Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 159 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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159 Papst Leo eine Mißdeutung seiner sozicüreformcitorischen Ansichten nicht länger dulden will und die Ausschreitungen der Antisemiten verabscheut. * Die Rezeption der Juden wurde im ungarischen Nagnatenhause bekanntlich zum zweiten Mal mit einer Majorität wn sechs Stinunen abgelehnt. Die Debatte eröffnete Markgraf Csäky-Pallavicini, welcher unter m tiefsten Entrüstung aller edeldenkeuden Elemente des Hauses inen der häßlichsten Hep-Hep-Gassenhauer sprach, die je in einem gebildeten Kreise laut geworden. Der Kultus- und Unterrichtsrlinister Wlassics erwiederte ihm in einer längeren trefflichen Rede,;n der es u. A. heißt: Ich kann dem edlen Grafen sagen, daß die Israeliten in Ungarn rganisirt sind; anderswo, wo die Rezeption erfolgte, giebt es gar keine o große allgemeine Organisation. Es sind die auf der Kongreßbasis Gehenden organisirt und diese folgen der von Sr. k. u. k. Majestät int Jahre 1869 erfolgten Regelung; solche Gemeinden, wenn Sie neuierig sind, ob ich es weiß, giebt es im Lande ungefähr 200. Dann aben wir die orthodoxe Organisation, welche auf der Verordnung strhl 2695/1871 beruht; solche Gemeinden giebt es 250. Die dritte mtegorie ist die Derjenigen, die auf der Basis der 8totus quo stehen, ngefähr 50 Gemeinden; diese haben keine solche weitere Organisation. Gegenüber 450 eine Organisation besitzenden Gemeinden stehen 50 Gemeinden^ und auch diese können sich ohne die Bewilligung, also ohne gngerenz des Kultusministers, nicht konstituiren. Auch daß es so viele eue Religionen bei den Israeliten giebt, ist ein riesiger Jrrthum des eehrten Herrn Grafen; denn selbst diese auf verschiedenen Grundlagen rganisirten Kategorien sind einander gleich und weichen nur im Ritus oit einander ab. Noch eine Einwendung giebt es. Man sagt, warum wir die Israeliten, wenn einmal von ihrer Rezeption die Rede ist, nicht zur Erlegung ihrer Glaubensartikel verpflichten. Sie leben ja seit Jahrunderten unter uns, der Staat steht in fortwährendem Konnex mit men, er hat sie mit allen Rechten bekleidet, ausgenommen das Recht ■ er Gegenseitigkeit. Daß wir sie unter solchen Umständen zur Vorlage mrer Glaubensartikel verhalten sollen, dafür finde ich keine gehörige 'illigkeitsbasis, es ist aber auch nicht nothwendig. Betrachtet ja der christliche Glaube selbst die jüdische Religion für .ne geoffenbarte. Ist ja die jüdische Religion die erste, welche das minzip des Monotheismus in seiner erhabenen Form aufstellt. Die ehngebote sind uns Allen bekannt; im alten Testament ist die Gemuntheit der Dogmen des christlichen Glaubens niedergelegt. Es ist so durchaus unnöthig, daß sie ihre Glaubensartikel vorlegen. Es ist uch bei einer andern Rezeption schon geschehen, daß eine Konfession zipirt wurde, ohne daß sie ihre Dogmen und Glaubensartikel hätte erlegen müssen. Aas Jubiläum der Berliner Kesormgemeinde. »Berlin, 2. April. eute sind es gerade 50 Jahre, daß eine Anzahl der angesehensten jüdischen Männer mit einem „Aufruf an unsere V deutschen Glaubensdrüder" hervorgetreten, der mit Recht als Fundament der Berliner Refornigemeinde angesehen werden darf. i diesem Aufruf heißt es: „Wir wollen: Glaube; wir wollen: l' litive Religion; wir wollen: Judenthum." Man kann heute, nachüber diesen Aufruf 50 Jahre dahingegangeu, mit Fug und ->^cht behaupten, daß die Gemeinde, welche sich auf Grund desselben S'bildet, diesem Programm durchweg treu geblieben ist und das gesammte Judeuthum darf ihr deshalb zu dem heutigen Tage seine herzlichsten Glückwünsche entbieten. Wie auch