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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-22 · Heft 12 (22.3.1895) · p. Seite 143

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
Seite 143 (sequence 11)
Language
German
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Der Größere hatte das Ansehen eines gut genährten, sich des besten Wohlseins erfreuenden, behäbigen Kleinbürgers. Das glatt rasirte, etwas speckige Antlitz, die vollen, lebhaft gerötheten Wangen, seine üppigen, kirschfarbenen Lippen, um welche ein so herzlich gntmüthiges, freundliches Lächeln spielte, auch der Blick der offenen, treuherzigen Augen, sowie der kleine verstohlene Schalk in dem Grübchen des Kinns, kündeten einen sich mit seinem Erdenschicksal ganz wohl vertragenden, zufriedenen Menschen an. Der Andere, Kleinere, sah durchgeistigter aus. Knochiger von Figur, fleischloser, das Antlitz von Falten der Sorge oder des Nachdenkens durchflrrcht, orientalischer Schnitt des Profils, — aber auch er, durch den nrilden Allsdruck von Menschenfreundlichkeit in den Zügen und der Wahrheit im offenen Blicke allsgezeichnet, glich seinem Reisegefährten. Beide Herren begrüßten sich artig und rnachten sich's, vis-ä-vis von einander, jeder in seiner Ecke, bequem. . . . Plötzlich entstand Lärm auf dem Fahrsteige des Bahnhofes. Eine lallte, wehklagende Stimme ließ sich durchdringend vernehmen — Schelten der Beamten, — Gelächter der Umstehenden: ein altes, korpulentes Bauernweib, welches jammerte, ihr Billet eben im Gedränge verloren zu haben, verursachte den Tumult. Sie zeterte lmd weinte abwechselnd, denn die Schaffner wollten sie pflichtschuldigst am Einsteigeil verhindern. „Jesus Maria! Sein's doch vernünftig, werd' Euch doch nich' zwee Mal zahlen!" eiferte sie. „Dann konrmen Sie nicht mit!" wurde ihr wieder von den Beamten bedeutet. „Kehrt mer die Taschen rund um," helllte die Alte wieder, „Hab' doch keinen Böhm mehr! Keinen Batzen mehr bei mir! Bin arm wie'n Kirchenmäusel!" Ans allen Wagenfenstern schauten sie und lachten. „Na, Dickerchen!" witzelte ein junger Naseweis aus einem Coupe erster Klasse, „das Mäusel ist gut geinüstet!" „Hahahaha!" wurde sein Einfall belacht. „Ja, ja!" sagte jetzt kopfschüttelnd der hagere Herr, halb zu sich selbst, halb zu seinem vis-a-vis, „so sind sie! Spottlust und Uebermnth zu Genüge. . . . Helfen will Keiner!" „Werden Sie nun die zwei Mark bezahlen, oder hier bleiben?" schnarrte jetzt der dienstthuende Schaffner im Kommandoton, noch immer die Klinke der Wagenthür! in der Hand und die Bärrerin am Einsteigen verhindernd. „Schrei Du und der Deibel!" antwortete ihm das erregte Weib, „woher nehm' ich's und stibitze nich! Und ich muß doch nach X. zu mein' Döchterken! Das arme Weib hat schon in die dreizehnte Woche ihr Kindbettfieber!" Wieder ein schallendes Gelächter der Zuschauer. „Will Einer der Alten anshelfen?" rief jetzt der Schaffner, halb belustigt, halb ungeduldig werdend und schaute Prüfenden Blickes die Wagenreihe eutlarrg. Die Alte erhob flehend die Hände, seine Fürbitte zu bekräftigen. Jetz aber — war plötzlich Alles verstummt. Der Witz verließ die Witzigsten, angesichts einer Forderung der Wohlthätigkeit. „Sie haben Recht!" ließ sich jetzt der dicke Herr aus der Ecke des Coupes heraus veruehmerr und nickte dem hageren Reisegefährten zu, „heimliche Wohlthaten, die