Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- Seite 151 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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151 Religion, die gar nicht mehr die seine ist. Die Verantwortung haben wir, die Männer, wenn wir die Dinge gehen lassen, wie sie gehen, wenn wir es noch länger versäumen, uns um das Seelenheil unserer Frauen, unserer Kinder ernstlich anzunehmen. Meine Herren! Sie können Ihren trefflichen Gattinnen, Ihren guten Kindern kein schöneres Geschenk mit nach Hause bringen, als wenn Sie mit dem festen Vorsatze heimkehren, ihnen die unvergleichlichen, für Geist und Gemüth gleich werthvollen Schätze unserer Religion zugänglicher, nutzbarer zu machen. Und darin wollen wir, die Mitglieder des Oberraths, in herzlicher, in brüderlicher Eintracht mit Ihnen Zusammenwirken. Lassen Sie diese Gemeinsamkeit unserer Bestrebungen auch hier zum Ausdruck kommen, indem Sie mit mir einstimmen in den Ruf, der uns Allen von Herzen kommt und der denen, die es angeht, nach allen Richtungen der Windrose in die Ohren klingen möge: Unsere geliebten Frauen, die Priesterinnen unserer Häuser und unserer Familie, unsere theuren Kinder, die Bürgen unserer Zukunft, sie leben hoch!" Auch an den Schreiber dieser Zeilen wurde manches freundliche Wort und manche ernste Mahnung gerichtet. Die letzteren werden wohl am Besten mit dem für die süddeutsche Gemächlichkeit charakteristischen Wort wiedergegeben, das bekanntlich in Wien zu Hause ist: „Sollen's uns nachmachen!" Nun denn, ich gestehe es offen, vor der Synode hatte ich wenig Neigung dazu; nach dem Erfolg derselben kann ich nur sagen, daß ich es als ein Glück und einen Segen betrachten würde, wenn die deutschen Inden überall eine solche selbstständige, alle Richtungen gleichmäßig vertretende Konsistorial-Verfassung und ein Organ, wie die badische Synode hätten. Damit habe ich zugleich meine Ansicht über den Erfolg der Synode ausgesprochen. Es ist ja wahr, die Vorlagen und Verhandlungen dieser Synode waren nicht gerade von tiefgehend prinzipieller Bedeutung, aber das ist eine Nebensache. Die Hauptsache ist und bleibt die Existenz der Synode selbst, durch die ein weiterer erfolgreicher Schritt zur Durchführung der vollen Gleichberechtigung des Judenthiuns in einem angesehenen deutschen Staate gemacht worden ist. Und dieser Thatsache gegenüber tritt, zumal in einer Zeit, in der man den Juden in anderen deutschen Ländern gern ihre Rechte schmälern möchte, alles Andere in den Hintergrund. Ja, es ist nicht daran zu zweifeln, daß diese Thatsache auch über Baden hinaus für das ganze deutsche Judenthum von Bedeutung sein wird. Herzlicher Dank gebührt darum all' den Männern, welche sich um das Zustandekommen der Synode wie uni den Erfolg derselben verdient gemacht haben. Und es ist nicht mehr als recht und billig, wenn hier der Neune des Herrn Regierungsraths Dr. Mayer in erster Reihe genannt wird. Zmn Schluffe noch ein Wort über deu Gesannnteindruck der Verhandlungen. Ich kann hier nur mein erstes Urtheil bestätigen, daß dieser Eindruck ein durchaus günstiger gewesen ist. Die Verhandlungen entwickelten sich in so ruhiger, sachlicher und würdiger Weise, daß man weder die bekannten Fehler, noch die eigenthümlichen Vorzüge des jüdischen Geistes besonders merken konnte. Es fehlte an Pathos, an Esprit und an Schärfe, die Redner waren nicht zu lebhaft, beweglich, rasch, enthusiastisch oder zersetzend, es machte sich auch nicht der Hang zur persönlichen Polemik oder das Uebermaß der Subjektivität in der Hervorhebung des eigenen Ich geltend, Fehler, die uns so oft selbst von Freunden vorgeworfeu werden. Von talmudischer Taktik und Strategik war nichts zu merken; die Rabbiner predigten nicht und die Vorsteher disputirten nicht. Auch voll den diplomatischell Künsten, die am grünen Tisch mancher Gemeinde geübt werden, war wenig oder nichts zu