Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- Seite 156 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228108--51644-3272400- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
156 mit den Verhältnissen und der Umgebung, in welcher die Talmudisten I lebten, zu entschuldigen. Sie hätten deshalb die kritische Sonde nicht! gern an die Bibel gelegt, weil sie fürchteten, die Kritik könnte das religiöse! Empfinden untergraben. Eisenstadt zitirt hierauf eine Reihe von Stellen,! in welcher Talmudisten auf kritische Fragen ihrer Schüler oder Anders-! gläubiger (es handelt sich um die Minäer n^£) naive, zumeist absolut! nicht befriedigende Antworten ertheilten. Hierauf zitirt der Verfasser j alle diejenigen Stellen aus dem Talmud, aus welchen zu ersehen ist, daß! die Talmudisten der Ansicht lebten, nicht Moses allein sei der Verfasser! des Pentateuchs gewesen. Finden sich hier auch im Talmud entgegenj gesetzte Meinungen, so wird zum Beispiel (Baba bathra 14b und 15.i)! behauptet, die 8 Verse vom Tode Moses seien von ihm selbst auf Befehl Gottes geschrieben worden, so stimmen die Talmudisten bezüglich der! Propheten darin überein, daß die Schriften nicht von den Autoren : allein geschrieben sind, deren Namen sie tragen, sondern daß sie vielmehr! von den verschiedensten Autoren gemeinsam verfaßt worden resp später zusammengesetzt worden sind. Dafür erbringt Dr. Eisenstadt im zweiten , Theil seiner gelehrten Abhandlung stichhaltige Beweise. Auch bezüglich j der Psalmen verfuhren die Talmudisten bei Feststellung der Autorschaft j Ziemlich willkürlich Sie sagen unter Anderm: „David hat einige Psalmen j geschrieben, da ja die Psalmen seinen Namen tragen." Von besonderer j Auffälligkeit ist folgende Stelle (Nabba numeri 12 § 8), R. Josua ben! 2em sagt: „Elf Psalmen hat Moses gedichtet." Hierauf nennt er fünf! von ihnen und fügt hinzu: „Soweit meine Tradition; die anderen denke j dir selbst hinzu!" Auch über die Wunder in der heiligen Schrift haben die Talmudisten 1 die verschiedensten Meinungen geäußert. Wie Eisenstadt im sechsten Theile seines Merkchens durch die entsprechenden Eitate den Beweis er-! bringt, sind manche von den Talmudisten sogar soweit gegangen in! der kritischen Behandlung der in der heiligen Schrift mitgetheilten That-? fachen, daß sie manche von ihnen, die sowohl von ihren Zeitgenossen als j auch später von jüdischen und uichtjüdischen Exegeten in vollem Umfang j aufrecht erhalten und zum Theil dort, wo es nicht anders geht, als j Wunder bezeichnet worden, völlig negiren oder derartig darj stellen, daß sie alsdann überhaupt nicht mehr als Wunder zu betrachten : sind. Das Werkchen ist nicht nur von dem talmudisch - wissenj schaftlichen Standpunkt aus, nicht nur von dem Standpunkte der Wissen-! schaft des Judenthums, sondern auch von dem Standpunkt der Bibel-! kritik lesenswerth und zeugt von Bibelfestigkeit und Beschlagenheit; im Talmud. Sprerhfaal. Preuße, nach der konfessionellen Seite ohne jedes Bedenken, mit einem Wort, eine Zierde der Wiener Universität." Daß nun der Ausdruck: „nach der konfessionellen Seite ohne Bedenken" nichts weiter heißen soll, als daß der Wiener Ordinarius der Medizin bei Leibe kein Jude sei, was aber nur zu seiner Empfehlung dienen könne, dürfte wohl selbstverständlich sein. Viernndzwanzig Seiten darauf findet sich in derselben „Revue" folgende Nachricht aus Wien (S. 296): „Akademie der Wissenschaften. Millionenschenkung". Der vor Kurzem verstorbene Wiener Bürger Jos. Treitel hat ein Testament hinterlassen, durch welches er der genannten Akademie für astronomische Zwecke sein ganzes Vermögen, eine Million Gulden, testamentarisch vermacht. Einundneunzig Jahre ist dieser merkwürdige Mann alt geworden, der die Wissenschaft so reich bedacht hat, ohne je zu ihr in näheren Beziehungen gestanden zu haben. — Treitel war Besitzer einer Eisenwaarenhandlung. Niemand hat bei Treitels Lebzeiten geahnt, daß er über ein so enormes Vermögen verfügen könne. Er stand allein in der Welt da, denn er war Junggeselle geblieben, und zwei verheirathete Geschwister sind kinderlos gestorben. Die Verwaltung seines Vermögens war seine einzige, seine größte Freude. „Jetzt Hab' ich sie bald," pflegte er seinen intimen Freunden zu sagen, und meinte damit die volle