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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-29 · Heft 13 (29.3.1895) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 Von allen Seiten strömten dem Herrn die wärmsten Glückwünsche zu. und eine ganze Reihe von Telegrammen, Blumenspenden und schönen sinnigen Geschenken trafen zur Feier des Tages ein. Schon am Morgen des Festtages waren die zahlreichen benachbarten Kollegen erschienen, um ihre Glückwünsche darzubringen; unter ihnen war auch der Vorstand des rheinisch-westfälischen Vereins durch die Herren Steinweg-Rheda und Levy-Neuß vertreten. Herr Steinweg-Rheda überreichte dem Jubilar eine kunstvoll gearbeitete Adresse in Begleitung einer Mappe, welche die Photographien des Vorstandes enthielt. Nach Verlesung der Adresse übergab Kollege Fröhlich-M.-Gladbach im Namen des engeren befreundeten Kollegenkreises ein Geschenk mit einer Ansprache, der er die Worte des Jeschua ben Prachja aus den Sprüchen der Väter zu Grunde legte: Schaffe dir einen Lehrer an und erwirb dir einen Lehrgenossen. Ein vortreffliches Mittagsmahl, bei welchem manches Glas auf das Wohl des Jubilars geleert wurde, hielt die Festtheilnehmer bis zum späten Abend zusammen. Wir schließen uns dem Wunsche Vieler an, indem wir aus vollem Herzen dem Jubilar zurufen: Möge es ihm vergönnt sein, noch viele Jahre in bisheriger Rüstigkeit und Gesundheit zum Wohle des Lehrerstandes und des Judenthums zu wirken. a. Frankfurt a. M., 22. März. Am Dienstag Abend fand im Palais-Restaurant unter dem Vorsitz des Herrn Ignaz Creizenach eine gut besuchte Versammlung statt, welche der Freisinnige Verein für jüdisches Gemeindeleben berufen hatte. Ueber den Gegenstand der Tagesordnung: „Der Antisemitismus und unsere Pflicht der Abwehr" sprachen die Herren Fritz Auerbach und Rechtsanwalt Dr. Marx, indem sie, an die letzten Reichstags-Verhandlungen anknüpfend, die Gefahren der antisemitischen Bewegung — nicht blos für die Juden, sondern für die ganze Nation — beleuchteten und in eindringlichen Worten auf die Verpflichtung hinwiesen, dem Antisemitismus in entschiedenerer Weise, als es bisher geschehen, entgegenzutreten. Von Seiten des Herrn Rechtsanwalts Dr. Blau wurde besonders auf die verdienstliche Wirksamkeit des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hingewlesen, was zur Folge hatte, daß viele der Anwesenden sich bereit erklärten, diesem Verein beizutreten. Herr Rechtsanwalt Plotke, der als Gast anwesend war, dankte dem freisinnigen Verein in warmen Worten dafür, daß er die Initiative zur Erörterung der so wichtigen Frage ergriffen habe, und hob besonders die alle Staatsbürger jüdischen Glaubens — trotz verschiedener religiöser und politischer Richtungen einigenden Momente hervor. München, 24. März. Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde haben gestern Abend unter Leitung des neuen Rabbiners Dr. Werner zum Andenken und zur Ehrung des am 4. März 1894 verstorbenen hiesigen früheren Rabbiners Dr. Josef Perles eine Stiftung unter dem Namen Perlesstiftung begründet. Die Stiftung hat noch an: Abende der Begründung namhafte Gründungsbeiträge zugewendet erhalten. Die eine Hälfte der Erträgnisse der Stiftung soll zu wohlthätigen Zwecken, insbesondere Unterstützung von länger in München wohnhaften Gemeindemitgliedern und Schaffung wohlthätiger Anstalten, insbesondere für weibliche Krankenpflege verwendet werden; die andere Hälfte soll, womit einem besonderen Bedürfnisse vielleicht abgeholfen wird, mit Beträgen von nicht unter 300 Mark zu Stipendien für bayerische Staatsangehörige verwendet werden, welche bei einem geregelten Studiengange dem Abschlüsse ihrer Studien bereits nahe gerückt sind, oder ihre Studien schon abgeschlossen haben, durch hervorragende Leistungen sich ausgezeichnet haben und in einer ausreichenden erwerbenden Stellung sich noch nicht befinden. Mit einem entsprechenden Aufrufe wird man sich nunmehr an die Mitglieder der gesammten Gemeinde wenden; voraussichtlich wird die Stiftung so reich ausgestattet werden, daß sie ihren Zweck vollauf zu entsprechen in der Lage sein wird und zu einem bleibenden ehrenvollen Denkmale für den einstigen Träger des Namens Perles sich gestalten wird. — Am Freitag den 22. März Abends wurde in der Hauptsynagoge der frühere Rabbiner der Gemeinde zu Danzrg, Dr. Coßmann Werner, in sein neues Amt als Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde München feierlich eingeführt, nachdem er bereits die bayerische Staatsangehörigkeit erworben hatte. In Gegenwart der versammelten Gemeinde nahm ihm nach Beginn des Gottesdienstes der in Galauniform erschienene königliche Polizeirath Freiherr von