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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-22 · Heft 12 (22.3.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Großbritannien. z. London, 16. März. Die Gemeinde von Glasgow Hai durch den Tod ihres Vorsitzenden einen schweren Verlust erlitten Mr. Samuel Morris, der am 5. März plötzlich starb, war ein geborener Danziger, der als junger Mann nach London und dann nach Glasgow kam, wo er sich ein namhaftes Vermögen erwarb. Bald erwarb er sich das Vertrauen seiner Glaubensgenossen, für deren geistige und materielle Wohlfahrt er unermüdlich besorgt war, und seiner unermüdlichen Thätigkeit dankte die Gemeinde die Errichtung der schönen Synagoge in Garnet Hill. 65 Jahre hindurch war er der durch das Vertrauen seiner Mitbürger immer wiedergewählte Vorsteher der jüdischen Gemeinde, die er zu einer der besteingerichtetsten und wohlthätigsten erhob und die ihm zahlreiche gemeinnützige Einrichtungen verdankt. Auch für die flüchtenden russischen Juden leistete er wirksame Hilfe, und sie verlieren in ihm einen stets bereiten, opferfreudigen Schützer. Als der Tod ihn jetzt im 73. Jahre seines Lebens dahinraffte, riß er eine Lücke in das jüdische Gemeindeleben in Glasgow, die sich noch lange fühlbar machen wird. — Aus der Kapstadt kommt die Nachricht, daß unser Glaubensgenosse M. Levyno zum Bürgermeister von Somerset gewählt worden ist, obwohl er in diesem Ort erst 12 Monat gewohnt hat, nachdem er früher in Bedford diese Würde drei Jahre hindurch bekleidet hat. Mr. Levyno ist ein Jude der alten Schule und hat sich die Anerkennung und Liebe seiner andersgläubigen Mitbürger durch die vorzüglichsten persönlichen Eigenschaften erworben. Nußlnird. z. Petersburg, 15. März. Den Deputaten der jüdischen Kolonien in den Gouvernements Cherson und Jekatarinoslaw, die 'Anfangs Januar nach Petersburg geschickt wurden, um dem Zaren zu seiner Thronbesteigung die Glückwünsche aller jüdischen Ackerbauer des Reiches zu übermitteln, wurde auch die Ehre einer Audienz beim Minister der „Kaiserlichen Domänen", Fürst Jermalow, zu Theil. Der Minister erkundigte sich bei ihnen eingehend über ihre soziale Lage und den Stand der Kolonien. Gleichzeitig forderte er sie auf, ihm ihre Wünsche schriftlich fixirt einzureichen, die er einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen versprach. Wie man dem „Woschod" aus der jüdischen Kolonie „Nowo Poltawka" im Gouvernement Cherson schreibt, haben die Kolonisten nunmehr an den Domänen--Minister ein Gesuch abgesandt und folgende Wünsche zum Ausdruck gebracht: 1. Die Regierung möge jedem jüdischen Bauer die 10 Deßjatinen Land zurückgeben, welche ihnen in den sechziger Jahren von den ihnen ursprünglich überwiesenen 40 Deßjatinen, abgenommen worden sind; 2. denjenigen Bauern, die eine große Familie haben, entsprechend mehr Land zu gewähren; 3. den jüdischen Kolonisten zu gestatten, von der Negierung Land unter denselben Bedingungen zu pachten, wie sie den nichtjüdischen Kolonisten gewährt sind. Zur Erklärung des dritten Punktes sei Folgendes hinzugefügt: Während ein nichtjüdischer Kolonist Land von der Regierung in Pacht erhält, wenn Jemand aus seiner Gemeinde einen schriftlichen Bürgschein für ihn ausstellt, wird von einem jüdischen Bewerber stets eine Kaution in baarem Gelde verlangt, ein Verfahren, das die Juden von dem Pachtbewerb geradezu ausschließt. Obigen drei Punkten fügten die Bittsteller noch den Wunsch hinzu, die Regierung möge in einer der Kolonien eine landwirthschaftliche Schule für die Heranwachsende Jugend errichten, sowie überhaupt dem Schulwesen in den Kolonien größere Sorgfalt zuwenden. Wie hiesige Blätter berichten, soll das Verbot, demzufolge Juden innerhalb 5o Werst von der Grenze sich nicht ansiedeln dürfen, demnächst aufgehoben werden. Von Nah und Fern. -- In der Sitzung des Reichstags vom 13. d. M. erklärte der freikonservative Abgeordnete, Oberregierungsrath v. Gamp vor Beginn der Verhandlungen, daß er in der Sitzung vom 6. März, in welcher die Anträge Hammerstein und Liebermann v. Sonnenberg, betreffend die Beschränkung der Einwanderung der Israeliten, zur Sprache kamen, als entschuldigt gefehlt habe, da er im Abgeordneteuhause als Regierungstommissar thätig sein mußte. Bei der namentlichen Abstimmung aber sei sein Name unter diejenigen ausgenommen, die ohne Entschuldigung gefehlt hätten. Im Uebrigen brauche er wohl nicht zu erklären, daß er selbstverständlich gegen diese beiden Anträge gestimmt haben würde. — Die Erben des verstorbenen Botanikers Professor Pringsheim