der Einzelne sich zu den Prinzipien der Berliner Reformgemeinde stellen mag — wir selbst haben unsere abweichende Grundanschauung wiederholt betont —, jeder Unbefangene wird und muß doch freudig anerkennen, daß hier durch ein halbes Jahrhundert ein tiefgehendes religiöses Bedürfniß befriedigt wurde; daß in dieser ansehnlichen Gemeinde, welcher mehr als 700 Berliner Familien angehören, der Geist des Judenthums lebendig geblieben und fortgewirkt hat, und daß in dem Gotteshanse dieser Gemeinde die großen und heiligen Idee» und Lehren der jüdischen Religion mit Eifer und Erfolg verkündet wurden. Diesen geschichtlichen Thatsachen darf sich an dem heutigen Ehrentage der Berliner Reformgemeinde Niemand verschließen. Darum gebührt den Männern, die dieses Werk geschaffen, die es erhalten und fortgebildet, der aufrichtige Dank der gesammten Glaubensgemeinde. Als die Reformgemeinde heute vor 50 Jahren begründet wurde, da erhoben sich aus allen Lagern Kämpfer gegen die neue Idee und Jahrzehnte lang hatte diese mit Feinden innerhalb und außerhalb des Jndenthums zu streite». Nun ruhen die Waffen schon seit langer Zeit und des Krieges Stürme schweigen. Aus Kampf und Noth ist der Geist gegenseitiger Duldung und Achtung hervorgegangen, der das Kennzeichen echter Religiösität ist. „Gepriesen sei, der die Zeiten ändert!" Es ist begreiflich und anerkennenswerth, daß die Berliner Reformgemeinde ihren Jubeltag in würdiger Weise zu feiern unternommen hat. Und es war ein feinsinniger Gedanke, daß sie gerade zu diesem Tage ihr neues Gebetbuch zur Einführung gebracht hat. Dasselbe liegt uns vor und wir müffen den Männern, die dasselbe geschaffen, unsere volle Anerkennung aussprechen. Man kann, wenn man will, in diesem Werke die Ordnung des traditionellen Gebetbuches wiederfiuden: Psalm, Schema, Thoravorlesung, Tefilla. Nach mannigfachen Versuchen hat der Gottesdienst in diesem Gebetbuch wohl eine feste Grundlage erhalten. Es bedeutet dasselbe nicht nur einen wesentlichen Fortschritt über alle früheren Versuche hinaus, sondern es ist wohl eines der besten deutschen Gebetbücher, welches wir überhaupt haben. Das neue Gebetbuch hat vor Allem zwei große Vorzüge; cs setzt, soweit dies mit dem Geiste der neuen Zeit und mit unserm fortgeschrittenen Empfinden vereinbar ist. den alten Siddur wieder in seine mehr als 2000jährigen historischen Rechte ein. Und denn vermeidet es, so viel als möglich, alle modernen Gebete. Wie unsere Zeit kein Talent für Gesetzgebung hat, so hat sie alich kein Talent, Gebete zu verfassen oder Kirchenlieder zu dichten. Es fehlt uns dazu die Harmlosigkeit, die Naivität, die Innigkeit des Empfindens und leider auch die Glaubenswärme. Das neue Gebetbuch vermeidet glücklich beide Klippen: aus dem alten Siddur ist wesentlich das herübergenommen, was auch ein moderner Mensch sagen kann, und von den neuen Gebeten »nd Liedern ist keines, welches durch allzu modernes Empfinden störend auf den Beter wirken könnte. Und auch dies sei rühmend hervorgehoben: Es ist in dieses Gebetbuch viel mehr aus dem hebräischen Grundstockder alten Tefilla aufgenomnien als in das frühere. Man ist eben überall j» der Erkenntniß gelangt, daß eine geschichtliche Erinnerung, welche ja das Gebetbuch zunächst Hervorrufen soll, ohne die hebräische Sprache nicht möglich sei. Alle diesbezüglichen Bestrebungen gehen, soweit wir dieselben kennen, nur darauf aus, auch dem deutschen Element den gebührenden Antheil bei der Gestaltung des Gottesdienstes einzuräumen. Die vorliegende Jubiläumsausgabe schließt sich im Uebrigen der Ausgabe von 1885 an. Eine wesentliche Bereicherung erfuhr sie nur in gesanglicher Beziehung. Eine Anzahl von Psalmen, wie auch