Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-05 · Heft 14 (5.4.1895) · p. Seite 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
Seite 158 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228109--51655-3272412
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1S8 alle jene Pharaonengeschichten, die der gelehrte Fleiß in unserem Zeitalter aufgestöbert hat und die naturgemäß nur einen engen Kreis beschäftigen. Wir feiern den Jüngling und wir feiern den Greis in Jugendkraft am Passah; Israel, das aus Aegypten gezogen ist, ist der Jüngling; Israel, das heute fast allerorten freudig strebt, dessen Söhne voranstehen im Kampfe für die höchsten Güter, das eifrig sich müht, die Fesseln der Unfreiheit zu sprengen, rnn sich mit den Kronen der Freiheit zu schmücken, das ist das Israel der Gegenwart, der Greis unter den Nationen, aber voll Mnth und Jugendfrische. Und kein Israelit darf es vergessen, daß die Kraft des Ganzen aus der Treue lind Arbeit des Einzelneir sich zusammensetzt. Einstmals hieß es: „Gott wird sür euch streiten und ihr dürft ruhig sein." Heute aber heißt es: Gott ist ruhig, wenn wir nicht für uns, und für ihn streiten. Wir sind die Befreiten genau so wie damals die Schaaren, welche unter Mose ans Aegypten gezogen sind. Es heißt in der heiligen Schrift: Die Israeliten sprachen: „Gott sandte uns einen Engel und führte uns ans Aegypten." Da fragen die Alten: wo ist denn in der ganzen Geschichte des Auszuges von einem Engel die Rede? und die Antwort lautet: Mose war der Engel, denn eine große zum Himmel ragende Persönlichkeit, ist ein Himmelsbote. Was hätte die Befreiung aus Aegypten genützt, ohne diesen Himmelsboten, ohne Mose, von dem die Alten nicht ohne Grund sagen, daß er sechshunderttansend Israeliten aufwog. So fühleil auch wir es in jedem Augenblick, daß die errungene Freiheit fort und fort vertheidigt werden muß; da wir keinen Mose haben, der für uns sinnt und sorgt, so muß jeder Einzelne sich anfraffen, um der Gesammtheit Kraft zu spenden. Es wäre eine Täuschung, wenn wir die Aufgabe Israels in der Gegenwart uns leicht denken. Es ist ein bekannter Spruch: „Du mußt hart und keck sein wie ein Leopard, leicht beschwingt wie ein Adler, rasch wie ein Hirsch und stark >vie ein Löloe, willst du den Willen Gottes üben." Unsere alten Weisen haben, nicht uni Worte zu häufen, gleichsam das ganze Thierreich für unser» Spruch geplündert. Sei hart und keck wie ein Leopard; eine kecke Stirn ist im Allgemeinen kein Vorzug; aber für unsere Religion, für die Stellung des Judenthums in der Oeffentlichkeit dürfen wir nicht bescheiden sein, und wenn uils tausendmal Unbescheidenheit vorgeworfen wird, wir dürfen nicht eine Haaresbreite von dem aufgeben, was göttliches und menschliches Recht uns zuspricht. Freilich wird diese Schärfe, mit der wir gerechten Anspruch festhalten, uns am ehesten verziehen werden, wenn wir leichtbeschwingt wie der Adler uns über die Misere der Alltäglichkeit erheben, wenil wir nicht in niederu Genüssen untergehen, wenn uns das „karge Brod" der Freiheit besser »ilindet als die Leckerbissen der Knechte. Und wir müsseil hurtig wie der Hirsch zu jedem guten Werke eilen, ivir müssen zeigen, daß jede Roth auf dem weiten Erdenrund, so wir zu helfen vermögen, uns nahe geht. Bor allein müssen wir stark sein wie der Löwe im Kampfe mit der Begehrlichkeit des eigenen Herzens, mit dem Hasse, den erlittenes Unrecht in unserer Seele weckt, mit allen den Feinden, die uns böse und bitter machen. Kein Wort in diesem alten Spruche ist überflüssig; einer Fülle von Tugend und Tüchtigkeit bedarf der Israelit, der als Befreier sich bewähren will in dieser Zeit. Aber die Erinnerung an die