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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-29 · Heft 13 (29.3.1895) · p. Seite 148

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
Seite 148 (sequence 6)
Language
German
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H8 steiler ordentlich ansah, wie er Hoffnung schöpfte für sein „Mütterchen". Als Mensch und Charakter war Rubo ein prächtiger Typus, ernst im Wollen, leicht im Wohlthun, stark in der Beharrlichkeit und jugendfrisch im Alter. Bei all' seiner Weisheit blieb er zeitlebens ein Kind im Herzen. Vor christlich-jüdische Ueligrons-Nnterricht. "E^nalog dem Titel eines kürzlich von einem Anonymus — Protestantischem Pfarrer — erschienenen Buches möchte ich eine besondere Art von Religions-Unterricht so nennen und eine kurze pädagogisch-psychologische Betrachtung daran anknüpfen. Es giebt auch auf geistigem Gebiete gewisse Modeartikel, und auch hier kann die Mode unter Umständen zum Tyrannen werde». Als nothwendiges Attribut der Geistesbildung, sage ich absichtlich, wird heutzutage gerade in sogenannten besseren Kreisen neben dem Unterricht in der Geschichte der Philosophie für junge nicht mehr schulpflichtige Mädchen auch der Religionsunterricht gefordert. Man ist mit der Zeit wenigstens zu der Ueberzeugung gekommen, daß in der allgemeinen Bildung ein: große und fühlbare Lücke entsteht, wenn man von der Geschichte seines Volkes so gar nichts weiß. Den Namen eines Mose, Saul, David, Elia, Jcsaia nicht zu kennen, wirkt beschämend auf die sonst gebildet erscheinen Wollenden, und schon, um sich keine zu große Blöße zu geben, interessirt man sich dafür und nimmt die nothwendigsten Elemente in sich auf. Wieviel uns von christlicher Seite genützt wird, wenn einmal ein Geschichtslehrer rücksichtslos die Unwiffenheit der jüdischen Kinder in der Geschichte ihres eigenen Volkes anfdeckt und geißelt, ist bekannt und wirkt in der That mehr als die herzeryuickendste oder vermahnendste Predigt von der Kanzel. Predigten werden mehr kritisirt als beherzigt. Aber viele von denen, die erst von anderer Seite auf den Mangel hiugewiesen werden, fassen's nicht immer beim richtigen Ende an. In die vrn der Gemeinde in bereitwilligster Weise eingerichteten Religionsschulen schicken so Manche die Kinder nicht gern; vergeblich kämpft man gegen ein altes unbegründetes Vorurtheil an; die Religionsschulen erscheinen immer noch vielen — namentlich fein gebildeten Eltern — als disziplinlose Schulen, um nun den Preis einer Bereicherung an Wissen möchte man nicht die „gute Erziehung" leiden lassen. Ja vielleicht wird auch nicht einmal etwas gelernt, denn „eine Schule ohne Zucht ist wie eine Mühle ohne Wasser" — der Lehrerfolg kann ja nur gleich Null sei». Dieses zumeist blinde Vorurtheil schadet sehr und entfremdet Eltern und Kinder den Religionsschulen. Den Luxus eines Privatlehrers kann sich nicht jede Familie leisten, und da glaubt man, von zwei Uebelu das kleinere zu wählen, wenn man das junge Kind ain christlichen Religionsunterricht theilnehmeu läßt. Beileibe nur so lange, wie das Alte Testament behandelt wird, sonst könnte ja das Kind Schaden an seiner zarten Seele nehmen. Es kann aber gar nicht oft und dringend genug darauf hingewiesen werden, von wie verderblichem Einfluß ein solcher Unterricht wird, gerade in einer Zeit, wo das Kind ein schmiegsames Wachs in der Hand des Lehrers ist, das dieser formen und bilden kann, wie er will. Die Seele ist für derartige Eindrücke noch so ziemlich „eine unbeschriebene Tafel" und nimmt willig und begierig auf, was eingegraben wird. Der Griffel zieht tiefe Furchen, die nicht so leicht wieder nüt dem Schwamm weggewischt »verte» können. Was man in der Jugend gelernt, — das wissen wir nur zu gut aus eigener Erfahrung — haftet im Gedüchtniß, das um diese Lebenszeit am zuverlässigsten