Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-22 · Heft 12 (22.3.1895) · p. Seite 144

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
Seite 144 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228107--51623-3272378
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

144 „Darauf kann ich nur antworten —" lachte der dicke Herr mit Limite und als ob er alle Beklommenheit tvieder abgeschüttelt, — j>nr ordto du imifti!“ „Ach. gehen Sie nur mit allen Muftis! Solche geheime Gewalten erkennen wir nicht an! . . . Um Bergebung: ist X. auch das Ziel Ihrer Reise'" „Ja. ich lebe dort schon seit drei Jahren." „Ich auch, bereits seit fünf Jahren. Die Stadt ist zwar groß, doch wnndert's mich, daß mir uns noch nicht begegnet sind." Mein zurückgezogenes Leben mag es verschulden. Haus, Garten Bacher und Studien absorbiren auch ganz." „Ich aber stehe mitten drin im Leben! Nicht allein meines Amtes wegen, das, vorzüglich jetzt zur Zeit, einen tüchtigen, streitlustigen — oder nein, sagen wir besser: vertheidigungssähigen Kämpen fordert, der Herz und Kopf ans dem rechten Flecke hat." „T mein Herr!" schaltete der Andere hier mit warmer Ueberzeugnng ein. „an Herz und Kopf fehlt'* bei Ihnen nicht! Das lese ich Ihnen vom Gesicht herunter: Siegehören 311 den Wackern! Besuchen Sie uns. . . Ihre botanischen Studien, Ihr Garten, Ihre Blumen in allen Ehren! Aber — Tie werden sich überzeugen: Ihre Gartensprößlinge wiegen meine menschlichen Pflänzchen doch nicht auf/' „Großen Tank der freundlichen Einladung! Warum sollte ich Sie nicht besuchen'? Gern, gern!" sprach der Andere in herzlichem Tone, „man ist in £ so wie so übel daran! Mit wem soll man verkehren? Alles ist jetzt bei uns Partei-Coterie! Auch in das gesellschaftliche Leben drängen sich die Kontraste! der Ton ist gar so kriegerisch gestimmt! Und das widerstrebt meiner Natur." „Sie haben ja ganz Recht — wenn Gefahren drohen, soll man vertheidiglmgsfähig sein — und Sie haben mir ja gesagt: daß Ihre Stellung Sie exponirt. Aber sehen Sie, mein Herr, mir sind eben verschieden geartet, mein Amt ist jedenfalls ein ganz anderes als das Ihrige.ich bin zudem eine der passiven Naturen, die sich gern in* eigene Schneckenhaus zurück ziehen, daran gewöhnt: daß ihnen die Parole gegeben wird." „Wie mir uns da hübsch ergänzen!" sprach in heiterster Stinnnnng der Hagere, „matt ist immer froh, wieder einen Menschen entdeckt zu haben, der uns sytnpathisch ist. Ich führ' stets solch heitnliche Tiogeneslatertte bei mir." „Und wie mir scheittt — auch eine Streitaxt!" scherzte seitlBegleiter. „Glauben Sie tticht etwa, daß ich zu den Streitfexen gehöre! Ich halte mir diese nur energisch vom Halse! Sonst steht mein ganzes Haus — meine gattze Familie — mein eigenes Leben unter dem Zeichen des Friedenssternes! Eoneordia heißt atrch die Glocke, an deren Ton wir Alle gestimmt sittd, ich hoffe, Sie werden sich selbst überzeugen.ich halte es mit dein alten Attinghausen: seid einig — einig — einig!" „Dazu sage ich Amen!" nickte wohlgefällig der Andere und faltete behaglich die wohlgepflegten Hände über dem bieten Bäuchlein. Unter solchen und ühnlichett Gesprächen war man X. nahe gekommen. Der glückliche Papa von neun Sprößlingen hatte seinem Hagestolzen Gefährten schließlich noch zngeschworen: „Wir verheirathen Sie auch, denn es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei!" — wobei cs dem dicken Herrn allerdings wie ein Schauer durch alle Glieder ging. Tie Lichter der Stadt und Borstädte leuchtetet! bereits von fern, der Zug näherte sich der ilttposanten Bahnhofshalle. Tie beiden Reisegefährten hattet! so recht Geschmack an einander gefunden. — freundschaftlich war man sich näher getreten. Jeder branttte nun darauf, auch das Letzte, das Wichtigste zu erfahren: den Namen, die bürgerliche Stellnttg des neu gewonnenen Freundes. Als der grelle Pfiff des Zugführers die glückliche Ankunft in der Heimath gemeldet, erhoben sich die Herrn ü teinpo — verbeugten sich ceremoniell vor einander, und der Ticke sagte: „Man muß sich doch ettdlich vorstellen. Mein Natne ist 9t., ich | bin der katholische Pfarrer von Sankt Mariä!"