Niemand kennen lernt und von denen nicht gesprochen wird, die nicht öffentlich registrirt sind — beliebt man wenig! So im Dunkeln steckt Keiner die nrildthätige Hand alls." Dabei zog er aber seine Börse — mrd o Wunder! a tempo hatte auch bereits der Andere die seine herausgezogen. „Wir hatten einen Gedanken!" lachte er, der Hagere, „Sie sehen: les beaux esprits se rencontrent!" „Getheilte Arbeit, halbe Arbeit!" meinte der Korpulente, „so kommt auf Jeden von uns eine Mark. Schaffner — hier!" Der Gerufene nahte. Die Herren händigten dem Beamten die beiden Geldstücke ein. „Na!" dankte dieser mit zustimmendem Kopfnicken, „in dem lange Schnellzuge doch wenigstens zwei Barmherzige. . .. Hier, Alte, seht! Euer Glück! Und nun vorwärts ins Coupe, ich werde Euch das Billet besorgen! Beacht den Herren hier zuvor Eure Reverenz!" Die Alte humpelte erst schnell an das bezeichnete Coupe der beiden Reisenden, wandte sich aber direkt an den Dicken und rief rnit lanthin schallender Stimme: „Ach, mein guter, wackerer Herr, das war lobenswert!)! Gotteslohn über Euch! Möge es an Euren Kindern und Kindeskindern vergolten werden!" — Und nun noch eine halbe Minute, — der Zug setzte sich in Bewegung. „Den Dank, Dame, begehr' ich nicht!" lachte jetzt der von der Bäuerin Belobte rnit jovialer Laune, „denn ich habe weder Kinder noch Kindeskinder zu erwarten, ich bin Gar^on." „Nnrr, dann acceptire ich ihren Dank ... ich bin Bater von neun Sprößlingen," entgegnete ihm der hagere Herr, „ich kann den Gotteslohn brauchen." „Neun Kinder!" rviederholte der Andere, „welch' ein Segen!" „Aber auch welche Sorgen!" „Wenn auch — solch' glücklicher Bater weiß rvenigstens. für was er sorgt — lebt und schafft!" „Man hat seine liebe Noth! Kindererziehnng schasst Plage! und wenn man dabei ein verantwortungsvolles Amt hat - giebt's saure Tage!" „Ach was!" scherzte in mnnterm Tone der Reisegefährte, „saure Tage — frohe Feste! es muß doch eine rechte Freude gewähren, das Wachsthum, die Entwickelung, das Gedeihen solcher Fannliensprößliuge zu beobachten und 31t überwachen." „Na, vielleicht schenkt Ihnen der Himmel auch diese Freude. In Ihrem Alter ist man nicht gerade zum Cötibat verdalumt." „Das Alter hinderte allerdings nicht." lächelte der Dicke etwas verlegen, „indes; ich muß schon auf Familienglnek verzichten . . . - dafür bin ich Landwirt!). Ich besitze einen kleinen Gartens, den ich hege und Pflege, meine Bäume, meine Blumen sind meine Kinder! Jedes kleine Pflänzchen ist mir aus Herz gewachsen." „Gewiß! wenn Einer nur ein Herz hat, so geht er nicht frendlos durch's Leben! Die Liebe findet immer etwas, an das sie sich festklammert." „Aber man kann die Menschen doch nur schwer entbehren!" „Und Sie sollten keine Freunde finden? Fühlt man's bei Ihnen doch gleich — wie gern Sie sich anschließen! Sie sind nicht zum Einsiedler geboren." „Wenn man nicht zuweilen doch zur Bereinsammig verdammt wäre!" seufzte der Andere, „manches thnn nnd manches lassen müßte, was Einem nicht so recht behagt!" „Ach bah! mev kann im* zwingen! Wo ist die Macht, die einen Menschen zwingen mill, gegen seine Ueberzengung, ja selbst gegen sein Wohlbehagen zu existiren! Sie scheinen ein wenig reservirt — wollen sich nicht recht äußern, aber ich frage doch: warum auf erlaubte Lebensfreuden verzichten?"

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