Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- Seite 153 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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153 und jene Aufgaben sind groß und schön genug, damit sie um ihrer selbst willen in Angriff genommen und, soweit es Ihre Kräfte erlauben, erfüllt werden. Aber, meine Herren, ich will nicht unterlassen, meiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß durch die selbstlose Hingabe an diese Aufgaben auch Vortheile für das äußere Leben unserer Religionsgenossen erzielt werden können und auch erreicht werden dürften. Ich komme damit auf einen Punkt, der mit Recht vom geehrten Herrn Vorredner bereits berührt worden ist. Ich sehe in der Verfolgung und Erreichung;ener Aufgaben, denen Sie sich inhaltlich des Adreßentwurfs widmen wollen, die schönsten und besten Kampfesmittel in jenem Kampfe, mit dem man uns bedrückt und dem man den Namen Antisemitismus 'gegeben hat. Der geehrte Herr Vorredner hat bereits hervorgehoben, wie dieser Antisemitismus es ist, der drückend und betrübend auf jedes Herz innerhalb der jüdischen Religionsgemeinschaft einwirkt. Nicht um deswillen sind wir bedrückt, weil es sich in diesem Kampfe etwa um äußere irdische Güter handelt, die wir gern in die Schanze schlagen würden, zur Rettung des idealen Besitzes, der uns in ihm angegriffen wird, und zu dessen Wahrung wir zusammenstehen müssen. In der That sind es auch nicht die Reichsten in unserer Religionsgemeinschaft, die sich vom Antisemitismus besonders bedrückt fühlen, sondern es sind die Besten, die darunter leiden. (Lebhafter Beifall) Ja, meine Herren, schwer gedrückt ist das Herz eines jeden Mitgliedes unserer Religionsgenossenschaft durch diese, weite Kreise des deutschen Volkes ergreifende Bewegung, der gegenüber es sich für uns um ideale Güter des Lebens handelt, die neben der Religion und dem Gottesglauben uns am höchsten stehen: um das Vaterland, das Bürgerrecht und die Gleichberechtigung, Güter, die wir nicht blos selbst besitzen, sondern die wir, so Gott will, auch unfern Bindern unversehrt überliefern wollen, bei deren Anblick sich uns das Herz zusammenkrampft, weil wir nicht sicher sind, ob wir ihnen jenes höchste irdische Gut des Menschen werden hinterlassen können, das Vaterland. (Lebhafter Beifall.) Meine Herren, wir werden den Kampf führen, in der Weise, wie Sie es durch die Inangriffnahme der gedachten Aufgaben angedeutet haben. Wohl sind es ungleiche Kampfmittel, mit denen wir unfern Gegnern gegenüber in den Kampf ziehen; aber wir wollen gewisse Kampfmittel, die von jener Seite gegen uns angewendet werden, uns nicht zu eigen machen. Unser hauptsächlichstes Kampfmittel soll seiu, daß wir uns selbst prüfen und daß wir unsere Pflichten gegen uns selbst, gegen das Vaterland und gegen unsere christlichen Mitbürger erfüllen, und wir thun das, indem wir diejenigen Aufgaben, die Sie bezeichnet haben, uns zu eigen machen: Die Pflege der Religion, der Sittlichkeit, der produktiven Arbeit und des Friedens. Wenn wir aber das thun, so müssen wir in jedem Falle den Gewinn im Kampfe davon tragen, möge der äußere Ausgang desselben sein, wie immer er wolle. Wir werden jedenfalls an unserm innern Leben gewinnen; denn wir werden erreichen, was wir erstreben: Die Förderung und Vermehrung aller geistigen Güter, die Befestigung der Religion, die Vertiefung unseres Verhältnisses zu Gott, zu uns selbst und zu unseren Nebenmenschen; und wenn wir das erreichen werden, dann wird der Antisemitismus, der ein Fluch sein soll, für uns zum Segen werden, und er wird sich bewahrheiten, wie der Dichter sagt, als der Geist, der stets das Böse will, aber nach dem Rathschluß des allweisen Gottes, dem auch die bösen Kräfte zn dienen haben, für uns zum Guten wird — und für uns das Gute schafft. Aber ich bin auch der festen und sichern Ueberzeugung, daß wir uns mit diesem innern Kampfgewinne nicht genügen zu lassen brauchen, sondern daß die Pflege der Religion und Sittlichkeit, der Arbeit und des Friedens auch den äußern Sieg im Kampfe uns erringen wird. Es mag Antisemiten geben, denen weder mit den Argumenten des Verstandes, noch mit den