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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-29 · Heft 13 (29.3.1895) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
Seite 154 (sequence 12)
Language
German
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bei* Stadt zu bleiben. Endlich, als er einsehen mußte, daß Moses fest auf seinem Entschluß behaute, gab er ihm das Gewünschte und nahm herzlich von ihm Abschied, indem er ihm wohl hundert Mal versicherte, daß sein Haus dem Bruder stets offen stehe. So reiste Moses ab. Bald kam er in einen großen, dunklen Wald, und als er so vor sich hinsinnend, was er wohl anfangen sollte, denselben durchschritt, schrak er plötzlich sehr zusammen, denu vor ihm stand, wie aus der Erde gewachsen, ein Mann von wildem Aussehen mit langem, zerzaustem Barte, ergrautem Gesicht und zerlumptem Anzüge. „Wer bist Du?" fragte Moses ängstlich. „Ich bin der Dalles," antwortete Jener mit dumpfer Stimme. „Was willst Du von mir?" forschte Moses weiter. „Von Dir, Du armer Schlucker? Nichts — war ich doch stets bei Dir!" Und als Moses ihn fragend anstarrte, fuhr er fort: „Siehst Du, ich bin der Begleiter vieler Menschen, die, wenn ich nicht von ihnen weiche, mit Allem Unglück haben, was sie auch ergreifen mögen, denen ich es unmöglich mache, Güter zu erwerben und den Reichthum kennen zu lernen. Ich kann mich so groß machen, wie der höchste Baum hier, ich kann auch so klein werden, wie eine Ameise, und wie ich bei dem Menschen wachse oder vev schwinde, nimmt sein Wohlstand ab und zu." „So gieb mir den Beweis Deiner Kunst," fragte Moses zweifelnd, dem sein Muth wiedergekehrt war. Und der Mann war mit einem Male so groß, wie der größte Baum neben ihnen, wartete dann ein wenig und — siehe da! — schrumpfte dann zusammen, bis er so klein wie eine Ameise war. Da durchzuckte ein Gedanke das Gehirn des armen Moses — blitzschnell griff er zu, packte den kleinen Mann, drückte ihn fest, trotz seines Jammerns in der Faust zusammen, nahm eine Blechschachtel, die er bei sich hatte, steckte den Dalles hinein und warf die Schachtel dann in einen tiefen, tiefen Teich, der int Walde lag. — Frohgemuth schritt er dann weiter und weiter, bis er an eine große, schöne Stadt kam. Dort beschloß er zu bleiben. Mit dem Gelde, das er hatte, begann er ein kleines Geschäft, aber — o Wunder! — fast schien es so, als wenn die ganze Stadt ihren Bedarf mti von dem Fremden kaufen wollte, als wenn Alle sich verabredet Hütten, den armen Moses zu beschäftigen. Bald konnte er allein dem Andrange des Publikums nicht mehr genügen und tnußte sich erst einen, dann zwei, drei und so fort immer mehr Gehilfen nehmen in dem Maße, wie sein Geschäft wuchs. Es dauerte gar nicht lmtge, so war aus dem armen Moses ein wohlhabender, und es dauerte wieder nicht lange, so war aus diesem der reichste Mann der Stadt geworden, der große Waarenhäuser, mit allen Erzeugnissen von allen Herren Ländern gefüllt, sein eigen nannte, ein ganzes Heer von Angestellten beschäftigte und viele Ehrenämter bekleidete. — Aber, aber — je mehr er erreichte, desto härter wurde sein Herz. Als es ihm in seiner Heimath schlecht ging, theilte er mit jedem Bettler sein Brod, als er anfing, Geld zu erwerben, gab er schon vorsichtiger, und jetzt! — jetzt kannte er das Wohlthun gar nicht mehr. — So waren einige Jahre vergangen, da kam auch einmal ein wandernder Handelsmann in Moses' Heimath und zu Jakob. Diesem erzählte er von dem reichet! Handelsherrn in der großen Stadt. Als aber Jakob