! Lächelnd eriuieberte der Hagere: „Sieh da! Mein Name ist B.. ich bin der Rabbiner unserer neuen Synagoge." . . . Was werden sie nun beginnen?! Hoffet! wir, daß ihren! freundschaftlichett Berkehr nichts störend! dazwischen tritt! Denn, wie sagt der alte Attinghausen? Seid l einig — einig — einig! Litterarische Mittheilungen. Sacher-Masoch, der kürzlich dahingeschieden, war stolz darauf, wenn ihm mitgetheilt wurde, daß ein Leser seiner galizischen Juden- , geschichtet! ihn selbst für einen Juden gehalten habe. Auch Dr. Goldschmidt,; der Rabbiner der Gemeinde Leipzig, wo sich Sacher-Masoch im Anfang der achtziger Jahre niederließ, wollte anfänglich nicht glauben, j daß der Verfasser von „Pintschew und Mintschew" kein Glaubensj genösse sei, da diese Skizze nur von einem Kenner talmudischer Dialektik I geschrieben werden konnte. Gern erzählte der nunmehr verstorbene! Dichter, der vielfach unüs Brod hat schreiben müssen und dessen Fehler! allgemeiner bekannt worden sind als sein weiches, zartes Gemüth, wie! er sich seine genaue Kenntnis; des jüdischen Lebens in Galizien angeeignet j hat, deren erste litterarische Früchte u. A. in der „Revue des deux! mondes*1 erschienen sind. Sacher-Masoch hat ein Jahr als Gast bei! einem jüdischen Gutsbesitzer in Galizien verlebt, hat an seinem Tische i mit dem „Orchim" bedeckten Hauptes gebenscht und sich mit großem! Eifer in Alles vertieft, was sich auf diese Weise von der „Jüdischkeit"! lernen läßt. Der begnadete Tiefblick des Dichters hat ihn hierbei? erfolgreich unterstützt, wie sein „Jüdisches Leben in Wort und! Bild" beweist, das einige Perlen aufzeigt, die eine hohe Achtung vor dem Ringen und dem Glauben des jüdischen Volkes durchblicken lassen. Daß diese Achtung bei Sacher-Masoch nicht litterarische Phrase und Mache war, konnte Jeder erfahren, der Gelegenheit hatte, mit ihm persönlich zu verkehren. Als sich in Sachsen die antisemitische Bewegung bereits mit Macht regte, von einer Abwehrthätigkeit dagegen noch wenig zu spüren war, dokumentirte Sacher-Masoch durch gelegentliches j Auftreten in der Oeffentlichkeit, daß er mit Ueberzeugung Heldenseelen; im Judenthum stndirt und geschildert hatte. Ebenso stand er später in Hessen für uns auf den Schanzen. Eine interessante Thatsache ist, daß Sacher-Masoch, als er in Leipzig seine Zeitschrift „Auf der Höhe"! herausgab, bei seinen philosemitischen Detuonstrationen einen Schildknappen hatte, den damals Niemand genauer kannte und der auch mit seiner persönlichen Atthänglichkeit an den idealistisch empfindenden Sacher-Masoch wohl hauptsächlich das Ziel verfolgte, dadurch Fühlung mit der Oeffentlichkeit zu gewinnen, es war der jetzige antisemitische Neichstagsabgeordnete Zimmermann. Anläßlich des 25 jährigen Schriftstellerjubiläums von Sacher-Masoch, das gerade Zimmermann mit I organisiren hals, weil er die bedrängte Lage des Dichters kannte, der! von Wien nach Leipzig übergesiedelt war und große Mühen in seinem j Haushalt hatte, für dessen Ordnung Niemand Sorge trug, erhielt! Sacher-Masoch ein Ehrengeschenk aus Frankfurt a. M. von Rothschild, l unter den Gratulanten befanden sich auch die jüdische Gemeinde Leipzig j eine Adresse der Gemeinde Magdeburg u. s. w. Auch später hat dieser j in seinem Familienleben und auch sonst, worauf auch die Krankheit j hindeutet, der er erlegen ist, schwer heimgesuchte Dichter die Erfahrung! gemacht, daß unter allen Typen, die er geschildert, eines am ehesten l die Tugend der Dankbarkeit besitzt, das Judenthum. Einige seiner i Schöpfungen, wie „Das Vermächtniß Kains" „Der Judenraphael" und j die meisten seiner ethisch werthvollen Ghettoskizzen werden Sacher-! Masoch's Namen auch späteren Geschlechtern überliefern, wenn das I Perverse, das einem Theile seines litterarischen Schaffens anhaftete, längst : vergessen ist. M. Friedeberg. i Druck uno Verlag von Rudolf Messe in Berlin.! Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwih in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.