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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-29 · Heft 13 (29.3.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Als Deutsch wegen Kränklichkeit aus dem aktiven Dienste trat, nahm er in Baden dauernden Wohnsitz und erwarb sich auch dort alsbald durch sein freisinniges und humanitäres Wirken die Sympathien weiterer Kreise. Uußlaud. z. St. Petersburg, im März. Am 8. d. M. fand in Eupatoria Einweihung des von den Karäern zur Ausbildung von Chachanim errichteten Seminars statt. Das Seminar führt den Namen Kaiser Alexanders 111. und ist vorläufig für 30 Zöglinge berechnet. Außer den theologischen Fächern sind in den Lehrplan alle Gymnasial-Unterrichtsgegenstände ausgenommen. Zur Unterhaltung des Instituts haben die Karäer eine Summe von 160,000 Rubel aufgebracht. Dem Einweihungsakte ging ein Gebet für den Kaiser und die kaiserliche Familie voran. —! Das Moskauer Lokalkomiree des Vereins „zur Förderung und Verbreitung der Bildung unter den russischen Juden" hat beschlossen, dem Centralkomitee in Petersburg alljährlich eine Summe Geldes behufs Unterstützung der jüdischen Elementarschulen des Reiches zu überweisen. Das Moskauer Lokalkomitee geht von dem richtigen Grundsätze aus, daß es eine Ehrenpflicht der größern Gemeinden sein müsse, für den Jugendunterricht in den kleinen, unbemittelten Gemeinden zu sorgen, und daß der Verein, wenn er sein angestrebtes Ziel erreichen will, in erster Linie für die Vermehrung und Unterstützung der Elementarschulen zu sorgen habe. — Der Ausschuß der Handwerkerzünfte in Kasan hatte kürzlich in einer Mitglieder-Versammlung den Beschluß gefaßt, den jüdischen Professionisten eine Extrasteuer aufzuerlegen. Die jüdischen Meister sollten zehn und die jüdischen Gesellen drei Rubel jährlich als j besondere Abgabe der Zünftekasse zuführen. Die jüdischen Professionisten! protestirten gegen dieses unbillige Verlangen und erreichten mittelst! eines Gesuches an die Regierung, daß dem Ausschuß angedeutet wurde,! daß ihm kein Recht zusteht, eigenmächtig von den Juden eine Extrasteuer zu erheben. — Wie die „Nowoje Wremja" berichtet, wird in Negierungskreisen geplant, eine Eisenbahn zwischen Kars (Kaukasus) und Jerusalem zu errichten, um den Pilgern die Wallfahrt nach der heiligen Stadt zu erleichtern. Smrriün. z. New port, 8. März. Bon der „Central-Konferenz" der amerikanischen Rabbiner, die am 9. Juli in Nochester statt - finden soll, werden jetzt nähere Details bekannt. Vorträge werden gehalten werden über „American .ludaica“ von Dr. David Philipson und über „The Signilicance and Tendeney of the Reform Movement in American Judaism.‘* Zu dem letzteren ist der Name des Vortragenden noch nicht bekannt, weil der Rabbiner, dem dieses Thema angeboten wurde, noch nicht bestimmt zugesagt hat. Kommissionen sind gebildet worden 1. für Gebetbücher, 2. für ein Handbuch über die häuslichen Gebräuche, 3. Religionsunterricht, 4. für religiöse Erbaunngsbücher.! Kommission 1 und 4 zählen je drei, die beiden anderen je fünf Rabbiner j als Mitglieder. — Soeben ist der neue Bericht der A.gui1as Free Library! Society erschienen, der ein besonderes Interesse verdient. Der jetzige Bücher:! bestand beträgt 25,848 Bände und der Umlauf derselben 265,349 Stück I in einem Jahr. Der Bericht hebt hervor, daß der Haupttheil dieses , Umlaufes auf populäre Werke kommt, daß jedoch auch streng wissenschaftliche Bücher ziemlich viel gelesen werden. Mit dem jüdischen Zweige des Institutes ist ein Lesezimmer verbunden, das stets sehr stark! besucht war. Es wurde die geradezu enorme Zahl von 180,000 Be-! suchern in einem Jahr erreicht. Dieselben zerfielen in 143,208 Männer, 28,520 Knaben und 7076 Frauen und 5310 Mädchen. Dies glänzende Resultat, das übrigens auch erst der Erfolg vieljähriger Arbeit ist, hat freilich große Kosten verursacht und die Ausgaben sind auf die Höhe von 50,600 Mark angewachsen. Trotzdem drückt der Bericht seine Freude über die erzielten glänzenden Resultate aus. — Der „American! Hebrew" bringt eine interessante Zusammenstellung aus dem New- Iorker Gemeindeleben, der wir die folgenden Zahlen entnehmen: Synagogen sind 35 namentlich angeführt, ferner bei 7 Wohlthätigkeitsanstalten ebenfalls täglichen Gottesdienst eingerichtet und außerdem sind nach dem „A. H." noch eine sehr große Zahl von Betsälen kleinerer Gemeinden vorhanden, die nicht einzeln aufgeführt werden. 