Million, die er anstrebte. „Jetzt Hab' ich 800,000", kündigte er den Freunden an, nach einigen Jahren konnte er schon von „900,000" erzählen, und nun, da er die Million errungen, hat ihn der Tod abberufen. Warum er, der ehemalige Eisenhändler, sein Vermögen gerade astronomischen Studien zuwendete, kann sich keiner seiner Freunde erklären. Treitel hat in den letzten Jahren sehr einfach und zurückgezogen, wie ein pensionirter Beamter, gelebt. In seinem eigenen Hause wohnte er im vierten Stock " Ich bin fest überzeugt, daß der genannte Testator Jude war; ich kenne eine jüdische Familie dieses Namens, Treitel, in Breslau. Davon sagt uns aber, trotz aller, absichtlich von mir wiedergegebenen, ausführlichen Charakteristik jenes, die Akademische Revue nichts, während man wohl christlicherseits, selbst bei noch so religiös Freisinnigen, mit der Angabe der Konfession bei der Hand ist. wenn sich ein Jude hat was zu Schulden kommen lassen; dann heißt es nicht, wie oben, der Wiener Bürger Jos. Treitel, sondern der „jüdische" Wiener- Bürger N. N. Dagegen nimmt man gar keinen Anstand, dem Juden so einen kleinen Stich zu versetzen, wenn man bei einem Nichtjuden ja nicht unterläßt, hervorzuheben, daß seine Berufung oder Anstellung doch keine konfessionellen Bedenken errege. Und das geschieht auf der Höhe des Geistes! Woher das kommt? Darüber vielleicht ein ander Mal Ihr ganz ergebener Dr. Babad. * Sehr geehrter Herr Redakteur! <ß\ ls eiu höchst charakteristisches Zeichen der Zeit erlaube ich mir Ihnen öTV Folgendes mitzutheilen : Seit ungefähr einen: halben Jahre erscheint in München eine Zeitschrift, die betitelt ist: „Akademische Revue, Internationales Organ der Universitäten, technischen Hochschulen, Akademien und gelehrten Institute" :c., I. Jahrgang, die auch in der That, ihrem Titel gemäß, alle möglichen Nachrichten über die genannten 'Anstalten bringt, zugleich aber auch verschiedene Artikel enthält über jeweilig schwebende Fragen auf den Akademien und in den akademischen Kreisen. So erschien in der neuesten Nummer der Revue vom vorigen Monat — Februar — ein anonymer Artikel mit der Ueberschrift: „Zur Lehrstuhlfrage der Geschichte der Medizin an den preußischen Universitäten" (S. 272). Da heißt es gleich zu Anfang, es sei bereits ein Jahr verflossen, seit dem Tode von Aug. Hirsch, dem „letzten ordentlichen Vertreter der Geschichte der Heilkunde an deutschen Universitäten". Die Hoffnung aber, daß das Fach bald anderweitig besetzt werden würde, erweise sich, wie es scheint, als unsicher „Es lag so nahe," heißt es weiter, „dabei an Theodor Puschmann, den ordentlichen Professor der genannten Disziplin an der Wiener Universität, zu denken. Puschmann ist derjenige, zur Zeit auch wohl unseres Wissens der Einzige, der berufen erscheint, die durch Aug Hirsch's Tod entstandene Lücke anszufüllen. Er ist seit bald zwei Dezennien in Wien thätig, eine Persönlichkeit von vornehmstem, repräsentativem Wesen, ein vorzüglicher Lehrer, ein vielerfahrener Mann von Welt- und Menschenkenntnis;, pekuniär unabhängig, in den besten Jahren, von Geburt ein Sehr geehrter Herr Redakteur! f ielleicht gestatten Sie mir, den geehrten Lesern noch einige Proben christlich-rabbinischer Gelehrsamkeit vorzulegen. 1. Ein russischer Censor setzte in einem Ritualwerke für pE (eine Art Hülsenfrüchte) ny^Ep natürlich weil er in einen verkappten Christen vermuthete. 2. In seinem Pandektenkommentar spricht Professor Glück von einem „Rabbi" Eben Hai'ser. Bekanntlich ist der Eben Haäser ein Theil des Schulchan Aruch 3. Dietrich Christoph von Rommel war ohne Zweifel ein sehr gelehrter Herr, aber Hebräisch hat er nicht verstanden. Er schreibt nämlich in Ersch und Gruber's Allgemeiner Encyklopädie (Bd. XVI., S. 232): Einer der letzten Könige der Chazaren hieß Sefer Khosri, und der Rabbi Jehudah aus dem Stamme Levi widmete ihm sein Werk. „König Sefer" — ist das nicht eine Leistung, dem vielbelachten ,Habbmu8 Talmud“ des Kapuziners Henricus Seynensis völlig ebenbürtig? Dr. N. Samt er. * <4 0) bitte, folgenden Druckfehler zu korrigiren: In Nr. 11 S. 127 (Anmerk.) dieses Blattes ist als Geburtsjahr des sel. Rabbiners Sam. Hirsch statt 1820 zu lesen 1815. Berlin, 19. März. Professor Steinthal. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.