Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 161 (sequence 7)
- Language
- German
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Eine Freisprechung, ein matter Strafantrag seitens der von Privatklägern angerufenen Staatsanwaltschaft — und auch das wurde erlebt — wirkt schlimmer als eine Strafvollstreckung, die Märtyrer schafft." Ich habe dann von den wenigen Fällen erzählt, in denen der Ausschuß deS Gemeindebundes trotzdem Strafantrag gestellt und theils — früher — Bestrafung erzielt, theils — später — staatsanwaltschaftliche Ablehnungen erfahren hat. Diese Ablehnungen klangen ganz so wie die jüngste Reichsgerichtsentscheidnng: nicht die Religionsgesellschaft, sondern die Rasse sei gemeint; mit der Beleidigung des jüdischen Volksstammes sei nicht jedes einzelne Glied getroffen. „Und dennoch — fuhr ich fort — wir Juden fühlen es am Erste», daß mit den judenfeindlichen Angriffen wir Alle bedroht, wir Alle berührt sind. Und jeder Christ, der befangene wie der unbefangene, wird zugeben, daß in dieser Schrift nicht der Jude Meyer, sonder» die Mehrzahl aller Juden gemeint ist." Eine fünfzehnjährige Erfahrung hat mich seitdem von der Richtigkeit meiner damals ausgesprochenen Meinung überzeugt. Ich war in dieser Zeit manches Mal in der Lage, auf dringenden Wunsch aus dem Schoos; meiner Gemeinde gegen schmähliche Angriffe („Kauft nicht bei Inden," Schmähbilder rc.) mich an die Staatsanwaltschaft zu wenden, bin bis in die Oberinstanz gegangen, habe aber nichts erzielt, höchstens die Begründung der Ablehnung mit dem Bedauern, daß das Reichsstrafgesetzbuch nicht die strengeren Bestimmungen einer früheren Gesetzgebung, bezw. eines vor Jahren abgelehnten Entwurfs enthalte. Der kehrt ja in der jetzigen Umsturzvorlage wieder. Aber — timeo vauaos. Auch wenn sie den Antisemiten nicht paßt, auch wenn sie einigen Schutz verheiße, ich möchte sie um keinen, auch um diesen Preis nicht herbeisehne». Auch das rührige Vorgehen des von mir gewiß hochgeschätzten „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat mich in meiner Ueberzeugung von der überwiegenden Schädlichkeit solcher Strafanträge nicht irre gemacht, vielmehr nur bestärkt. Im günstigsten Fall — ridiculus mus, eine winzige Geldstrafe, in der Mehrzahl der Fälle — Judaei comissisione dimissi! Ich bin weit davon entfernt, unfern Staatsanwälten und Richtern Objektivität und Unbefangenheit abzusprechen. Aber der alte Väterspruch: Richte deinen Nächsten nicht, bis du dich in seine Lage versetzt hast — enthält eine große Forderung. Es wird dem Nichtjuden schwer, sich in das Empfindungsleben des Juden versetzen und der Krankheitsstoff der Judenabneigung liegt in der Luft. Darum ergeht heute wie vor fünfzehn Jahren mein Warnungsruf: Vorsicht mit Strafanträgen! Briefe aus Rußland. ii. s muß zugegeben werden, daß eine Wohlthätigkeit, wie sie vom Baron Hirsch für seine russischen Glanbensgenoffen geübt wird, in der Weltgeschichte wohl einzig dastehen dürfte; einen Anspruch auf unsere Dankbarkeit hat er sich aber darum dennoch nicht erworben. So sicher es auch ist, daß die Jewish Colonisation Association nur dem aufrichtigen Wunsche des Barons Hirsch, de» unglücklichen Brüdern in ihrer Noth z» helfen, ihre Entstehung verdankt, so wenig kann es andererseits ziveifelhaft sein, daß der von ihm eingeschlagene Weg zu diesem Ziele nicht, wohl aber zu anderen ihm wie uns unerwünschten Resultaten führen muß. Wir haben bereits erwähnt, daß die Gesellschaft aus verschiedenen Gründen es