Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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140 gebunden. Hirsch ist allerdings mit seinem Anträge bei der Synodi nur soweit gegangen, daß er forderte, die Spnode möge erklären, daß, wenn eine jüdische Gemeinde den Sabbath am Sonntag feiern wolle, sie nicht aufhöre, dem Judenthum anzngehören. Schon bei Beginn seiner amtlichen Thätigkeit in Dessau 1839 hatte er den Wunsch ausgesprochen, die Juden sollten „völlig vorurtheilsfrei lind ans wahrer Religiosität Alles aufgeben, was nicht znm Judenthum gehört und nur durch finstere Zeiten oder durch Unwissenheit sich in dasselbe einschleichen konnte; sowie Alles, was einst znm Zaun um das Gesetz gedient, heute aber den Garten selbst zerstören würde". Ich habe Ihnen hier den Kern dessen vorgetragen, loas Hirsch ans 838 eng gedruckten Seiten in seiner Religions-Philosophie entwickelt hat. Er hat aber noch ein letztes Kapitel, in welchem er ans 44 Seiten über die messianische Zeit spricht, welche herbeizuführeu eben die Bestimmung Israels ist. Ueber dasselbe Thema hat er ztvei Jahre später ztvanzig Predigten veröffentlicht, und endlich wieder, 11 Jahre später, 1854, in der Freimaurer-Loge zu Luxemburg in acht Vorträgen dieselbe Ueberzeugnng wie in seiner Religions-Philosophie und in den Predigten ausgesprochen. Diese Thatsache verdient hervorgehoben zu werden. Er war also Mitglied eines Vereins, der die Elite des Christenthums darstellen will, er, der jüdische Rabbi, und er trug ihnen jüdische Lehre vor unter dem Titel: „Die Humanität als Religion". In diesen Vorträgen sind manche Punkte besser entwickelt, sind namentlich auch die ethischen Fragen eingehend berücksichtigt. Ferner: wenn Hirsch früher eine entschiedene Abneigung gegen die litterarhistorische Kritik der biblischen Schriften kund giebt, so hat er sich jetzt mit denselben insofern ausgesöhnt, als er erklärt, sie sei für die Religio» von keinem Belang. Denn nicht darauf komme es an, von wem und wann eine Gedanke ausgesprochen sei, sondern daß solche Gedanken vorhanden sind. Dieselben bleiben nicht minder groß und wahr, als sie im Munde eines Abraham und Moses groß und wahr wären. Der Gedanke: „Du Mensch sollst ein Segen sein", wem er auch in den Mund gelegt wird, bleibt dennoch „eine Sonne für die Menschheit". So begreifen wir mm auch den wahren Sinn seines Verlangens der Emanzipation der Inden. Bruno Bauer, der bei vielen Jrrthiimern doch manches richtig sah, hatte behauptet: wie könnten die Christen die Jude» emanzipiren, bevor sie sich selbst emanzipirt haben? Dies hat Hirsch thatsächlich anerkannt, und indem er den Christen die wahre Gestalt und das wahre Leben Jesu vorführte, eine echt jüdische Gestalt und die Blnthe des jüdischen Lebens, wollte er ihnen klar machen, daß sie die Juden in einem wirklich christlichen Staate emanzipiren könnten und müßten, und daß ebenso die Loge, wenn „sie eine Verbindung zu verklärter und vollendeter Hunianität sein will", die Juden zulassen müsse. Er sagt: „Mein Werk zeigt, daß die Humanität, die vollendete Humanität, die verklärte Humanität, eben auf dem beruht, was Inden- und Christenthnm gemeinschaftlich ist; daß das Christenthinn keinen einzigen, humanen Gedanke» besitzt, dessen sich das Judenthum nicht auch rühmen darf; daß das Unterscheidende des Christenthums vom Judenthum nur das Dogma — zunächst das von der Erbsünde — und nicht die Humanität ist." Hirsch trug also keine Scheu, vor Christen zu sagen, was er den Inden sagte, und so hatte er schon seine Religions-Philosophie, wie der Titel sagt, „für Theologen aller Konfessionen" bestimmt. Nun zitire ich auch noch den Schlußsatz seiner Religions-Philosophie: „Nur wenn jeder Israels-Sohn durch sein Leben den Beweis giebt, daß der Einzelne nicht zu sündigen brauche, nur wenn er dieses als seine» israelitischen Beruf betrachtet, wird das Böse völlig vernichtet werden, und die Messias-Zeit wird eintreten", wo (wie es in den Vorträgen heißt, S. 224) „wahre Gleichheit, wirkliche Freiheit und die echte Bruderliebe unter allen Menschen herrschen wird." Ueber A. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. erwäge vor Allem, daß Bernstein seit 1839, also seit acht. <--XV|l, zehn Jahren nur noch journalistisch thätig, mit Tagesarbeit geradezu überbürdet, dichterischem Schaffen völlig entfremdet war. Da traf ihn 1854 ein Schicksalsschlag, der ihn auf's Tiefste erschütterte und sein Gemüthsleben ansrüttelte: der Tod seiner ersten Gattin. Er trauerte ihr schmerzlich nach, wurde weicher als bis dahin und begann wieder viel der Vergangenheit zu gedenken. Dies schmerzvolle Erlebniß ist für unser» Zweck nicht ohne Wichtigkeit, weil der Schmerz gleichsanr der Spate» war, der sein Gemüth auslockerte, so daß er den Keim der Dichtung wieder und zwar tiefer in sich aufnehmen konnte, als je vorher. Hingegen ist diesem Erlebniß jene Bedeutung für die Entstehungsgeschichte der beiden Novellen, die ihm eine Familienüberliefernng sichern will, nicht zuzuschreiben. Die in Brannschweig lebende Tochter des Dichters hatte nämlich die Freundlichkeit, mir auf meine Bitte um Mittheilnngen hierüber die folgende zngehen zu lasse» : „lieber die innere Entstehungsgeschichte der beiden Novellen ist mir in großen Zügen, d. h. aus späteren Erzählungen der nahen Freunde und Aeußerungen des Vaters, das Folgende bekannt geworden: Vom Jahre 1854, wo meine Mutter starb, bis zum Sommer 1857 lebte der Vater in trostlosem Trübsinn, dann gelang es den Freunden Lewald, ihn zu bewegen, nach Bonn zu reisen, wo der alte Präsident der Seehandlung, Bloch, lebte. Dieser hatte geschrieben, daß E. M. Arndt den Wunsch ausgesprochen habe, den Papa kennen zu lernen. Und diese Reise wurde zur Rettung für den Seeleuzustand des Vaters; er wurde in der Zeit dieses Sommeraufenthalts zusehends gesunder an Leib und Seele und nahm mehr Theil am Leben und Treiben der Menschen. Im Winter darauf trieb es ihn dann, die beiden Novellen zu schreiben und so der Verstorbenen ein Denkmal zu setzen." So fest ich vom guten Glauben der geehrten Mittheilerin überzeugt war (und bin), so hielt ich mich schon ans dem Grunde für verpflichtet, den Sachverhalt klar zu stellen, weil sie ja, damals noch sehr jung, nicht aus eigener Wahrnehmung berichten konnte, und ferner, weil mir öie Erzählung zu poetisch, zu legendenhaft klang. In der That ist mir diese Klarstellung heute noch, wenn auch mit Mühe, gelungen; ein Biograph, der einige Jahre später gekommen wäre, hätte keinen Zeugen mehr gefunden. Die Wahrheit also ist: Bernstein trauerte der Verlorenen schmerzvoll nach, ihr Tod wirkte auf ihn, wie oben gesagt, aber i» trostlosem Triibsinn lebte der tüchtige, stets seiner Pflichten bewußte Mann nicht dahin. Die Reise nach Bonn wirkte auffrischend auf ihn, aber zur Rettung für seinen Seelenzustand wurde sie nicht, auch ivar er einer solchen Rettung zum Glück keineswegs bedürftig. Mit den beiden Novellen vollends hat diese Reise auch nicht das Allergeringste zu schaffen. „Vögele der Maggid" wurde vor dieser Reise, im Frühling 1857, geschrieben und gedruckt, im Winter 1857 auf 1858 schrieb er überhaupt nichts Dichterisches, hingegen entstand im Frühling 1858 „Mendel Gibbor". Aus dem inneren Drange, der Verstorbenen ein Denkmal zu setzen, sind beide Novellen nicht