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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-22 · Heft 12 (22.3.1895) · p. Seite 141

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
Seite 141 (sequence 9)
Language
German
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111 entstanden, wohl aber trat Bernstein, als er bereits zu einem Versuch in der Ghetto-Novelle entschlossen war, bei der Abfassung der ersten ihre Gestalt besonders lebhaft vor die Augen. Wichtiger aber ist der verinnerlichende, sein Gemüth anfrührende Einfluß, den der Verlust der trefflichen Frau auf ihn geübt. Aber dieser Verlust hatte auch eine andere Wirkung, die ihn zu Schilderungen aus dem Leben seiner Jugend besonders befähigte: der vereinsamte Mann verkehrte, seit er sein edles, treffliches „Linchen" verloren, noch intimer als sonst mit einigen Freunden, die ihm, wie der Verblichenen bereits lange nahe gestanden. Es war dies der Sekretär der Berliner jüdischen Gemeinde, Herr Philipp Wertheim, und dessen Schwager, der seither verstorbene Sanitätsrath Dr. Goldbauin. Beide Männer stammten, gleich Bernstein, aus dem Osten und hatten ihre Jugend unter ähnlichen Eindrücken verlebt. Bei Tage war Bernstein der Berliner Redakteur, der Naturforscher; des Abends, in ihrem Kreise, war vorwiegend von de» Studien und Gestalten ihrer Jugend die Rede. Lebhafter als seit vielen Jahren kehrten Bernsteins Erinnerungen iit die entschwundene Zeit zurück; in diesem Kreis konnte er ans volles Berstäudniß rechnen, wenn er seinen Lieblingsvers: „Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtiglich nebeneinander wohnen" (Ps. 133, V. 1), mit dem echten Tonfall austimmte, oder die schwierige Frage: „Warum geht der Floh schwarz?" mit allem Aufgebot talinudischer Dialektik und den dazu gehörigen Gesten löste. Es >var ein förmliches Schwelgen in gleichsam neu gewonnenen Schätzen — wie konnte er da wieder jung und fröhlich sein! Von Wertheim aber ging auch der äußere Anstoß aus, der Bernstein zum Schreiben brachte. Er hatte 185(1 jenen Kalender begründet , die kurz zuvor erfolgte Reorganisation der jüdischen Gemeinde - Verfassungen in Preußen machte ein solches Organ zuin Bedürfniß. Der erste Band hatte nur Abhaiidliingeii und Amtliches enthalten, für den zweiten wünschte der Verleger berühmte Autornamen und eine Erzählung zu gewinnen. Wertheim bat Bernstein um einen Beitrag und zwar irgend einen Essay; dieser sicherte einen solchen „zur Statistik der Juden in Preußen" zu; daß Bernstein die Novelle schreiben sollte, fiel weder ihm noch dem Herausgeber bei, die sollte D. Honigmann in Breslau liefern, ein Beiden befreundeter Schriftsteller, den sie — ich weiß nicht warum — „Süßkind" zu nennen pflegten. Zu Pfingsten 1857, wo der erste Theil des Kalenders bereits im Druck war, hatte denn arich der brave „Süßkind" seine Novelle geliefert, aber Bernstein den statistischen Aufsatz noch nicht. Und da nun diese Novelle zudem dem Herausgeber gar nicht gefiel, so feierte er das „liebliche Fest" beklommeneil Herzens, da ja der Preßbengel hinter ihin herkeuchte. Er ging am Pfingstsonntag zu Bernstein, um den Essay eiuzufordern, und nahm auch Honigmanns Manuskript mit, um Bernsteins Rath einzuholen, ob es nicht doch druckbar sei. Bernstein las und meinte: „Nein!" ... Er erörterte die Schwächen der Arbeit und fügte bei: „Ich habe ja keine Zeit, keinen Stoff, denke auch gar nicht daran, aber wenn ich die Zeit und den Stoff hätte, ich würde unserm Süßkind zeigen, wie man eine solche Novelle schreibt." Der Herausgeber in Nöthen horchte hoch auf. Allerdings war er ja nur um den statistischen Aufsatz gekommen, aber warum sollte