für nöthig gefunden hat, nur solche Personen in ihren Kolonien in Argentinien anzusiedel», welche schon in Rußland sich von Jugend auf mit Ackerbau beschäftigt haben, sich einer vollkommenen körperlichen Gesundheit und Rüstigkeit erfreuen, und überdies sich im Besitze nicht unerheblicher Baarmittel befinden. Wir haben ferner gezeigt, daß die hierfür als maßgebend erachteten Gründe kaum jemals verschwinden dürften und die geplante Hilfsaktion sich somit immer nur ans Leute dieser Kategorie wird beschränken müssen. Mag nun diesen Leuten die Answandernng nach Argentinien ans thatsächlichen oder eingebildeten Gründen vortheilhaft und wünschenswerth erscheinen, der gesammten russischen Judenheit bringt sie keinen Wintzen, sondern Schaden. Man hat verschiedentlich behauptet, daß der Antisemitismus in direktem Verhältnisse zur Anzahl der Inden in einem Lande steht. Aus diesem Gesichtspunkte geben sich ja unsere Vertheidiger in Deutschland z. B. alle erdenkliche Mühe nachzuweise», daß die Zahl der Inden in diesem Lande im letzten Jahrzehnte nicht zu-, sondern abgenommeu habe. Allein jene Behauptung trifft höchstens nur für diejenigen Länder zu, wo die Inden ausschließlich oder doch vorzugsweise vom Handel leben, in Rußland dagegen liegen die Verhältnisse ganz anders. Hier, wo der bei Weitem größere Theil der Inten als Handwerker oder Tagelöhner schwer und ehrlich um das weiche Brod kämpft, wo viele Zehntansende von Inte» im Schweiße ihres Angesichts dem Boden seinen Segen abringen, giebt es wohl Judenverfolgungen, allerlei beschränkende und bedrückende Ausnahmegesetze gegen die Juden, aber keinen ökonomischen Antisemitismus beim Volke, keinen Judenhaß in der abendländischen Form. Es mag nicht schwer sein, beim fanatischen russischen Bauern oder Arbeiter de» religiösen Haß gegen die Inden z» entfachen und i ihn — zumal wenn man ihm einredet, daß der Zar selbst es wünscht und erlaubt habe, wie dies bei den Jndenkrawallen der achtziger Jahre geschehe» ist — zu Exzessen gegen dieselben zu verleiten, aber Niemand wird ihm weiß machen, daß der Jude im Allgemeinen ein Ausbeuter, ein Parasit sei, der ohne selbst zu arbeiten, von der Arbeit Anderer lebt. Sieht er doch täglich mit eigenen Augen, wie der Jude gleich ihm hinter dem Pfluge einher geht oder in den engen Arbeitsrünmen der Fabriken im Schweiße seines Angesichts arbeitet. Daher sind auch die jüdischen Dörfer in Südrußland, sowie die zahlreiche» jüdischen Bauern in Polen und Lithauen den russischen antisemitischen Zeitungen vom Schlage des „Nowoje Wremja" und „Grashdanin" ein Dorn im Auge, weil sie alle ihre erlogenen Beschuldigungen durch die That zunichte machen; wir haben aber sicher allen Grund, uns diesen ökonomisch und physisch, vielleicht auch moralisch gesundesten Theil unseres Volkes in unserem Vaterlande zu erhalten. « Sollte es denVertretern derAnglo-Jewish-Kolonisation-Assoziation gelingen ~ wir haben freilich begründete Hoffnung, daß dies nicht geschehen wird —, die jüdischen Bauern Rußlands zur Auswanderung nach Argentinien zu verleiten, so wäre dies für die russische Judenheit ein schwerer Schlag. Schon damals, als die Gesellschaft bei der kaiserlich-russischen Regierung die Konzession zur Bildung von Auswanderungs-Komitees nachsnchte und erhielt, hat die „Nowosti" — ein uns wohlgesinntes, sehr angesehenes Blatt — darauf hingeiviesen, daß dies ein politischer Fehler von unabsehbarer Tragweite sei. Das « genannte Blatt machte mit Recht darauf aufmerksam, daß die Inden