merken. Die Verhandlungen der badischen Synode fanden in der zweitel! Kanuner statt; aber es ist wahrhaftig nicht zuviel gesagt, wenn ich behaupte, daß sie auch jeder ersten Kanuner zur Zierde gereicht hätten. In dem Ritual unseres alten Machsor findet sich ein Gebet, welches für ein jüdisches Parlament wie geschaffen scheint. Es beginnt mit den Worten: „Gott und unserer Väter Gott, sei Du mit den Abgesandten Deines Volkes Israel, die vor Dir stehen, lun Heil zu erlangen für Dein Volk. Lehre Dll sie, wie sie reden sollen, gieb Du ihnen die Einsicht für das, was sie aussprechen; lege ihnen in den Mund, lvie sie bitten, mache ihnen kund, wie sie Dich verherrlichen mögen! Im Lichte Deines Angesichtes lnögen sie wallen! Deinen! Volke mögen sie mit ihrem Worte Segen bringen und durch Deinen Segen mögen sie selbst beglückt werden. Die Augen Teiues Volkes hangen an ihnen und ihre Augen schauen harrend zu Dir. Erhöre sie aus Deinen Hiuunelshöhen, daß sie nicht straucheln mit ihrer Zunge, daß kein Fallstrick Wort und Gedanke lungarne, daß sie nicht beschämt werden in ihrem Vertrauen, daß i nicht zu schänden werden, die auf sie schauen, und daß ihr Mund! nicht spreche, was Dir nicht gefalle!"! Das ist ein schönes Gebet und es mag von Mauchen angesichts j dieser Synode gesprochen worden sein; und wie dieses Gebet selbst, so ist auch die Hoffnung, mit der dasselbe in alten Tagen schloß, auch in diesen neuen Tagen in Erfüllung gegangen: „Nicht werden durch niich zu Schanden, die auf Dich hoffen, und nicht beschämt in mir, die Dich suchen, Herr der Schaaren." 0. K. Nede )nr Adresse an üeinr Hoheit den Graßkerrag van Kaden in der ersten Sitzung der israelitischen Landessynode des Großherzogthums Badens. Von Professor Dr. Rosin, Mitglied des Oberraths der Israeliten. Meine Herren! (4\m ^amßu des Großherzoglichen Oberraths und ganz besonders im Namen der israelitischen Mitglieder dieser Behörde spreche ich Ihnen unser herzliches Einverständniß aus mit der Adresse, deren Wortlaut Ihnen von Ihrer Adreßkommission unterbreitet worden ist. Wir sind in erster Reihe damit einverstanden, daß die Synode beim Beginn ihrer Tagung im Namen der gesammten israelitischen Religionsj gemeinschaft Badens hintritt vor unfern allergnädigsten Landesherrn,! um Ihm den Dank dafür zu unterbreiten, daß ein solches Vertretnngs-! organ jetzt existirt und im Stande ist, ein nützlichem und segensreiches j Glied im Gesanuutorganismus der Landessynagoge zu werden. Wir sehen in der neuen Einrichtung der israelitischen Synode nicht,; blos Schaffung eines Organs, welches vielleicht auch fehler! könnte dessen Dasein diesen oder jenen äußern Nutzen für die Verwaltung der * Angelegenheiten unserer Religionsgemeinschaft bringen kann; wir sehen; in der Synode nicht blos eine formelle Verbesserung unseres religiösen; Organismus: sondern wir sehen in ihr die Einführung eines neuen großen Prinzips in das Wesen unserer Religionsgenossenschaft. Dieses! Prinzip ist das Prinzip und die Möglichkeit der Entwickelung, das! heißt eben des wahren Lebens; denn alles wirkliche Leben bedeutet sich; entwickeln, sich anpaffen an die bestehenden und wechselnden Verhältnisse, unter denen wir leben.! Den israelitischen Gemeinden innerhalb und außerhalb Badens hat! es bis jetzt an einem solchen Organ zur Elltwickelung gefehlt, und auch die bisher bestehende Organisation unserer Religionsgenossenschaft konnte dieses fehlende Organ nicht ersetzen. Unsere Synode aber, welche aus allgemeinen und gleichen Wahlen der Religionsgenossen hervorgeht, ist ein solches Organ, weil sie im Stande ist, die innern Anschauungen und Bestrebungen der Genossenschaft in sich darzustellen, zu verkörpern und zur Geltung zu bringen, und damit ist die Gewähr der Fortentwickelung, des regen und wirksamen Lebens für unsere Religionsgenossenschaft gegeben. Nun aber konnte ein solches Organ unserer Religions