haben die von ihm hinterlassene werthvolle Laboratoriumsausrüstung dem Botanischen Institut der Universität Jena geschenkt, an der Pringsheim früher wirkte. — Herr Oberlandesrabbiner Dr. Hamburger in Strelitz ist abermals von einem schweren Verlust heimgesucht worden. Am 14. d. starb seine lheure Gattin, Frau Dr. Bertha Hamburger, nach kurzer Krankheit. Unser herzliches Beileid dem schwergeprüften Gelehrten. — In Bromberg ist Sanitätsrath Dr. Jacoby zum Geheimen Sanitätsrath ernannt worden. — Die „Zeitung für Hinterpommern" berichtet: „Gegen den Bürgermeister und Hauptmann a. D. v. Boß in Bublitz, dessen Handeln bei der letzten Reichstagswahl es zu verdanken ist, daß die Wahl des Landraths v. Gerlach im Wahlkreise Kolberg-Körlin für ungiltig erklärt wurde, ist seitens des Ersten Staatsanwalts in Köslin Anklage wegen Verbrechens im Amte (Meineid in der Angelegenheit mit dem Amtsvorsteher und Amtsanwalt Kiesler in Bublitz) erhoben worden." Selbverständlich ist der wegen Meineids in Anklage versetzte Bürgermeister eine Leuchte des Antisemitismus. — Bei der Reichstagsersatzwahl in Es chw ege-Sch mal - kalden ist der Antisemit Pfarrer Jskraut mit 9845 gegen den Sozialdemokraten Huhn, der 6766 Stimmen erhalten, gewählt worden. Bei der ersten Wahl vom 28. v. M. fielen auf Jskraut nur 3800 Stimmen, auf den nationalliberalen 3200 und auf den freisinnigen Kandidaten 3400 Stimmen — das giebt zu denken! Vor der Wahl hatte das Kommando der freiwilligen Feuerwehr den Beschluß gefaßt, die jüdischen Wähler aufzufordern — und die Aufforderung auch ergehen lassen — entweder sich der Wahl zu enthalten oder aus der freiwilligen Feuerwehr auszuscheiden. — Im Wahlkreise Rinteln-Hofgeismar- Wolfhagen wollen die Konservativen, dem Vernehmen nach, den Hofprediger a. D. Stöcker als Kandidaten aufstellen; doch heißt es, daß ihm eine besondere antisemitische Kandidatur entgegengestellt werden soll, da die Antisemiten auch hier ihren Besitzstand nicht ohne Kampf preisgeben möchten. — Die Antisemiten haben im 6. sächsischen Reichstagswahlkreise: Amtshanptmannschaft Dresden, der durch die Mandatsniederlegung Hänichens vakant geworden ist, den Baumeister Hartwig-Dresden aufgestellt. — In Hamburg ist bei Anwesenheit von 128 Mitgliedern der bisherige Vorsitzende der Bürgerschaft, Bankier Siegmund Hinrichsen, mir allen gegen zwei Stimmen wiedergewählt worden. — — Aus Pest schreibt man: Der Verwaltungsausschuß des Heveser Komitates hat die Frage, ob ein Jude Matrikelführer sein kann, aus Anlaß eines konkreten Falles mit Stimmenmehrheit verneint. Der Ausschuß kandidirte nämlich infolge des bekannten Ministerial-Erlasses sämmtliche Gemeindenotare für die zuführenden Matrikelführerstellen. Nur der jüdische Kreisnotar vvn Betov-Bocs, Jakob Blumberger, wurde infolgedessen nicht gewählt. Der Ausschuß beschloß, für den Bezirk einen besonderen staatlichen Matrikelführer zu bestellen. — Die jüdische Gemeinde in Mantua hat an Stelle ihres im vorigen Jahre verstorbenen Oberrabbiners Marco Mortara den Rabbiner von Reggio Emilia, Prof. L. Levi, zu ihrem Seelsorger erkoren. — Auch die Kultusgemeinde von Verona, wo der Rabbinatssitz erledigt war, hat einen neuen Funktionär auf denselben berufen, indem sie ihren bisherigen Vice-Rabbiner Angelo Carrpi zum Oberrubbiner wählte. — In Florenz ist am 14. d. M. Dr. Max Landesberg, der bekannte Augenarzt, gestorben Derselbe war in Jassy 1840 geboren, übte in Amerika seine Praxis aus und zog sich vor Jahresfrist nach Florenz zurück. — Die Meyer-Carl v. Rothschildsche Kunstsammlung in Frankfurt, die bis zu dem vor einigen Wochen erfolgten Tode der Baronin Louise Rothschild eine Hauptsehenswürdigkeit Frankfurts bildete, wurde dieser Tage unter die Mitglieder der Familie durch das Loos vertheilt. Hierbei fiel das Glanzstück der Sammlung, der berühmte Jamnitzer Becher, auf den Kandidaten der Medizin Baron Henry v. Rothschild in Paris, der sich erst kürzlich verlobt hat. Ein schönes Brautgeschenk! — In Petersburg ist ein kaiserlicher Ukas veröffentlicht worden, nach welchem der Prozentsatz der jüdischen Zöglinge der Odessaer Kommerzschule einzuschränken ist. Das Verhältniß der Zahl der jüdischen Schüler zu den christlichen ist danach festzusetzen, wie erstere an dem Unterhalt der Schulen theilnehmen. Nach diesem Perhältniß wird der Finanzminister alljährlich den Prozentsatz der zuzulassenden jüdischen Schüler bestimmen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. BNantwortlich für die Redaktion: Max Baucbwitz in Berlin.

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