Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 Arbeit angebracht, und sein unermüdliches Weiterstreben darf daher auf unbedingte Anerkennung rechnen, aber auch von bisher fernstehenden Kreisen Förderung seiner humanen Ziele beanspruchen. OO Danzig, 18. März. Ein bei der jetzigen Verhetzung doppelt erfreuliches Bild konfessionellen Friedens zeigte sich hier gelegentlich des Fortzuges unseres Rabbiners Herrn Dr. Werner, welcher nach 17 jährigem gesegneten Wirken in unserer Gemeinde einem ehrenvollen Rufe nach München folgte. Nicht nur in seiner Gemeinde, sondern auch bei der Bürgerschaft und in vielen Vereinen unserer Stadt hat Herr Dr. Werner sich die allgemeine Liebe und Achtung zu erwerben gewußt; das zeigten die ihm bei seinem Scheiden in ungewöhnlichem Maße dargebrachten Ovationen und Ehrungen aller Art. Der circa 800 Mitglieder zählende Allgemeine Bildungsverein und der etwa 700 Mitglieder starke kaufmännische Verein von 1870 ernannten Herrn Dr. Werner zum Ehrenmitglied und überreichten ihm in öffentlichen, äußerst zahlreich besuchten, feierlichen Sitzungen kunstvoll ausgeführte Ehrendiplome. Ter Thierschutz-Verein, in welchem Herr Dr. Werner seit Jahren manchen Strauß in der leidigen Schächtfrage zu bestehen gehabt hatte, ernannte ihn zum korrespondirenden Mitglied Herr Oberbürgermeister Dr. Baumbach arrangirte, bis dahin durch Krankheit verhindert, noch in letzter Stunde ein geselliges Zusammensein von Mitgliedern des Magistrats, der Stadtverordneten, des litterarischen Vereins rc. mit Herrn Dr. Werner im Rathsweinkeller, bei dem schwungvolle Reden gehalten wurden, und in einem herzlichen Schreiben sprach der Magistrat dem Scheidenden den aufrichtigen Dank aus für die Pflichttreue, mit der er das Amt eines Religionslehrers au den höheren Schulen so erfolgreich verwaltet habe. „Wir werden dessen eingedenk bleiben," heißt es in dem Schreiben, „daß Sie weit über den Kreis Ihrer amtlichen Wirksamkeit hinaus hier stets mit Ihren hohen Gaben und mit warmem Herzen für alle Bestrebungen auf dem Gebiete der Volksbildung, sowie für alle Werke echter Humanität eingetreten find." Daß bei allen diesen Ehrungen die Synagogengemeinde nicht zurück blieb, ist selbstverständlich. Dieselbe gab ihrem scheidenden Seelsorger im großen Saale des Schützenhauses ein solennes Abschiedsfest, welches einen wahrhaft erhebenden Verlauf nahm. Neun lange prachtvoll geschmückte Tafeln waren bis auf den letzten Platz besetzt, eine Anzahl Damen wohnten dem Fest in der großen Loge des Saales bei. Nach dem Kaisertoast gab der Vorsitzende der Gemeinde den Gefühlen derselben Ausdruck und übergab Herrn Dr. Werner, der gebeten hatte, von einem ihm zugedachten Ehrengeschenk Abstand zu nehmen, die Urkunde einer statt dessen errichteten Werner-Stiftung, deren Zinsen an den Todestagen seiner Eltern an Arme vertheilt werden sollen. Die Chewra kadischa hatte ihn zum Ehrenmitglied ernannt und überreichte ein mit Ansichten der Synagoge und anderer Danziger Bauwerke geschmücktes, künstlerisch ausgeführtes Diplom in prachtvoller Mappe, ebenso die Israelitische Sterbelade. Aber auch Frau Dr. Werner erhielt von allen Seilen Beweise der Liebe und Zuneigung. Die Frauen der Gemeinde verehrten ihr einen prachtvollen Llüthnerffchen Flügel, verschiedene Vereine überreichten ihr Dankadressen u. dergl. und bis zum letzten Augenblicke liefen große und kleine Geschenke aller Art bei den Scheidenden ein — Nachdem nun die Feststimmung vorüber ist, tritt die Frage der Neubesetzung der Stelle an die hiesige Gemeinde heran Man würde nur sehr ungern den sonst üblichen Weg der öffentlichen Ausschreibung beschreiten und hofft durch Berufung zum Ziele zu gelangen, obgleich es ja nicht ganz leicht sein wird, einen Nachfolger für einen Mann zu finden, der nicht nur in der Gemeinde und auf der Kanzel segensreich wirkte, sondern überall zu finden war, wo es galt, wie es in dem Dankschreiben des Magistrats heißt, für Bestrebungen auf dem Gebiete der Volksbildung, sowie für alle Werke echter Humanität einzutreten. (\/> Rogasen, 23. März. Am 17. d. M. Abends sprach in unserem Litteratur-Verein Herr Albert Katz-Berlin über „Rettung eines viel Verkannten", als welcher sich dem Publikum der Talmud entpuppte. Redner gab zuerst eine kurze Entstehungsgeschichte des Talmuds, stellte bei dieser Gelegenheit das Verhältniß des Urchristenthums zu demselben dar und dann beleuchtete er die Sittenlehre der Rabbinen, zum Schluffe einige Züge aus dem Leben der Tanaiten und Amoräer anfügend. Es ist erstaunlich, wie Reichhaltiges der Redner in den Rahmen eines