und treuesten ist. bis zur Unvergeßlichkeit; es wird das im Gedächtniß aufgespeicherte Wissen dauernd unverlierbares geistiges Eigenthmn. Dazu kommt noch, daß die Verstandeskrüfte noch zu schwach und ungeschult sind, um selbst zu prüfen, und so wird beim gläubigen Geniüth des Kindes Alles anstandslos hingenommen. Der Lehrer ist für das Kind ein Gott, und bei der hohen, uneingeschränkten Autorität erhebt sich nicht der leiseste Zweifel an seinen Aussagen. Nun kann Niemand über seinen Schatten springen. Spricht man schon den» wirklichen Historiker strengste Objektivität ab, ohire ihn indessen einer von Hause aus beabsichtigten Färbung in der Darstellung der von ihm vorgetragenen Thatsachen zu zeihen, verlangt inan von ihin sogar — sobald eben seine Darstellung nicht ein kritikloses Aneinanderreihen einfacher Thatsachen sein soll — subjektive Theilnahme, d. h. Wärme für seinen Gegenstand, »vobei oft genug sein Herz, durchgeht, so ist das uinsomehr der Fall bei einem Gegenstand, der vielfacher Erläuterungen bedarf und moralischer Nutzanwendungen nicht entrathen kann, »venn anders er befruchtend wirken soll. Pectus est quod dissertum facit. Das Herz erwärmt und löst die Zunge, was von Herzen kommt, nur das geht zu Herzen. Mai» darf wirklich von einem christlichen Religions- Lehrer nicht verlangen, daß er »>m der paar Judenkinder »villeu, die am Unterricht theilnehmeu, ängstlich und vorsichtig jeder Beziehung zur christlich-dogmatischen Anschauung oder kirchlichen Institution aus dem Wege gehe, um nur nicht Andersgläubige zu verletzen, oder — da inan bei Kindern auf der Stufe von verletzen vielleicht noch nicht reden kann, sie voreingenommen zu machen. Thut er es aus Taktgefühl oder Tolerairz dennoch, so fühlt er sich viel zu beengt, eingezivängt ein Prokrustesbett, es fehlt ihm die Freiheit der Bewegling, der ganze Unterricht verblaßt, »vird farblos, trocken, safl- und kraftlos, ein bloßes Gerippe, das nicht mit Blut und Fleisch ausgefüllt ist, keine Nahrung für eine Kiirdesseele. Läßt er anderseits jede Rücksicht schwinden — und das geschieht zumeist, weil er in erster Reihe christlichen Religions-Unterricht christlichen Kindern zu ertheilenhat — daun ist die Gefahr für die jüdischen Kinder erst recht groß. Sie leben sich in christliche Denk- und Auschaunngs»veise, in christliches Enipfinden so ein, daß sie nur schlver oder überhaupt nicht mehr für andere .Anschauungen zu gelvinnen sind, (lonsuetudo altera nstura „Ge»vohnheit wird zur Natur", und natmam furca expellas, tarnen usque recurret. „Die Natur bricht iininer von Neuem durch". Es läßt sich die Schlingpflanze, die so üppig in die Höhe geschossen, nicht ganz ausjäteu. Der ganze religiöse Vorstellungskreis der so unterwiesenen Kinder wird von Elementen beherrscht, die der Aufnahme neuer u»»d noch dazu anderer von den alten abweichender Vorstellungen nnr hemmend und störend entgegen- »virken und einen regelrechten Appcrceptionsprozeß sich vollziehen zu lassen, nicht gestatten. Es fehlen, so zu sagen, die geistigen Angelhaken für die neu aufzunehmenden Vorstellungsgruppen, und wie zwei feindliche Pole stoßen die alten und neuen sich ab, anstatt sich auf Innigste mit einander zu verbinden und zu vergesellschaften Ja es wird bisweilen geschehen, daß eine starke Abneigung sich einstellt ein Widerstreben, eine gewisse geistige Energie, sich eines Anderen belehren zu lassen, die den Lehrer zur Verzweiflung bringt und aller seiner pädagogisch methodischen Befähigung trotzt. Des früheren Lehrers Autorität wird ins Wanken gebracht, die des neuen Lehrers ist auch keine bedingungslose, und der Geist des Widerspruchs und Zweifels »vird großgezogen, dieses Gift, friihzeitig, leider allzufrüh eingeimpft, nagt wie ein böser Wurm am Herzen des Kindes und frißt weiter.

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