Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Feibelsohn, seinen siebzigsten Geburtstag, es war dies ein Festtag für die ganze Gemeinde. Die Gemeindevertretung und die Vorstände sämmtlicher Vereine fanden sich am Geburtstage ihres langjährigen Vorstandes in dessen Wohnung ein, um ihm Namens der von ihnen vertretenen Körperschaften zu gratuliren und ihm eine kunstvoll ausgeführte Adresse und einen werthvollen Pokal zu überreichen. Herr Rabbiner Dr. Bamberger feierte in seiner Ansprache an den Jubilar! denselben als Mann der That, der aufopfernden Hingebung für die Gemeinde- und Vereinsinteressen. Wir schließen unseren Bericht mit dem Wunsche des Herrn Dr. Bamberger, daß es der geübten Hand unseres geschätzten Herrn Jubilars noch viele Jahre beschieden sein möge, j das Gemeinderuder zu lenken zum Wohle der Gemeinde. r. Schwedt a. O., 15. März. Am 10. d. M. fand im Saale des Hotel zum Markgrafen das erste Stiftungsfest des hiesigen Frauenvereins, verbunden mit der Purimfeier statt, an der fast z sämmtliche Mitglieder der Gemeinde und einzelne auswärtige Gäste lheilnahmen. Eingeleitet wurde die Feier durch eine Ouvertüre. An diese schloß sich ein von Herrn Dr. rneä. Apolant gedichteter und von Frau Dr. Sandler gesprochener Festprolog, der das Stiftungsfest des Frauenvereins in sinnige Beziehung zur Purimfeier brachte und ausklang in einen kräftigen Appell an die Männer, durch Treue und Standhaftigkeit in dem gegenwärtigen Kampfe muthvoll auszuharren. Aus dem , reichen Programm verdienen noch besondere Erwähnung das von Herrn Leo Seelig kunstvoll gestellte lebende Bild „Phantasie", sowie die; Aufführung der von demselben dirigirten Gesangspoffe „Eine verfolgte! Unschuld". Auf die Vorstellung folgte das Souper Zahlreiche Toaste j würzten das Mahl. Ein flotter Tanz hielt alsdann die Festtheilnehmer | bis zum Grauen des Morgens in fröhlichster Stimmung beisammen. Der! eifrigen Thütigkeit des Festkomitees, bestehend aus den Vorstandsdamen! Frau Kohnheim, Frau M. Seelig, Frau T. Meinhardt und den Herren! Cohn und Müllerheim, sei an dieser Stelle noch besonders rühmend gedacht. 4P Nordhausen, 11. März. Der Antisemitismus hat in den letzten Monaten hier auf einem Felde eine Rolle gespielt, auf dem er anderswo wohl noch nicht zu Tage getreten ist, nämlich auf dem des Krankenkassenwesens. Die größte der hiesigen 18 Krankenkassen, die allgemeine Ortskrankenkasse, die rund 1500 Mitglieder aller möglichen Berufsklassen zählt, die in die andern 17 Kassen nicht einzurangiren sind, hat vier Aerzte. Darunter befand sich der hier domizilirende königliche Kreisphysikus des Kreises Ilfeld, Dr. Räuber, ein! hervorragender antisemitischer Agitator und Vorsitzender des deutsch-! sozialen Landesverbandes für Nordwest-Thüringen, sowie des hiesigen j „Deutschen Vereins". Dies hätte er ja mm ruhig sein und bleiben! können; von Seiten der Kasse hätte kein Huhn und kein Hahn darnach! gekräht. Aber es wurden in den letzten Generalversammlungen ver-! schiedene Fälle angeführt, in denen er seine antisemitischen Gesinnungen auch an Krankenbetten zum Ausdruck gebracht und für sie Propaganda zu machen versucht hatte. Darüber entbrannte natürlich innerhalb der Kasse großer Streit, der sich in zwei Generalversammlungen, in denen . es sich um die Arztwahl für 1895 handelte, anstobte. Die in beiden! Versammlungen gefaßten Beschlüsse wurden vom hiesigen Magistrat als > ungesetzlich aufgehoben. Die dritte Generalversammlung leitete als Magistratsvertreter der Bürgermeister Lemcke. In ihr unterlag der | antisemitische Arzt mit etwa 40 Stimmen Minorität. Jetzt bezichtigt! die hiesige antisemitische Presse den Magistrat ungehöriger Parteilichkeit,! weil er die ihm zustehenden 48 Stimmen durch seinen Vertreter gegen! den Antisemiten habe abgeben lassen. Diese Beschuldigung ist nach Lage der Sache so unsinnig wie nur möglich, um so fleißiger wird sie von den Antisemiten kolportirt mf. Wiesbaden, 17. März. Der 24. Jahresbericht unseres j Jsraelitischen Unterstützungsvereins macht die erfreuliche Mit-! theilung, daß nach den übereinstimmenden Aussagen unserer Mitglieder! der Hausbettel bis auf ein Minimum verschwunden ist. Auch dies! würde aufhören, wenn sich unsere Freunde entschließen könnten, grund-! sätzlich jeden Anspruch an uns zu verweisen. Im Büreau des Unterj siützungsvereins im Gemeindehause sind an durchreisenden Armen und fremden