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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-29 · Heft 13 (29.3.1895) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
Seite 155 (sequence 13)
Language
German
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Daher stammt das jüdische Sprüchwort: „Die Leute, die den größten Dalles haben, haben das weichste Herz." „Ein lustiger Dalles geht über Alles!" Und damit endet diese Geschichte. Der erste Mann in der Gemeinde. Humoreske von Moritz Scherbel. (Schluß.) ch komme gleich," sagte der von dem reisenden Rabbiner festgehaltene Leiserowitz, in der Meinung, mit diesem bald zu Ende zu kommen. Allein er irrte sich. Der Wanderer von Pankrowo holte das erste Papier her und ersuchte den Vorsteher, einen Blick in daffelbe zu thrm. Als solches geschehen, brachte er ein zweites; auch dieses durchlas Leiserowitz. Als der Mann sich aber anschickte, auch das dritte zu holen, rief Bär Leiserowitz, dem in ihm wallenden Aerger Ausdruck gebend, heftig aus: „Es ist genug, ich habe keine Zeit mehr übrig! Ich werde Euch eine Anweisung schreiben, die Euch vom Rendanten ausgezahlt werden wird." — „Sie sollen mir leben und gesund sein, Herr Vorsteher — bedenken Sie, daß ich kein gewöhnlicher Schnorrer bin. — Mein Vater Sichrono liwrocho, war Raw in Gordowo, er ist der Berfaffer von einem werthvollen Szefer . . . ." Widerum erschien Frau Leiserowitz an der Thür „Ter Inspektor hat keine Zeit, länger zu warten." „Ich komme im nächsten Augenblick." „Wenn er mit schon das Vorsteheramt los wäre," sagte die Gattin im Fortgehen. „Schreibt doch etwas mehr auf," läßt sich der Rabbiner wieder oernehmen. „Ich bin ein bekoweter Mann." — „Zum Teufel, laßt mich in Ruhe!" ruft Leiserowitz, der sich im Schreiben gestört sah. „Mein Weib liegt schon zwei Jahre krank," begann Jener trotz des ihm auferlegten Schweigens wieder. „Stille, ich mag nichts hören," brummte ihm Leiserowitz entgegen. „Ich habe zwei Söhne, — sie sollen mir leben." — „Schweigt jetzt!" „Wie viel werden Sie ausschreiben?" „Kümmert Euch nicht darum, das ist meine Sache!" — „Der Inspektor ist fortgegangen, er konnte nicht länger warten,"— meldet Frau Leiserowitz ihrem Mann zur Thür herein. Dieser sprang wüthend vom Stuhl auf, die Feder mit heftiger Gebehrdc bei Seite werfend. „Das hat man von dem verwünschten Amt," schreit er. „Ich erwartete den Inspektor seit einigen Tagen — er wollte einen russischen Pelz kaufen. Nun ist das Geschäft futsch. — Er wird schon den Weg hinfinden zu Jone Waldmann, meinem ärgsten Konkurrenten!" — Endlich hatte er sich so weit gefaßt, daß er diesem die ausgestellte Anweisung ruhig hinreichen konnte. Der Mann nahm das Papier, durchlas es und wollte eine Bemerkung machen. „Geht! — geht!" — suchte ihm Leiserowitz zuvorzukommen — „Geht, ich habe keine Zeit mehr für Euch!" — „Im Talmud steht," unternahm der Hinausgedrängte noch einen letzten Anlauf, — aber schon war er von Leiserowitz nach außen geschoben, wo er den Ausspruch des Talmuds höchstens noch der kleinen Tochter des Vorstehers mittheilen tonnte, die ihn gespannten Blickes anschaute. „Das sind die Freuden des Vorsteheramts," brummte Leiserowitz vor sich hin. Und nun erst der Aerger, den er bei den gemeinschaftlichen Sitzungen mit den Repräsentanten hatte. Hier gaben sich sehr oft die fatalen Vorkommnisse kund, daß das, was von dem Vorstand beschlossen, von den Repräsentanten abgelehnt wurde. Leiserowitz hätte darauf schwören mögen, daß dieses Alles nur geschehe, um ihn zu chikauiren; o, er war so verbittert, daß er ihnen das Aergste, was er sich nur denken konnte anwünschte, daß Jeder einzelne von ihnen noch dazu kommen solle, Vorsteher zu werden, um die Qualen zu dulden, die er selbst jetzt schon Jahre lang trage. Und das dritte, das letzte Jahr übertraf alle voraugegangenen in dieser Beziehung. Drei Mal hatte Leiserowitz den entworfenen Etat an die Regierung geschickt, und drei Mal bekam er ihn mit Ausstellungen zurück, die nach seiner Meinung durchaus nicht gerechtfertigt waren. Da vergeht einem wohl der Appetit, Vorsteher zu sein. Der erste Mann in der Killah schrumpfte in den Augen Bür's bis noch weit unter den letzten zusammen. Zn allem bereits Angeführten kamen noch Aergernisse und Plackereien, die ihm von einzelnen Gemeindemitgliedern bereitet wurden. Schlome Groß schrie Gewalt darüber, das ihm vom Vorsteher am letzte» Szimchat Tliora, das letzte Szefer zum Herumtragen und nicht das erste gegeben worden war, und Jtzig Lörmer siel ihn, Leiserowitz, auf der Straße an und fragte ihn, wie er dazu konnne, ihm das laute Beten zu verbiete», da er mit seinem Gotte reden könne und wolle, wie cs ihm beliebe. Die lange Razeh hielt Bür's Frau auf dem Fischmarkt an und warf ihr vor, daß er, Leiserowitz, es gewesen, der ihren Mann, der Schames in der Gemeinde gewesen, in die Erde gebracht durch seine ewige Nörgeleien. Kurz, das letzte Jahr seiner Amtsthätigkeit war für Leiserowitz das schlimmste. Und als es mit seiner Pein zu Ende war, da athmete der erste Mann in der Killah frei auf. „Gut," sprach er —, „daß ich den Posten los bin, ich sage ihm ein herzliches „Jeworecheclm“ nach." Literarische Mittheilungen. fg. M. Eisenstadt: lieber Bi belkritik in der talmudischen Litteratur In dieser dem Professor Lazarus gewidmeten Schrift hat Eisenstadt eine Sammlung von Stellen aus Talmud und Midrasch veröffentlicht, in welcher offenbar die kritische Sonde an die heilige Schrift gelegt worden und der freieren Auffassung das Wort gegeben ist. Daß diese Stellen im Talmud nur spärlich zu finden sind, weiß Eisenstadt

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