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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-29 · Heft 13 (29.3.1895) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
Seite 152 (sequence 10)
Language
German
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152 gemeinschast von ihr nicht aus sich selbst erzeugt werden, sondern es bedurfte dazu der thätigen Antheilnahme, der Autorität des Staates, der von sich aus ein Stück seiner Macht und Gewalt aussouderte und sie vertrauensvoll auf uns, zur eigenen Entscheidung und Leitung unserer Angelegenheiten Libertrug, und in diesem Sinne müssen Sie als die erste israelitische Landessyuode Badens, aber auch Deutschlands, den Vertretern der Staatsregierung und deren höchster Stelle, Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog, aufrichtig dankbar sein für das, was Er uns in der Synode gegeben hat: Die Möglichkeit der Entwickelung und des Lebens. Und nicht blos damit, daß gedankt wird, sondern auch damit, wie gedankt wird, sind wir Mitglieder des Oberraths vollständig einig mit Ihnen und dem, was im Adreßentwnrf enthalten ist. Einem Fürsten, wie dem Großherzog Friedrich von Baden, dankt man nicht blos durch Worte, sondern durch Thaten. Freilich hat bei ihrem ersten Zusammentritt die israelitische Landessynode noch keine Thaten aufzuweisen, aber sie kann wenigstens Vorschau halten auf das, was sie thun will in Bezug auf die Pflichten und Aufgaben, die ihr obliegen, und dem unterzieht sie sich in dem Ihnen vorgelegten Adreßentwurfe, wie mir scheint, in guter und würdiger Weise. Die Synode bezeichnet die drei Richtungen ihrer Thätigkeit im Eingang der Adresse dahin: sie will die Religion fördern, die Sittlichkeit und den Frieden. Das sind drei Aufgaben, jede für sich allein von höchster Wichtigkeit und alle doch unter sich in engster und wesentlichster Beziehung mit einander stehend. Sie wollen zunächst fördern die Religiosität. Sie versprechen, wie es in Ihrem Adreßentwurfe heißt, „den unerschütterlichen in Gottesfurcht und Gottvertrauen sich äußernden Glauben an eine überirdische Vorsehung fort und fort zu pflegen und zu immer kräftigerer Entfaltung zu bringen." Meine Herren! Ich brauche in Ihrem Kreise, die Sie die geordneten Vertreter der israelitischen Religionsgenossenschaft sind, nicht hervorzuheben, was für das Ganze wie für den Einzelnen der Glaube an Gott und an die göttliche Vorsehung bedeutet. Ich weiß, daß wir Alle, ob Synodal- oder Oberrathsmitglieder, darin einig sind, daß nicht blos über allen materiellen Gütern, sondern auch über allen geistigen Gütern, welche die Meuschenseele in sich aufnimmt oder aus sich erzeugt, in unerreichbarer Höhe schwebt der Glaube und der Gedanke an einen einigen und einzigen Gott; ich weiß, daß wir Alle darin einig sind, daß ohne diesen Glauben das Getriebe des irdischen Lebens eine zusammenhanglose und des Verständnisses entbehrende Masse ist, und ich weiß, daß Sie Alle mit mir einig sind darin, daß dieser Gottesglaube allein es ermöglicht, Ruhe zu finden in dem durch das Getriebe der Zeit zerklüfteten Menschenherzen. Sie wollen Gottesfurcht und Religiosität fördern, indem Sie, wie Sie sich ausdrücken: „Sich ein's fühlen mit den Organen der übrigen Religionsbekenntnisse." Meine Herren! Es ist mir Bedürfniß, ganz besonders auf das hinzuweisen, was alle Religionsgemeinschaften trotz der Verschiedenheit der Konfession und Religion mit einander verbindet: auf den Gottesglauben. Es scheint mir gerade in der heutigen schweren Zeit, wo die Mächte des Umsturzes und der Umkehrung aller Verhältnisse heftig und energisch an unsere Thüren pochen, geboten zu sein, diesen inneren Zusammenhang besonders zu betonen und eine ernste Mahnung zu richten an alle diejenigen, welche den Gottesglauben treu und innig in ihrer Seele tragen, sich um Gottes und der Menschheit Willen zusammen zu schließen in dem inneru und äußern Kampfe gegen diese finstren Mächte, in welchem die Vertreter aller Religionsgemeinschaften einig zusammenstehen und sich die Hand bieten sollten zur Pflege der Gottesfurcht und des Gottesglaubens. Aber nicht blos mit den Organen der übrigen Religionsgemeinschaften einigt uns der gemeinsame Gottesgedanke; 'auch unter uns selbst in der konkreten Ausgestaltung des Judenthums, über allen trennenden Momenten soll er das einigende und verbindende Mittel werden. Es ist heute schon zweimal, bei der Eröffnungsfeier und jetzt bei der Erstattung des Berichts über den Adreßentwurf mit Recht hervorgehoben worden, von welcher Bedeutung auch für uns das einträchtige Zusawmenstehen zur Hebung der Gottesfurcht und des Gottvertrauens ist, wie sehr hinter diesem gemeinsamen Ziele die verschiedenen Anschauungen über Art und Form der Gottesverehrung zurücktreten müssen. Sie