Bergangenheit entfacht den Muth für die Zukunft und frohgemuthet wie ein Jüngling spricht das alte Israel: „Ich werde niemals wanken." Me Moche. Berlin, 2. April. ie Umsturz-Kommission hat ihre Arbeiten am Freitag beendet. Uns interessirt dabei hauptsächlich die endgültige Fassung des 8 160. Diesmal beantragte Abg. Graf R oon, dem 8 166 des Strafgesetzbuchs folgende Fassung zu geben: „Wer öffentlich in beschimpfenden Aeußerungen den Glauben an Gott oder das Christenthuni angreift, oder Gott lästert, oder wer öffentlich eine der christlichen Kirchen oder eine andere mit Korporationsrechten innerhalb des Bundesgebiets bestehende Religionsgesellschaft oder ihre Einrichtungen oder Gebräuche oder die Heiligkeit des Eides beschimpft, ingleichen wer in einer Kirche oder an einem ander» zu religiösen Versammlungen bestimmten Orte beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Gefängniß bis zu drei Jahren bestraft." Dazu hat der Abg. Broekmaini folgende Fassung beantragt: „Wer öffentlich in herabwürdigenden Aeußerungen den Glauben an Gott oder das Christenthuni angreift oder Gott lästert, oder wer öffentlich eine der christlichen Kirchen oder eine andere mit Korporationsrechten innerhalb des Bundesgebiets bestehende Religionsgesellschaft, ihre Lehren, Einrichtungen oder Gebräuche beschimpft, ingleichen wer in einer Kirche oder an einem andren zu religiösen Versammlungen bestinimten Orte beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Gefängniß bis zu drei Jahren bestraft." Hierzu beantragt Abg. Dr. Enneccerus, in den Antrag Broekmann die Worte „in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise" aufzunehme». Rur unter dieser Bedingung könne er mit seinen Freunden für den Antrag stimmen. Bei der Abstimmung wird der Antrag, statt „herabwürdigend" „beschimpfend" zu setzen, mit Stimmengleichheit abgelehnt; sodann wird der Antrag „herabwürdigend" ebenfalls mit 13 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Endlich werden die Worte „ihre Lehren" mit 16 Stimmen angenommen. Der Antrag Roon und Genossen, „die Heiligkeit des Eides" im § 166 aufzunehmen, wird mit 9 gegen 9 Stimmen abgelehnt; desgleichen der vorhin mitgetheilte Antrag Enneccerus. Der so gestaltete Antrag Broekmann gelangt nunmehr mit 16 Stimmen zur Annahme. Wir sind neugierig, was die Antisemiten dazu sagen werden. * Recht traurige Nachrichten kommen aus Wien. Dort fanden am 1. April die Gemeinderathswahlen des 2.Wahlkörpers statt, dein die mittleren Steuerträger, Beamten und Lehrer, angehören. Im Ganzen waren 46 Mandate zu besetzen. Die Antisemiten eroberten 13 Mandate und kommen noch sechsmal in Stichwahl, wobei ihnen mindestens drei Mandate sicher sind. Es fehlen ihnen nur wenige Stimmen zur Mehrheit im Wiener Gemeinderath. Das ist mit die Folge der unerhörten Indolenz, welche in Oesterreich den Abivehrbestrebnngen gegenüber herrscht und der mehr als thörichten Abstinenz, welche anläßlich dieser Wahlen üoit Agitatoren gepredigt wurde. Kardinal Schönborn ist von Rom zurückgekehrt. Nach Angabe der „N. fr. Presse" soll er aus Rom die Gewißheit mitbringen, daß die österreichischen Bischöfe, falls sie dem Antisemitismus mit dem vollen Gewicht ihres Einflusses und Amtes entgegentreten wollen, über die ganze Autorität des Papstes in diesem Kampfe verfügen und sich auf diese stützen können. Der Kardinal dürfte in der Lage sein, die Ansichten des Papstes den österreichischen Bischöfen und voraussichtlich auch der österreichischen Regierung mitzutheilen. Von den Umständen wird es abhängen, ob auch eine Kundgebung des Papstes selbst in dieser Frage erfolgt, welche beweisen dürfte, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.