32 gemeinnützige Anstalten werden aufgezählt, die in Schulen, Krankenhäuser.re. zerfallen, endlich 18 Frauenvereine zu wohlthätigen Zwecken. Obwohl diese Aufstellung in dem „A. H." keine vollständige ist, giebt sie doch schon ein interessantes Bild von dem lebhaften, wenn auch gar nicht centralisirten Gemeindeleben der Juden New-Aorks. Kon Nah und Fern. Das Central-Komitee des „E sra, Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien", hat in seiner letzten Sitzung die namhafte Summe von 18,000 Franks zur Neubegründung resp. Förderung bereits bestehender Kolonien bewilligt. — Der antisemitische Stadtverordnete Dr. Heutig hat sein Mandat als Stadtverordneter niedergelegt. Angeblich haben den genannten Herrn hierzu die Angriffe veranlaßt, welche gegen seinen Kollegen Dr. Evers und auch gegen ihn selbst gerichtet wurden, und wegen der Verweigerung der Dankbarkeit und Ehrerbietung von Seiten der Versammlung dem Fürsten Bismarck gegenüber. In Han gelsberg a. d. Spree, einem hinter Erkner gelegenen Berliner Vorort, ist man über die Motive jedoch anderer Meinung. Man bringt dieselben mit einem Strafverfahren wegen Wuchers in Verbindung, welches gegen Heutig seit einiger Zeit bei dem Amtsgericht in Fürstenwalde schwebt. — Der Guts- und Fabriksbesitzer Ephraim Rothschild in Stadtoldendorf, welcher in weitern Kreisen durch seine philanthropischen Bestrebungen bekannt ist, wurde in der letzten öffentlichen Versammlung des Bürgervereins, in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste um das Gedeihen des Vereins, zum Ehrenmitglied ernannt und ihm ein künstlerisch ansgestattetes Diplom überreicht. — An der Samsonschule (berechtigten Realschule) in Wolfenbüttel fand am 7. u. 8.d. M. unterVorsitz des Regierungskommissars Professor Dauber aus Braunschweig die mündliche Reifeprüfung statt. Sämmtliche neun Schüler bestanden und erlangten damit den einjährig-freiwilligen Berechtigungsschein. — In Seesen a. H. fand am 22. und 23. d. M. an der Jacobsonschule (berechtigte Realschule) unter dem Vorsitz des Herzoglichen Regierungskommissars, Herrn Gymnasialdirektors Professor Dr. D. Koldewey aus Braunschweig, die Reifeprüfung statt. 25 Schüler bestanden dieselbe. — Der „Gaulois" versicherte ernstlich, Baron Hirsch habe England und der Türkei angeboten, C ypern zu kaufen, um dort einen kleinen unabhängigen Judenstaat unter türkischer Oberhoheit und dem Schutze aller Großmächte zu gründen. (?) — In Darmstadt ist vor etwa Wochensrist der Verleger der inzwischen eingegangenen Zeitung „Der Landwirth und Bienenzüchter" Adolf Theiß unter der Anklage zur Verleitung zum Meineide verhaftet worden. Es handelt sich dabei um eine Affaire, welche mit der des früheren antisemitischen Reichstagsabgeordneten Leuß eine Aehnlichkeit hat. Die Aehnlichkeit erstreckt sich auch darauf, daß Adolf Theiß eine Leuchte des Antisemitismus ist. Selbstverständlich hat der antisemitische Führer nicht verfehlt, in seinen Agitationen auf die Unglaubwürdigkeit des „Eides der Juden" zu schelten. — Bei der am 11. März in Karlsruhe stattgefnndenen und zahlreich besuchten Landesversammlung der nationalliberalen Partei Badens wurde im Programm auch folgender Passus ausgenommen: „Die Gleichberechtigung aller Bekenntnisse ist in Deutschland nach schweren Kämpfen durchgeführt worden. An dieser Gleichberechtigung als einem der Hauptgrundsätze liberaler Politik muß unentwegt festgehalten werden. Die Bestrebungen, welche auf eine Beeinträchtigung der staatsbürgerlichen Rechte wegen des Glaubensbekenntnisses hinausgehen, sind entschieden zu verwerfen und zu bekämpfen." — Privatdozent Dr. Heinrich Marczali wurde zum öffentlichen ordentlichen Professor der ungarischen Geschichte an der Budapester Universität ernannt. Marczali ist einer der eifrigsten Forscher und Bearbeiter unserer Geschichte. — In Sillein wurde Rabbiner Dr. Arnold Klein feierlichst in sein Amt eingeführt. — Im Verein für jüdische Litteratur hielt Pros. Dr. M. Karman eine Vorlesung über die Ethik der Propheten. — Die Gemeinde Djacovar hat einen schweren Schlag erlitten durch das plötzliche Hinscheiden des Bezirks-Rabbiners Hermann Sommer, welcher nach 34jähriger Thätigkeit im 77. Jahre seines Lebens während der Ausübung seines Berufes gestorben ist. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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