Empfindungen des Herzens und des Gefühls nahe zu kommen ist; im Allgemeinen aber ist die große Menge des deutschen Volkes, der einfache Mann sowohl wie der Gebildete, anders gesinnt. Es lebt in mir die festeste Ueberzeugung, daß der Genius des deutschen Volkes mit dem Antisemitismus sein letztes Wort noch nicht gesprochen hat; es lebt in mir die Ueberzeugung, daß die Ideen der Exklusion und Negation, des Ausschlusses und der Verneinung, nicht der Weisheit letzter Schluß sind im Verhältniß unserer christlichen Mitbürger zu uns, sondern daß vielmehr die Lösung der sogenannten Judenfrage darin besteht, daß einerseits wir auf unserer Seite Selbstemanzipation üben und daß andererseits auf Seiten der uns gegenüberstehenden Klassen des deutschen Volks bereitwillig die Hand geboten wird zur Assimilation, unbeschadet unserer Religionseigenheiten. Auch hier ist, wie ich vorhin gesagt habe: Leben ein stetes Sich-Anpassen an die gegebenen Verhältnisse, und dies hat von beiden Seiten sich zu vollziehen: unsere Pflicht ist es, Selbstemanzipation zu üben, die durch die Geschichte gebotene Pflicht des übrigen deutschen Volkes ist es, zur Assimilation uns aufrichtig die Hand zu bieten. In der Hoffnung, daß dies geschieht, wollen wir uns auch aller Bitterkeit entschlagen, die manchmal von unserem Herzen Besitz ergreifen möchte. Vielmehr wollen wir vertrauensvoll auf Gott und in die Zukunft schauen, und in diesem Sinne bin ich vollständig damit einverstanden, daß im Adreßentwurf der schweren Sorgen und des Schmerzes, der uns bewegt, vor Seiner Königlichen Hoheit keine Erwähnung gethan wird. Von einem gewissen Standpunkt aus freilich wäre es nur natürlich, daß, sowie ein Kind, vor seinen Vater tretend, vertrauensvoll sein Herz vor ihm ausschüttet, auch wir vor unserm Landesvater das Gleiche thun; aber in einem Moment, in welchem wir, um Dank zu sagen für! eine Gabe seiner Gnade, vor unfern großherzoglichen Herrn hintreten,! ist es besser nicht zu klagen, sondern sich zu begnügen mit der Ver-! sicherung, das; das Geschenk, welches seine Königliche Hoheit in seiner! Weisheit uns gegeben hat, von uns angewendet werden soll zu unserer! Selbstprüfung und zu treuer Pflichterfüllung.! So werden wir im Sinne dieses edeln Fürsten handeln, indem wir uns selbst prüfen und unsere Pflicht erfüllen im Vertrauen auf Gott, j im Vertrauen auf uns selbst, im Vertrauen aber auch auf eine schönere und friedvollere Zukunst, die uns erblühen soll im großen, im geeinten, im schönen deutschen Vaterlande. (Anhaltender, lebhafter Beifall.) Aas Märchen vom „Aalles". Nach einer jüdischen Legende aus Galizien von Alexander Müller. s waren einmal zwei Brüder, die von ihren frommen Eltern zu tüchtigen Menschen erzogen worden waren, die hießen Jakob lind Moses. Aber während der ältere Jakob von Anbeginn inuner Glück mit Allem hatte, ivas er anfaßte, schlug dem jüngere» Moses jeder Bersuch, seiu Glück zu mache», fehl. Während es Jakob gelmig, sich iu Verhältnißniäßig kurzer Zeit zu einem, in seinem Städtchen als wohlhabend geltenden Maiiiie cnipvrznschwiiigeii, ging es mit Moses mehr und mehr bergab, so daß er schließlich von den Unterstützungen leben mußte, die ihm Jakob i» brüderlicher Liebe mit freudigem Herzen gab. Doch gab es dem armen Moses immer einen Stich durch das Herz, iven »er seine Hand ansstrecken mußte, uni von Jakob Geld zu empfangen, und so faßte er eines Tages Math, trat zn seinem Bruder heran und sagte zu ihm: „Ich bin Dir doch nur zur Last hier, wenn ich auch weiß, daß Du mir gern ziehst. Aber alle Leute iveisen mit Fingern auf mich' oder es will mir doch so scheinen, und nennen mich einen argen Faullenzer und Tagedieb, trotzdem ich doch auch alles Mögliche versuche, uni es zn etwas zu bringen und doch immer wieder Unglück habe, so daß ich alles mühsam Errungene bald darauf in Nichts zurücksinken sehen muß. Gieb' mir eine größere Snmnie Geldes, ich will außer Landes gehen und dort mein Glück probiren!" So sprach Moses offen und treuherzig zn Jakob, der sich vergeblich abmühte, seinen von ihm geliebten Bruder zn bewegen, in etMiiEfnuniiffln I— — i.- * & I 1 FEUILLETON 8 m 1 Ü MTuEjtw m -1 i—i