppelt gefährlich sein, wenn unser» Feinden die Möglichkeit gegeben wird, den Patriotismus die Vaterlandsliebe der Juden zu verdächtigen. Wohl der sehnlichste Herzenswunsch, dessen Erfüllung die russischen Juden vom neuen Kurse erhoffen, besteht darin, daß ihnen wieder gestattet werde, in Rußland selbst Bodenbesitz zn erwerben und sich wieder in größerem Umfange dem Ackerbau zuzuwende». Um dies zu hintertreiben, ist nichts so geeignet, wie wenn unfern Feinden Gelegenheit gegeben wird, darauf hinzuweisen, daß jüdische Bauer», welche einst den Boden von der Regierung rnnsonst zngewiesen erhalten haben, die von ihren und ihren Vätern seit Jahrzehnten bebaute Scholle und das Vaterland sofort verlassen, wenn ihnen jenseits des Ozeans größere pekuniäre Vortheile in Aussicht gestellt werden. In dieser Beziehung könnten und sollten die Anhänger der Kolonisation Argentiniens sich die Zionisten zum Muster nehmen. Letztere sind in richtiger Ertenutniß und Würdigung der Verhültniffe nie für eine Masienemigration eingetreten, sondern haben vor einer solchen stets gewarnt; auch haben sie ihre Pioniere nicht unter unfern sich mit Ackerbau bereits beschäftigenden Stammesgenossen gesucht, wie die Komitees des Baron Hirsch es thun zu muffen glauben. Studenten, Schriftsteller, Kaufleute rc. waren es vielmehr, welche die erste» Kolonien in Palästina begründeten, und doch hat der Erfolg gezeigt, daß der reine Idealismus, die wirkliche Begeisterung für eine Idee auch die größten Schwierigkeiten zu überwinden vermag. Als die größte Schädigung, welche den Interessen unseres Stammes durch die phantastischen und unerfüllbaren Versprechungen der Jetvish-Kolonisation-Assoziation zugefügt wurde, möchten wir aber den Umstand bezeichnen, daß seit dem Auftreten derselben alle andern Fragen des jüdischen Lebens, zumal die ideelle, ganz in den Hintergrund gedrängt wurden. Es erweckte fast den Anschein, als ob die gesammte russische Judenheit dem Vaterlande je eher, je lieber den Rücken zu kehren bereit sei und sehnlichst darauf warte, auf der goldenen Schwinge der Jewish-Kolonisation-Asioziation nach dem gelobten Silberlande getragen zu werden. Daß dies aber in Wirklichkeit durchaus nicht der Fall ist, dürfte gerade den Baron Hirsch'schen Emigrationskoniitees am meisten klar geworden sein, und es steht zu erwarten, daß jetzt, wo die Aussichten auf eine erhebliche Besserung unserer Lage im Laude selbst bedeutend gestiegen sind, die Begeisterung für die Auswanderung nach Argentinien allmählich auf den Nullpunkt herabsinken dürfte. Alsdann aber wird man es bitter bereuen, lange Jahre einem Trugbilde nachgejagt »nd mittlerweile die vitalsten Jntereffeu unseres Stammes vernachlässigt zu haben. L. E. Me Mirthsvötlrer. Ein Gespräch von Dr. I. Rülf in Memel. II. ''ein Gespräch mit dem Superintendenten der Nachbarstadt hatte noch eine Fortsetzung. Ich schildere sie hier wortgetreu. „Sie selbst haben zugestanden, Herr Doktor, daß es sich in unserer Auseinandersetzung nicht um die Juden als Religionsgemeinschaft, sondern um das Volk der Juden handle." „Ganz recht, Herr Superintendent, ich bin ein Jude und als solcher kein Germane, kein Romane und kein Slave; allein ich bin ein deutscher Jude. Ganz mit demselben Rechte, wie die Deutschen in Oesterreich und Rußland österreichische und russische Deutsche sind. O, ein jeder Staat ist weitarmig genug, um nicht nur eine Nation und Religion, sondern viele Nationen und Religionen zu mnfasien. Alle, die in Deutschland wohnen, sind Deutsche, die in Oesterreich wohnen, sind Oesterreicher, die in Rußland wohne», sind Russen, ganz abgesehen von ihrer Religion und Nation. Deutschland ist Deutschland, nicht weil die Deutschen drin wohnen, sondern umgekehrt, die Deutschen sind Deutsche, weil sie in Deutschland wohnen, weil und insofern sie deutsche Staatsbürger sind. Deutschland bleibt Deutschland, und wenn es auch seine Bewohner, was im Laufe der Zeiten gewiß auch mehr als einmal geschehen sein mag, von Grund aus wechseln und mit andern Nationalitäten vertauschen sollte. Wie dieser Prozeß sich vollzieht, können wir an dem Entwickeluugsgang der amerikanischen Bevölkerung studiren. Darum ist das wüste und anmaßliche Geschrei: Deutschland sür die Deutsche», Rußland für die Russen, völlig müßig und unnütz, weil sich das von selbst versteht." „Sie wollen, wie es scheint, die Bevölkerung eines Staates zu einem unqualifizirbaren Konglomerat, zu einem zusammengewürfelten Mischmasch der verschiedenen Bevölkerungsmassen machen?" „Nein, das will ich nicht; ich bin ganz gewiß der Letzte, der so etwas wünscht und will. Die verschiedenen Völkerschaften und Nationalitäten eines Staates dürfen und sollen sich ihre Sonderart wahren und ausbilden, so viel es ihnen beliebt, wenn sie nur die wechselseitigen Bürger- und Menschenrechte achten und unangetastet lassen. Sie dürfen sogar in unblutigem Wort- und Wettstreit einander bekämpfen und sich den Rang abzulaufen suchen. Nur in einer einzigen Angelegenheit müssen sie stets sein ein Herz und eine Seele." „Und diese wäre?" „In der Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande. Auch in der Anhänglichkeit und Hingabe an das Staatswesen, dessen Bürger ein Jeglicher ist. In Bezug auf diese Dinge giebt es keine verschiedenen Nationalitäten mehr, sondern nur noch ein einheitliches Volk." „Ist denn ein so großer Unterschied zwischen dieser Nationalität und diesem Volke?"

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