Kurgästen bis zum Schluß des abgelaufenen Jahres 1894 unterstützt worden: 1159 Personen und zwar 1072 Männer und 87 Frauen. Nach ihren Berufsarten befanden sich darunter: 274 Handelsleute, 123 Kaufleute, 31 Schneider, 10 Kellner, 60 „Gelehrte mit) Kultusbeamte", 198 gewerblose Männer, 61 gewerblose Frauen, 23 Schuhmacher, 57 Arbeiter, 72 Metzger, 21 Handelsfrauen, 6 Friseure, 19 Künstler, 18 Buchdrucker, 17 Bäcker, 9 Schreiner, 10 Sattler, 2 Bierbrauer, 9 Buchbinder, 9,Tapezierer, 3 Elektrotechniker, 4 Studenten u. f. w. 9ln baaren Unterstützungen wurden 2170 M. verausgabt, an Ausgaben für Speisen 171 M. und an Ausgaben für Eisenbahnfahrkarten 732 M. Es wurden außerdem noch 90 ausgewiesene Russen mit 343 M unterstützt. Der Armenpflege im Weichbilde unserer Stadt, wie auch im Bezirk des ehemaligen Herzogthums Nassau nimmt sich unser Verein in stets steigendem Maße an, und es ist gelungen, manche Noth zu lindern und Viele, die zum Bettelstab hätten greifen müssen, durch rechtzeitiges Eingreifen von der Landstraße zurückzuhalten. Für diese zum größten Theil „verschämten" Armen sind im Ganzen 3678 M. verausgabt worden, davon an Arme in hiesiger Stadt 2324 M., an Arme im ehemaligen Herzogthum Nassau 1162 M. Im Berichtsjahre waren die Unterstützungsvereine sämmtlicher Nachbarstädte zu einer Delegirtenversammlung nach Frankfurt a. M. eingeladen, auf Anregung des hiesigen Vereins. Herr Uhlfelder vom „Hilfsverein" in Frankfurt a. M. trat mit dem Entwurf eines Verbandsstatuts auf, dessen Tendenz in der Hauptsache darauf gerichtet ist, statistisches Material zu sammeln, das jeden Monat zur Kenntniß der Vereine gebracht werden sollte. Der Verband kam zwar zu Stande, wir zogen es indeß vor, einstweilen nicht beizutreten, da unsere Meinung dahin ging, daß der Verband in möglichst täglichen Berichten sich die Namen u. s. w. der Hilfesuchenden mittheile, um so in kurzer Zeit den Wanderbettler von dem wirklich Nothleideuden sondern zu können. — Das Bereinsvermögen betrug am 1. Januar 1895 19,371 M. in Werthpapieren, wovon ein Defizit des Berichtsjahres 1894 mit 260 M. in Abrechnung zu bringen ist. r. Augsburg, 15 März Ter dienstälteste Beamte der hiesigen Gemeinde, Herr Kantor Kohn, wurde heute nach 32jähriger Wirksamkeit zur letzten Ruhe gebettet. Jede Familie hatte ihren Vertreter geschickt, um dem beliebten Menschen und Beamten die letzte Ehre zu erweisen. Herr Rabbiner Dr. Groß schilderte in wohlthuenden Worten das segensreiche Wirken desselben in Schule und Synagoge, er rühmte dessen Wissen und seine Friedliebe. Der erste Vorstand Herr Rechtsanwalt Bauer sprach in herzwarmen Worten von seinem Beamten, wie man von einem Freunde spricht, indem er das treue Ausharren desselben schilderte bis in die von Krankheit und Kümmerniß umwölkteu Greisenjahre. Der Kollege des Verstorbenen mußte mit Rücksicht auf die Ungunst äußerer Verhältnisse von einer Ansprache Umgang nehmen. Der Verstorbene entstammte einer alten Kantorenfamilie und gehörte noch zu den wenigen Vertretern dieses Standes, welche als Kantoren auch den Ehasan im alten, guten Sinne nicht verleugneten. Ehre seinem Name::! Orlterreich - Ungarn. B. Budapest, 13. März. Der Kultus- und Unterrichtsminister Dr. Wlassics erklärte vor einer zu seiner Begrüßung erschienenen Abordnung der israelitischen Landeskanzlei nochmals mit Nachdruck, daß die Regierung gelegentlich der am 15. d. M. beginnenden Verhandlung des Rezeptionsgesetzentwurfes der Opposition gar keine Konzessionen zu machen geneigt sei und nur die unveränderte Annahme desselben fördern werde. — Der vorher genannte Minister betraute Professor Dr. Ignatz Goldzieher mit der Leitung der Studienreise der Mittelschulprofessoren nach Aegypten und gewährte dem Medaillenstecher Philipp Beck ein Stipendium von 12,000 Kronen, damit er sich in seiner Kunst bei ausländischen Meistern vervollkonnnnen könne. — Der Voranschlag der Pester israelitischen Religionsgemeinde für das laufende Jahr beträgt 730,208 Kronen, wovon 320,000 Kronen für Kultuszwecke, 230,000 Kronen für Wohlthätigkeitsinstitute und 100,000 Kronen für Unterrichtszwecke entfallen. — Am 2. d. M wurde die Vorlesungsserie des ungarischen jüdischen Litteraturvereins mit dem Vorträge des Rabbiners Dr. Samuel Kohn über „Jüdische Alterthümer in Ungarn" eröffnet. — Aus dem Nachlasse des Adolf Machlup wurden 50,000 Kronen verschiedenen Wohlthätigkeitsinstituten gewidmet.