Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 160 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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160 einige Hymnen aus der spanisch-jüdischen Glanzzeit wurden der Liturgie eingefügt.H Die erste Gemeinde, die statt der Synagogenlieder durchweg Psalmgesänge in deutscher Sprache einführte, war die Nürnberger Gemeinde. Die im Nürnberger Gebetbuch aufgenommenen Psalmen sind von Louis Lewandowski, dem Altmeister synagogaler Musik, eigens komponirt worden, und diese, die durch 20 Jahre sich bewährt haben, sind es auch, die jetzt die Reformgemeinde acceptirte. Dies Gebetbuch darf nun als Vorbild für diejenigen Gemeinden dienen, die das Bestreben haben, einen zeitgemäßen Gottesdienst in der Muttersprache einznführen. Solchen Vorzügen gegenüber verschwinden die geringfügigen Einwendungen, welche etwa hier lind da zu machen tvären. Ihre Berechtigung diirfte sich auch erst »ach dem Gebrauche des neue» Gebetbuches Herausstellen. Mit besonderer Befriedigung möchten wir die Auswahl der Lieder und Gebete für die häusliche Andacht hervorhebe». H>er sind in der That die besten Schöpfungen der hebräischen Poesie des Mittelalters, die schönsten Lieder unserer Dichterfürsten, Salomo Gabirol, Jehuda Halevi, Jbn Esra u. A., in gute» Uebersetznngen verei»igt. Dadurch erfüllt dieses Gebetbuch »och einen andern Zweck, indem es der Genreinde die Kenntniß der nenhebräischcn Dichtung verniittelt. Außer dem Gebetbuch ist aber auch »och eine Festschrift: „Die Reform des Judenthums" von deni Prediger der Gemeinde, Dr. M. Lev in, erschienen. Es war die Absicht, eine übersichtliche Darstellung der Entwickeluugsgeschichte des Judenthunis zu geben und den Nachweis zu führe», daß die Reform innerhalb des Judenthnms eigentlich schon mit den Propheten begonnen, daß sie weder in der talmudischen Zeit noch im Mittelalter gestockt, und daß sie mit der wiedergeborenen Judenheit zu Anfang dieses Jahrhunderts und mit den wissenschaftlichen Bestrebungen des modernen Rabbinismus nur eine neue Blüthe erlebt habe. Das dritte Kapitel ist ausschließlich der Reformgemeinde gewidmet, ihren Begründern und Lehrern, ihrem Gotteshaus« und ihrer Schule, dem Verhäliniß zum Gesamlntjudenthum, sowie den derzeitigen Lehrern und Vertretern. Man kann über Einzelnes in dieser Festschrift wesentlich anderer Meinung sein, aber auch hier wird jeder Unbefangene mit herzlicher Anerkennung hervorheben müssen, daß es de», Verfasser gelungen ist. bei voller Wahrung seines eigenen Standpunkts, allen übrigen Be- ') Eine Bearbeitung des Jehuda Haleoischen Lobgesanges durch Herrn Dr. Holz, ein Mitglied der Reformgemeinde, möge hier Platz finden: Chor. Deinem Namen Hocherhab'ner freudig hent mein Lied erklingt. Mir, dem staubgebor'nen Kinde jubelnd jetzt die Seele singt: Auf Dich bau' ich. Dir vertrau' ich Ohne Fragen Ohne Zagen. Du meines Lebens Lust und Licht! In Deinem Schutze fürcht' ich nicht — Der unerforschlich, Unerfaßlich Im Herzen wohnt. Wie über Welten thront — In Mild' und Macht Als Vater wacht. In Herrlichkeit Und Ewigkeit! Chor und Gemeinde. Lob und Preis, Lob und Preis sei Dir Dem hocherhabenen Herrn!! strebungen innerhalb des Judenthums gerecht zu werden und de» geschichtlichen Eutwickellingsgang objektiv und mit