Seefried auf Buttenheim, nachdem er sich an den Rabbiner mit einer kurzen Anrede gewendet hatte, auf Grund des § 28 des bayerischen Judenediktes vom 10. Juni 1813 folgenden Eid ab: „Ich Coßmann Werner schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden einen feierlichen Eid dahin, daß ich den Gesetzen des Reiches durchgehends schuldige Folge leisten, nichts gegen dieselben lehren oder gestatten, wo ich etwas dagegen erfahren würde, solches der Obrigkeit treulich anzeigen und in keine Verbindung irgend einer Art mit ausländischen Obern mich einlassen werde, so wahr mir Gott helfe. Amen." Der neue Rabbiner hielt darauf in Gegenwart des Verpflichtungskommissars und einer Deputation der politischen Gemeinde seine Antrittsrede. Oekrrreich - Angarn» □ Wien, 25. März. Hier macht sich eine rege Agitation betreffs der erledigten Gemeinderathsmandate bemerkbar; leider sind es aber diesmal wieder die Antisemiten, die die größte Mühe anwenden, ihre Kandidaten durchzubringen, wäre die liberale Partei nur halb so rührig, dann stände es gut um die erledigten Mandate. — Auch die österreichisch-israelitische Union hielt eine außerordentlich zahlreich besuchte Versammlung ab, welche hauptsächlich der Besprechung der bevorstehenden Gemeinderathswahlen gewidmet war. Derselben wohnten bei die Reichsrathsabgeordneten Dr. Byk und Dr. Bloch, die Gemeinderäthe Ritter von Goldschmidt, Dr. Friedjung, Dr. Mittler und Lang, und der Gemeinderathskandidat Bezirksausschuß Julius Frankl. Nach einem beifällig aufgenommenen Vortrage des Reichsrathsabgeordneten Dr. Byk „Ueber die Kulturarbeit im Osten" leitete Herr Brod die Diskussion über die bevorstehenden Gemeinderathswahlen ein — Ein Erfolg im Parlament! Die Abgeordneten Kronawetter, Pernerstorfer und Genossen haben eine Interpellation an die Regierung überreicht, in welcher sie darauf Hinweisen, daß in der Konkursausschreibung für die Stelle eines Salinenarztes in Hallstadt, sowie für die Stelle eines provisorischen Forstmanns beim Forstaufsichtsdienste in Kärnten die Vorlage eines Taufscheines verlangt wird, wodurch Staatsbürger israelitischer Konfession, sowie konfessionslos geborene und ungetauft gebliebene Staatsbürger von der Bewerbung ob diese Stellen ausgeschlossen werden. Die Jrrterpellanten fragen, ob die Regierung geneigt sei, diese Konkursausschreibungen als gesetzwidrige zu anulliren und neue, den Staatsgrundgesetzen entsprechende zu verlautbaren, und in welcher Weise sie geneigt sei, solchen Vorkommnissen für die Zukunft vorzubeugen? Finanzminister Dr. v. Plener beantwortete die von den Abgeordneten Dr. Krouawetter, Pernerstorfer und Genossen an ihn und den Ackerbauminister in Betreff der Ausschreibung einer Salinenarzt- und einer Forstwartsstelle gerichtete Interpellation im Einvernehmen mit dem Ackerbauminister dahin, daß diese Verlautbarungen in dem Sinne werden geändert und neu publizirt werden, daß neben den übrigen Qualifikationsnachweisen im Allgemeinen der Altersnachweis von den Bewerbern verlangt werden wird, wodurch den Bedenken der Interpellanten Rechnung getragen erscheint. Die Antwort des Ministers berührt schon deshalb angenehm, weil sie mit solcher Schnelligkeit abgegeben wurde. Auch gegen den Inhalt läßt sich keine Einwendung erheben, denn die Ausschreibung wird neuerdings publizirt werden und die Kompetenten werden nur verpflichtet sein, den Altersnachweis beizubringen. Dem Abgeordneten Bloch gebührt das Verdienst, diese Frage angeregt zu haben. — Wieder Einer! Aus Baden wird uns gemeldet: Der hiesige antisemitische Agitator Anton Sorger wurde vom Erkenntnißsenate des Kreisgerichts Wiener-Neustadt wegen des Verbrechens des Diebstahls zu vier Monaten schweren Kerkers verurtheilt. — Hier verschied der Gelehrte Dr. Josef Seiberling, kaiserlich russischer Staatsrath, Ritter mehrerer Orden und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Vereine, im 88. Jahre. Die Beerdigung fand auf dem israelitischen Friedhofe statt. — Der Stabsarzt i. R. Dr. Bernhard Deutsch, welcher am 4. d. M. in Görz, wo er zum Winteraufenthalt weilte, plötzlich verschied, zählte zu den beliebtesten Militär-Aerzten der Monarchie. Dr. Deutsch hatte als Student in der Oktober-Bewegung des Jahres 1848 eine hervorragende Rolle gespielt und war vor ein Kriegsgericht gestellt worden. Nur der Intervention eines hohen Generals, welchem er früher einmal einen Dienst erwiesen hatte, verdankte er seine Begnadigung. Doch wurde er aus Wien verwiesen und mußte die Studien in Prag vollenden, wo er auch zum Doktor graduirt wurde. Er trat in die Armee als Militärarzt ein und avancirte bis zürn Stabsarzt.

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