Vortragsabends hineinzudrängen wußte, indem er andererseits durch weise Beschränkung auf das Nothwendige nichts Ueberladenes geboten hat. Die warmherzigen Worte, die er zum Schluffe an seine Zuhörer richtete, waren so recht geeignet, Liebe zum jüdischen Schriftthum und zur Geschichte des Judenthums zu erwecken. Lebhafter Beifall bewies dem Vortragenden am Ende, daß seine Worte den rechter Widerhall gefunden, und Herr Rabbiner Dr. Rosenthal hat gewiß im Sinne Aller gesprochen, daß er im Namen des Litteratur-Bereins den- Redner den allgemeinen Dank ausdrückte. Derartige Vorträge sind sicher ein wirksames Mittel zur Belebung des jüdischen Bewußtseins. — Am 18. d. M. sprach Herr Katz mit großem Beifall im Litteratur-Verein zu Schneidemühl über die Juden in China. XE Kempen (Posen), im März. Am 14. d. M. feierten hier di« Rentner Toklas'schen Eheleute das seltene Fest der diamantener Hochzeit bei voller Rüstigkeit und geistiger Frische. Die Jubilare entstammen den vornehmsten Familien hiesiger Stadt. Zur Feier des Tages fand gleich Morgens in der prachtvoll erleuchteten und ge schmückten Synagoge ein Gottesdienst statt, an welchem die Vorstandsmitglieder und die Repräsentanten, sowie alle Vereine der hiesigen Gemeinde, denen die Jubilare angehören, Theil genommen haben. Die Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Münz. Gebete und Gesang wurden von dem ersten Kantor Herrn Berliner vorgetragen. In der Wohnung der Jubilare wurden von allen Seiten prachtvolle Geschenke und Glückwunsch-Adressen niedergelegt. Es folgten demnächst von allen Körperschaften der hiesigen Gemeinde Deputationen zur Beglückwünschung, Die erste Ansprache hielt der Stadtverordneten-Vorsteher Herr Hermann Bloch und demnächst der Korporations-Vorsteher und Rathsherr Herr Jsaac Bloch, und so wurden Gratulationen bis zum späten Abend von allen Konfessionen der hiesigen Stadt dem Jubelpaare entgegengebracht Möge es dem Jubelpaare vergönnt sein, noch eine recht lange Reihe von Jahren zur Zierde ihrer Familie und zum Muster unserer Gemeinde fortzuleben. a. Einbeck (Prov. Hannover), im März. Herr B. Meyersfeli in Braunschweig, ein geborner Eindecker, hat einen neuen Beweis ferne? lebhaften Interesses für unsere Stadt gegeben. Nachdem er unlängst dem hiesigen Verschönerungs-Verein 500 M. als Beitrag für den Ban eines Aussichtsthurmes übersandte, hat er nunmehr der israelitischen Gemeinde die Summe von 20,000 M. zum Bau einer Synagoge als Schenkung überwiesen. Die Gemeinde will bereits in allernächster Zeü mit dem Bau beginnen. M. Münster i. W., 22. März. Mit dem 1. April d. I. scheide auf der Marks-Haindorfffchen Stiftung hier der Dirigent des Lehrer seminars Herr Dr. Steinberg wegen seines hochbetagten Alters au? dem Amte. Derselbe steht in dem 77. Lebensjahre. Die Lehrthätigkei des Herrn Dr. Steinberg umfaßt den Zeitinhalt von 44 Jahren, nämlick die Zeit von 1851 bis zu dem oben genannten Tage; es war ein glück liches Ereigniß, daß zu den damals beliebten und auch nach ihrem Hin scheiden aus dem Leben in dankbaren! Andenken weilenden Lehrern de Anstalt in der Persönlichkeit des Herrn Dr. Steinberg eine Lehrkraf gewonnen war, welche bei Kollegen und Schülern Vertrauen erweckte. Den: derselbe begann als sachverständiger Schulmann sein Amt als Seminarlehrer. Die ihm übertragenen Lehrfächer waren Pädagogik, ein Theil der Natur geschichte (Botanik) und die Anfangsgründe der Geometrie. Herr Dr. Stein berg bewährte sich in der Behandlung der Schüler als ein Mann von red lichem Charakter: die vor der Ausnahme in die Anstalt mit Kenntnisse! besser vorbereiteten Schüler sind nicht merklich bevorzugt worden, inu die noch schwach vorbereiteten haben keine Zurücksetzung erfahren, vielmeh hatte Herr Dr. Steinberg das richtige Prinzip, die Letzteren durch ein milde, schonungsvolle Rücksichtnahme zu dem Ziele seiner Bestrebungen also zu sich selbst emporzuheben, in ihnen das Selbstvertrauen zu er wecken bis zu dem bestimmten Grade, daß diese ihre Schulpflichten mu Lust und Liebe verrichteten. Möge der aus seinem ihm liebgewordene! Amte scheidende Direktor Dr. Steinberg durch diese Zeilen daran er innert sein, daß Verehrung im Herzen eines dankbaren ehemaliger: Schülers nie veraltet, sondern zu jeder Zeit lebendig bleibt wie da- Bewußtsein der selbsterlebten guten Werke. 8. Grevenbroich, 21. März. Selten ist ein Fest so harmonisch und stimmungsvoll verlaufen, wie die Feier des 70. Geburtstages des in Lehrerkreisen wohlbekannten Herrn Jakob Goldstein, Lehrer a. D. und Vorstandsmitglied der rheinisch-westfälischen Unterstützungskasse