den Namen des Reichen erfuhr, erschrak er sehr, denn er mußte plötzlich an seinen Bruder denken, von dem er seit seinem Fortgange nichts mehr gehört hatte, und um den er schon manche Thräne geweint hatte, da er ihn todt glaubte. Als aber die Beschreibung des reichen Kaufmanns, die ihm der Hausirer machte, I Zug um Zug auf die Person seines Bruders übereinstimmte,! machte er sich auf den Weg nach der Hauptstadt, um sich mit eigenen! Augen von dem Glücke seines Bruders zu überzeugen. So kam er in der Stadt an. In jeder größeren Straße fand er Firmenschilder, die den; Namen seines Bruders führten, und da er nicht wußte, wo er ihn finden würde, trat er aufs Geradewohl in ein großes Tuchgeschäft, über welchem in goldenen Lettern gleichfalls seines Bruders Firma - praitgte. i „Könnte ich Herrn Moses sprechen?" „Bedauere," antwortete ihm ein Gehilfe, „Herr Moses ist wahr-! scheinlich in seinem Bankgeschäft anzutrefien," und er bezeichnete ihm; die Lage desselben ganz genau. Jakob begab sich nach dem Bankhaus, j „Könnte ich Herrn Moses sprechen?" „Herr Moses ist soeben nach seinem Landhaus gefahren, das vor der Stadt liegt," erklärte ihm ein Buchhalter. So begab sich Jakob nach dem Landhause seines Bruders. Fast wäre er aber vor Schreck und Erstaunen umgekehrt, als er dieses Haus erblickte. Es lag in einem herrlichen Garten, der kunstvoll angelegt und geschmückt war. Hier plätscherten lustige Fontainen, dort schauten Nymphen mtd Faune in herrlicher Marmor-! arbeit neckisch aus dem üppigen Grün hervor. Reichgalonirte Diener j liefen auf der Terrasie der Villa geschäftig hin und her, und schließlich! wandte sich Jakob, nachdem er sich von seinem Staunen etwas erj holt hatte, an einen derselben mit der höflichen Frage, ob er Herrn j Moses sprechen könnte. l „Wie heißen Sie?" fragte ihn dieser mit herablasiender Miene, j indem er den einfachen Mann vor sich mit argwöhnischem Blicke maß,! denn er vermuthete in ihm einen Bittsteller, die abzuweisen alle! Diener den Befehl hatten, j „Ich heiße Jakob aus Dorfstadt." Der Diener verschwand, kehrte jedoch sehr bald zurück unb führte Jakob, nun aber unter tiefen Verbeugungen, in ein herrlich ausgestattetes Gemach, wo er einen reich gekleideten, vornehm aussehenden i Herrn traf. „O Gott — Moses! — Du bist es wirklich?"! Und nun folgte eine freudige Erkennung, denu auch Moses fühlte sein Herz mächtig schlagen, als er seinen Bruder und frühern Wohlthäter nach langen Jahren wieder umarmen konnte. — Bald saßen sie treulich sich gegenüber, und Moses erzählte auf Jakobs Fragen wahrheitsgetreu, was ihm Alles begegnet war, bis auf die Stunde ihres Wiedersehens. Nachdem er einige Tage seines Bruders Gast gewesen und von ihm fürstlich bewirthet worden, schlug Jakob wieder den Heimweg ein. Dabei überlegte er, wie er wohl auch so ein reicher Manu werden könnte, denn wenn er auch in seinem Städtchen als wohlhabend galt, so war das doch ein Nichts seinem Bruder Moses gegenüber. „Halt — ich hab's," rief er dann plötzlich stehen bleibend, „ich werde den Teich entwässern lassen, die Schachtel suchen und den gefangenen Dalles wieder hinauslassen, vielleicht zeigt er mir dann aus Dankbarkeit, wie ich schnell reich werden kann." Gesagt — gethan. — Jakob machte Alles zu Geld, was er sein eigen nannte, ließ mit demselben den Teich entwässern, und endlich — nach langem Suchen — fand er auch die Blechschachtel. „Bist Du noch drinnen, Dalles?" fragte er, die Schachtel schüttelnd.

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