wollen ferner in zweiter Richtung die Sittlichkeit unter unseren Glaubensgenossen heben und fordern! Es giebt heute eine ziemlich weit verbreitete Bewegung, welche der Ansicht ist, daß die Sittlichkeit gepflegt! und gefördert werden könnte, auch losgelöst vom Boden der Religion. Es liegt mir fern, solche Bestrebungen zu verurtheilen und ihnen einen Erfolg, den sie vielleicht erreichen können, zu mißgönnen, j aber es wird zweifellos sein, daß nur Personen von hoher, geistiger! Durchbildung im Stande sein werden, die Lehren, welche vom Standpunkt! einer religionslosen Humanität die Sittlichkeit predigen, so fest in sich j aufzunehmen, daß sie ihnen in den Wirrnissen des Lebens einen sicheren! Leitstern bieten. Wir wollen demgegenüber unfern einfachen religiösen l Standpunkt festhalten, wir wollen diesen Standpunkt schon um deswillen : festhalten, weil wir uns mit ihm auch an unsere Einfachen und Einfältigen, an unsere Kinder zu wenden haben. Und so wollen wir bleiben bei der einfachsten Grundlage aller Sittlichkeit, die darin besteht, daß Gott unser Vater und der Vater aller Menschen ist, nicht blos derer, die unserer Religionsgesellschaft angehören, sondern Aller, die Menschenantlitz tragen und Gottes Ebenbild darstellen, die deshalb Gottes Kinder und unsere Brüder sind. (Beifall!) Wir wollen aber die einfache und Allen zugängliche Formulirung der Sittlichkeit, die sich aus der Religion ergiebt, nicht blos dem sittlichen Leben des Einzelnen, sondern auch dem der Gemeinschoft zu Grunde legen; wir wollen uns nicht damit begnügen, in theoretischen Erörterungen die Nothwendigkeit des Staats und der Obrigkeit vom Standpunkte des sozialen Zusammenlebens darzulegen. So richtig diese Erörterungen auch sein mögen, so richtig ist auch der religiöse Standpunkt, welcher an dem einfachen Glauben sesthält, daß die organisirte Gesellschaft und der Staat eine von Gott gewollte Einrichtung ist, und daß die Obrigkeit die Sanktion der göttlichen Macht in sich trägt, und ihr deshalb der Gehorsam, die Liebe und die Pflichterfüllung von allen Angehörigen unserer Religionsgemeinschaft unbedingt geschuldet wird. (Lebhafter Beifall.) So fühlen wir uns Eins mit den Lehren, welche seiner Zeit der geistreiche Führer der Konservativen, der frühere Jude und spätere Konvertit Stahl vorgetragen, und die er, wie wir sagen dürfen, aus seinem jüdischen Herzen heraus, zugleich als ein wissenfchaftliches Dogma des evangelischen Staatsrechts verkündet hat. Darum, meine Herren, haben Sie es mit Recht ausgesprochen, daß für unsere Kinder das trefflichste Erziehungsmittel zu allen menschlichen, bürgerlichen und staatsbürgerlichen Tugenden in dem Bekenntniß und den Lehren unserer Religion zu finden ist. Mit der Pflege der Religion und der Sittlichkeit ist aber von selbst auch die Pflege des Friedens gegeben, nach dem sich heute alle Herzen sehnen. Auf Religion und Sittlichkeit beruht der Friede — der Friede in religiöser, namentlich aber auch der Friede in sozialer Beziehung, auf welchen Sie in dem vorletzten Absätze des Adreßentwurfs Hinweisen. Aus der Gesammtauffassung der Sittlichkeit ergiebt sich insbesondere auch die soziale Werthschätzuug und Würdigung des wichtigsten, die Menschen gesellschaftlich verbindenden Faktors, der Arbeit. Von diesem sittlichen Standpunkte aus wird die höchste sittliche Werthschätzung demjenigen wirthschaftlichen Erwerbe zu Theil werden müssen, welcher sich auf Grund oder in Verfolg von produktiver uild selbstthätiger Arbeit vollzieht. Meine Herren! Jahrhunderte der Bedrückung, die über unsere Glaubensgenossen dahin gezogen sind, haben gewisse Kreise derselben in wirthschaftliche und soziale Lagen gebracht, in denen die thätige Theilnahme an der produktiven Arbeit des Volkes ihnen mehr oder minder verschlossen war, und diese schweren Zeiten wirken heute noch nach. Sie wissen aber, daß der Oberrath schon vor Einrichtung der Synode allen Bestrebungen auf Förderung der thätigen Antheilnahme unserer Religiousgenossen an der produktiven Arbeit stetiges Wohlwollen und Förderung hat angedeihen lassen. Aber auch Ihre Aufgabe wird es sein, in dieser Richtung vorzugehen, damit, wie es in der Adresse heißt, „Alle ohne Unterschied des Bekenntnisses in treuer pflichtbewußter Arbeit zusammenstehen zum Wohle unserer badischen Heimath und zum Heil des gesammten Vaterlands". (Großer Beifall.) Meine Herren! Diese drei Aufgaben, die Förderung der Religion, der Sittlichkeit und die Pflege des Friedens, Sie werden sie um ihrer selbst willen vollziehen. Es sind das Aufgaben, die ihre Begründung und ihre Berechtigung in sich selbst tragen. Sie können sich der Lösung derselben nicht entschlagen, wenn Sie sich nicht selbst verlieren wollen.

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