großer Sachkenntniß zu schildern. Eine wohlthuende, religiöse Wärme durchzieht das Buch und mit besonderer Befriedigung entnehmen wir demselben die Erklärung: „Sowohl die Zugehörigkeit zur Hauptgemeinde als auch das praktische Wirken durch ein halbes Jahrhundert beweist, wie die Reformgemeinde durchaus auf dem positiv historischen Boden des Judenthums verharrt." Wir schließen uns der Hoffnung des Verfassers an, daß die Verhandlungen mit der Hauptgemeinde zu einen, gedeihlichen Resultat führen mögen. Ihren Höhepunkt hatte die Jubiläumsfeier der Reformgemeinde in dem Jestgottesdi enst erreicht, der heute Abend in dem Gottes Hanse derselben unter zahlreicher TheilnahmederGemeindemitglieder und vor einem erlesenen Auditorium geladener Gäste stattgefnnden hat. In diesem Auditorium waren der Oberbürgermeister und di, andern Behörden der Stadt, der jüdischen Gemeinde, das Rabbinat. sowie viele Notabilitäten zu sehen. Die Feier nahm um 7 Uhr ihren Anfang mit der musikalisch glanzvoll ansgeführten Kednscha. Hierauf folgte die Festrede, die Herr Dr. L e v i n hielt, und die di, geschichtliche Entwickelung, die Aufgaben und den Beruf der Reformgemeinde, anknüpfend an den Prophetenvers Jeremia 3, 6, in logisch klarer, warmer und eindringlicher Weise schilderte. Es ist ja selbstverständlich, daß wir nicht »nt dem Festredner in der Reform die Erfüllung unserer Ideale vom Gottesreich sehen, aber die Gerechtigkeit niüssen wir doch Herrn Dr. Leviu gegenüber üben, zu erkläre», daß er seine» und den Standpunkt feiner Gemeinde mit frommen, Eifer, mit voller Würde und großem rhetorischen Geschir durchgeführt hat. Hierauf folgte das Chorsolo: „Ick gedenk, dir die Holdseligkeit deiner Jugend", einen der berühmtester und erhabensten Schöpfungen Lewandowski's, dessen Genius diese», Festgottesdienst die volle Weihe lieh und in dem Schlnßpsalni 15» die ganze Gemeinde auf seinen Schivingen zur Höhe des Ideale trug. Die Gedenkfeier wurde von Dr. Oppenheimer, Gebet unk Segen von Dr. Klemperer wirkungsvoll gesprochen. Die ganze Feier machte auf die große und ansehnliche Ver sanimlung zweifellos einen tiefen Eindruck. Für uns gipfelte diese, Eindruck in deni Bekenntniß der Festpredigt: „Wo überall das Schema gerufen wird, da ist der Geist Gottes, da sind unsere Brüder da ist das Gottesreich!" In diesem Bekenntniß der Einheit und Einigkeit des Judenthums liegt seine feste Stütze für die Zukunft an deren Gestaltung auch die Reformgemeinde thätig und schaffe»« freudig wie bisher, mit heiligem Eifer und in umwandelbarer Treu, sich erfolgreich bethätigen möge! 6. K Der Antisemitismus vor Gericht. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. fei Mittheilung einer neueren ungünstigen Reichsgerichte entscheidung wird in diesen Blättern gefragt, ob unter solchen Umständen und nach einer solche» Entscheidui» überhaupt fernerhin noch der Versuch zu machen sei, die Hilfe de, Gerichte gegen unsere Feinde und Angreifer zu suchen. Hieran in der Wunsch geknüpft, daß Juristen über diesen wichtigen Punkt sic: unumwunden aussprechen möchte». Bereits vor 15 Jahren, auf dem dritten ordentlichen Gemeinde tag in Leipzig am 11. April 1880, habe ich in meinem Referw „Uebcr die judenfeindliche Bewegung in Deutschland" mich über diese Frage wie folgt ausgesprochen: