Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- Seite 146 (sequence 4)
- Language
- German
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146 den niedrigsten Beweggründen und sogar gegen seine bessere Ueberzeugung, gegen besseres Wissen handle." Durch die letzten Prozesse erführt diese unerhörte Verdächtigung deutscher Gerichte eine merkwürdige Widerlegung. Für uns aber kommt jetzt eine anbere und viel wichtigere Frage in Betracht, die nämlich, ob wir unter solchen Umständen und nach einer solchen Entscheidung überhaupt fernerhin noch den Bersuch machen sollen, die Hilfe der Gerichte gegen unsere Feinde und Angreifer zu suchen. Es wäre zu wünschen, daß erfahrene Juristen über diesen wichtigen Punkt sich unumwunden aussprechen möchten. Nie Moche. Berlin, 26. März. seinem Abgänge hat der bisherige Präsident des Reichstags noch Gelegenheit gehabt, einen antisemitischen Streich abzuwehren. In der Sitzung vom 22. wurden vor Beginn von antisemitischer Seite auf sänuntlichen Plätzen, auch am Bundesrathstisch, Flugblätter niedergelegt, die unter der stilistisch wohlgelungenen Ueberschrift: „Warum der Reichstag und die Stadt Berlin ihren Ehrenbürger nicht feiern darf!" mit dem Bilde Bismarcks, eine Sammlung antisemitischer Redensarten enthielten mit dem Schluß: „Kauft bei Ehristen!" Das Flugblatt war herausgegeben von der antisemitischen Vereinigung für Norddeutschland, speziell von dem antisemitischen Abgeordneten und Stubenmaler Bindewald Bevor der Präsident die Sitzung eröffnete, ließ er durch die Diener dieses Flugblatt einsammeln, das offenbar ohne sein Vorwissen vertheilt worden war. In einer der letzten Sitzungen sprach sich der Centrumsabgeordnete Bachern dafür aus, daß in der Konkursstatistik eine Scheidung nach Religionsbekenntnissen stattfinde. Die Erfahrung habe gelehrt, daß Israeliten bei Bankerotten in erheblichem Maße stärker betheiligt seien als Katholiken oder Protestanten. Es liege ihm fern, die Mitbürger jüdischer Konfession etwa im Allgemeinen angreifen zu wollen, aber es müsse jedenfalls nach allen Seiten Klarheit geschaffen werden. Eine solche Konkursstatistik existirt bereits; sie hat das Resultat ergeben, daß die Juden als solche an den Konkursen nicht mehr betheiligt siiid — als die frourmen ilrdeutschen Sachsen. lieber die preußischen unb deutschen Universitäten hat Prof. Dr. A. Petersilie eine statistische Studie veröffentlicht, die in der Zeitschrift des königl. preußischen Statistischen Büreaus erschienen ist. Dem Bekenntniß nach waren 9089 Evangelische, 2366 Katholiken und 1134 Juden unter den deutschen Studenten, dem Prozentsatz nach waren unter den drei nicht theologischen Fakultäten 68.80 v. H. Evangelische, 18.82 v. H. Katholiken und 11.95 v. H. Juden. Auf 10,000 männliche Bewohner des betreffenden Bekenntnisses kamen 8.37 evangelische, 4.45 katholische und 57.13 jüdische Studirende, überhaupt 762 Studirende. * Die erste Landessyn ode für das Großherzogthum Baden hat in der vorigen Woche stattgefunden. Wir berichten an anderer Stelle ausführlich über dieses Ereigniß, dessen allgemeine Bedeutung wir hier nur hervorheben wollen. Die Thatsache, daß in einem deutschen Bundesstaate die vollständige Gleichberechtigung auch nach dieser Seite hin zur Ausführung gelangt ist, daß zum ersten Male in Deutschland eine unter staatlicher Autorität gewählte Vertretung für die religiösen Gesammtinteressen der Juden eines Landes zusammengetreten, ist von außerordentlicher Bedeutung, wenn auch die Hoffnung nur eine schwache ist, daß nunmehr anch die anderen Bundesstaaten diesen! schönen Beispiele Badens bald folgen werden. * Die ultramontane Magnatenpartei in Ungarn fand am 23. d. Mts. noch eine Gelegenheit, ihr Müthchen an der Regierung zu üben, sie lehnte mit 117 gegen 111 Stimmen die letzte der kirchenpolitischen Vorlagen, den Gesetzentwurf über die Rezeption der Juden, ab. Diese Schlappe kommt ziemlich unerwartet, denn bis noch vor ganz Kurzem gab man sich im liberalen Lager der sichern Erwartung hin, diese Vorlage ohne allzu heftigen Widerstand durchs Oberhaus bringen zu können. Die Unsicherheit der Lage, die durch diesen Zwischenfall geschaffen ist, erhellt aus dem nachstehenden Stimmungsbilde: Der kirchenpolitische Streit hat heute seinen vorläufigen Abschluß gefunden, da das Oberhaus den Gesetzentwurf über die Rezeption der Juden mit einer Mehrheit von sechs Stimmen verwarf. Damit ist die Lage genau so wie vor dem Regierungsantritt Banffps. Die entscheidende Frage ist nun, ob der König gestattet, die Vorlagen neuerdings vor das Unterhaus zu bringen, wo sie unzweifelhaft angenommen würden, oder ob er verlangt, die Vorlagen fallen zu lassen, um den Frieden zwischen Oberhaus und Unterhaus herzustellen. In diesem Falle müßte das Kabinet Banffy zurücktreten. Möglicher Weise verlangt die Krone nur, die neue Verhandlung durch das Oberhaus bis zum Herbst zu vertagen. Professor Ar. Ernst Nubo. Von Fritz Stier-Somlo, Kammergerichts-Referendar. m or etwa drei Wochen noch saß ich ihm gegenüber in seiner behaglichen Gelehrtenstnbe in der Lützowstraße und bat ihn um die Wette mit seiner Frau Gemahlin, daß er sich doch schonen möge, schonen um Gotteswillen. Denn seine rastlose Arbeit hatte ihn erst kurz vorher ans das Krankenlager geworfen, weil er sich überangestrengt hatte. „Fast wär' ich gestorben," sagte er lächelnd zu mir, als wenn das so gar nichts bedeuten würde. Manche Menschen grollen ihrem Schicksal, als wenn es eine Person wäre, und tragen mürrisch das auferlegte Loos. Er war so voller Güte gegen seine Familie wie gegen Fremde, daß er nie zeigte, wie er litt, und so mag er selbst in allzumenschlichem Hoffen sein Ende noch weit, weit gedacht haben. Und doch ruht er jetzt in kühler Erde, und wenn in Kurzem der Frühling kommt und die Vögel von den Weiden des Friedhofs herabsingeu werden, so wird nur in wenigen dankbaren Herzen der trauernde Gedanke wach sein, der um die Gestalt eines gütigen Menschen sich webt. Am 8. Juli 1834 ist Ernst Traugott Rubo in Berlin geboren. Er ist also sechzig Jahre alt geworden. Sein Vater war ein einflnß- und auch ein kenntnißreicher Mann, lange Jahre Syndikus der hiesigen jüdischen Gemeinde, der seinen „lieben Jungen" gern nach Heidelberg schickte, damit er lerne leben und leben lassen. Das nun hat der fleißige Sohn gründlich verstanden. Mit anspruchslosem Behagen plauderte er so manch' liebes Stündchen von dieser Studentenzeit, und noch bis kurz vor seinem Tode wechselte er Brief und Geschenke mit einer bekannten Stndentenwirthin zu Heidelberg, der feinen Stadt, die so viel liebwerthe Geschöpfe im Laufe der Zeit aufzuweisen hatte, die