Bernstein nicht eine Novelle schreiben können? Er hatte ja einst, in seiner Jugend, Novellen erscheinen lassen und kannte dies Leben wie selten Einer. Er begann zu bitten: Die Zeit? — so ein Aufsatz mit so vielen Ziffern kostet ja auch Zeit! Und der Stoff? da werde er doch wahrlich nicht verlegen sein; wenn ec nur anfschreibeu wolle, was er so zuweilen erzähle. . . „Nein, nein," sagte Bernstein entschieden; „im Ernst ist nicht daran zu denken." Und Wertheim ging betrübt von dannen. Drei Tage später waren Dr. Goldbaum und ec bei deui Bruder Bernsteins, einem Lokomotiv-Führer, der in der Nähe des Halleschcn Thores wohnte, zu einer Beschneidnngs-Feier geladen. Als die beiden Schlväger selbander von Ost nach West wanderte», und Wertheim Goldbaum seine Noth mit den Manuskripten klagte, sagte dieser mit vielsagendem Lächeln: „Dir wird geholfen werden!" Und dann fügte er bei, Bernstein habe ihm zwar Schweigen aufgetrageu, werde aber über den Verrath wohl nicht allzu böse sein: er (Bernstein) habe sich, wie er ihm gestanden, noch am Sonntag, nachdem Wertheim gegangen, an den Schreibtisch gesetzt und ein Stück einer Novelle geschrieben. Wertheiin horchte hoch auf. „Eine Novelle?" Als er bei der Feier Bernsteins ansichtig wurde, zog er ihn in eine Ecke. Ob cs wahr sei? „Ja," erwiederte Bernstein. „Aber ob cS was taugt? Und ob ich's fertig schreibe?" Aber Wertheim ließ sich seine Freude nicht trüben. Und das Eisen mußte geschmiedet werden, so lange es heiß war. Zudem war ja keine Zeit zu verlieren; irgend ein Manuskript mußte morgen in die Sittenfeld'sche Druckerei. Und so erkürte er dem Freunde am Schluß der Feier mit dem Muth der Verzweiflung: nun begleite er ihn nach Hanse und wolle sehen, >vas es denn sei. Bernstein willigte lachend ein. „Aber es nützt Ihnen nichts!" meinte er. Nun, es hat Wertheim doch genützt. Viel lag noch nicht vor: die Einleituirg über den Ruhm der Fordoner „K'hilla" und das Gespräch zwischen dem Zempelburger und dem Kosminer. Aber cs genügte, um diesen Kenner sofort wissen zu lassen, von tvclchem Werth das Begonnene sei. Namentlich habe ihn — erzählte mir Herr Wertheim, und dieser eine Zug wird genügen, zu erweise», wie sachverständig dieser erste Kritiker der Novelle war — die Ungezwungenheit des Ausdrucks entzückt: ihm se> zu Math gewesen, als erzähle ihm Bernstein wieder einmal etwas, so groß sei die Uebereinstimmung zwischen dem mündlichen und schriftlichen Stil gewesen. Und eben daraus habe er auch die Hoffnung gesogen, das; Bernstein die Geschichte fertig schreiben werde, sofern er nur wolle. Das hieß aber in diesem Falle: sofern man einen heilsamen Zwang auf ihn übte. Und so erklärte er Bernstein, dies Manuskript nehme er mit, gebe es morgen in die Druckerei, iverde die Fortsetzung täglich abholen lassen und erwarte den Schluß binnen zehn Tagen. „Was Ihnen nicht einfällt!" rief Bernstein. „In zehn Tagen?" Aber Wertheim entgegnetc nur, er erhoffe dies von Bernsteins Freundschaft und ging. Am nächsten Tage begann der Satz Niid am Abend des zehnten Tages war er beeiidet. Bernstein hatte, unbeschadet seiner übrigen Arbeit, das Quantum Manuskript, das nöthig war, um den Satz nicht zu unterbrechen, täglich pünktlich abgeliefert. „Wie ist es geworden?" fragte er seinen Freund. „Ist es wirklich gut? Ich kann's kaum glauben, obwohl ich eigentlich mit mir zufrieden bin. In diesein Teiiipo ist ja noch nie eine Novelle geschrieben worden!" Eine gute wahrscheinlich in der That noch niemals, da hatte Bernstein recht. Es sind in der ersten Fassung über 5000 Druckzeilen gewöhnlicher Romanansstattnng. Das erste Stück abgerechnet.

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