Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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139 selbst trüge linb solcher Stütze» bedürfte. Selbst wenn wir solche Wunder sähen, würde» sie nichts beweisen; nun ober werden die Wunder als vor Tausenden von Jahren geschehen nur erzählt, und wir sollten glauben! Nein, sagt Hirsch, ohne Verstand hat der Jude auch keinen Glauben. Und hier kommt nun schon die Bestimmung Israels für die Welt in Betracht. Der Segen Abrahams, der Gott gesucht und gefunden hatte, sollte von Israel für alle Völker werde», sie alle sollten zu Gott kommen. Zunächst aber sollte Israel, das in Aegypten von der Wahrheit, in der seine Ur- Bäter lebten, abgefallen war, zu Gott zurückgeführt werden. Das konme nur dadurch geschehen, daß Gott vor aller Augen die Naturkräfte, welche eben die Heiden als Götter anbetete», vernichtete, also zeigte, daß die Natur nicht Herr sei, den Menschen zu nichts zwingen könne. Diese Wunder hat Gott vorausgesehen und von Anfang an bestimmt; er thut dieselben aber nicht mehr, weil sie ihre Früchte getragen haben. Der wunderbaren heiligen Geschichte verdanken wir dieses Wissen, daß wir uns von der Natürlichkeit nicht beherrschen lassen sollen, daß die Natur nicht Gott sei. Stellen aus Talmud und Midrasch stützen diese Ansicht. Den eigentlichen Beweis aber für dieselbe giebt Hirsch, indem er die Wunder beim Auszuge aus Aegypten als ein System von Wundern darstellt, welche die Nichtigkeit der ägyptische» Götter allseitig zeige». Im letzten Wunder, im Untergang des aegyptischen Heeres im rothe» Meere, sah Israel den Genius Aegyptens, das aegyptische Heidenthum im Ganzen vernichtet, wie der Midrasch andeutet, aus dem Hirsch auch andere Stellen citirt, um seine Ansicht über die Plagen als im Wesentlichen schon altjüdisch zu erweisen. An die Wunder der That schließt sich das Wunder des Wortes, die Prophetie. Die Wunder sollten erziehen, zu Gott leiten; sie sind aber stumm und sprechen nicht klar aus, was sie wollen. Dies thut die Prophetie. Sie ist „die Stimme des reinen Herzens, das aufrichtige Suchen nach Wahrheit, welches den Menschen belehrt, daß von Zufall zu reden gedankenlos ist", „daß jedes Ereigniß nur als Mittel dienen soll, durch welches Gott Israel zur Freiheit erziehen will", durch Israel aber alle Völker der Erde, und daß dieses Volk „nur für diese ideale Bestimmung da sei", darin einzig und allein Israels Beruf bestehe. Das war das Wunder der Propheten, daß sie die ideale Zukunft zunächst ihres Volkes, sodann der Menschheit nicht nur Jahrtausende voraus, sondern sogar unter äußern und geschichtlichen Verhältnissen verkündeten, ivelche die Verwirklichung ihrer Hoffnungen und Verheißungen völlig unmöglich zu machen schienen. Welcher Staatsmann, welcher Philosoph oder Dichter irgend eines anderen Volkes hätte in ähnlicher Weise die Bestimmung und Zukunft seines Volkes vorausgesagt? Wenn die Völker tobt sind, wenn sie ihren Beruf erfüllt haben, dann wissen die Nachkommen, was sie ihnen verdanken: den Griechen Kunst und Wissenschaft, den Römern das Recht u. s. w. Die Offenbarung auf dem Sinai aber ist die Einheit von Wunder und Prophetie; sie gab das Prinzip und die Deutung aller Wunder und aller Prophetie. Sie lautete: „Ich bin der Herr über Alles, der sich um alles Irdische bekümmert, der aber vor Allem dein Gott sein will; denn dich habe ich hierzu aus Aegypten geführt, daß du von jetzt an nicht inehr Sklave von irgend etwas feiest. Du sollst nur mich als Gott verehren; denn in mir allein ist Freiheit." Hirsch zieht das Christenthnm in die Geschichte des Judenthums; er zeigt dasselbe, wie es anfänglich mit dem Judenthum einig war, dann die Kirche sich ihm entgegensetzte, und spricht drittens auch von dessen welthistorischem Beruf. Letzterer geht dahin: der Gedanke des Judeulhums, daß der Mensch frei sei, sich auf Erden frei zu machen habe, sollte zur geeigneten Zeit auch das Eigenthum der Welt werden — auch die Heiden sollten dies erkennen. — Näher gehe ich auf dieses Kapitel über das Christenthum, welches mehr als 200 Seiten füllt, nicht ein. Nur dies darf nicht unerwähnt bleiben, daß Hirsch zwischen christlicher Kirche und Jesus scharf unterscheidet. Die christliche Kirche stützt sich aus Paulus; in Jesus aber sah Hirsch den Juden, der, nachdem in einer traurigen Restaurationszeit, wie er die Zeit »ach Esra nennt, die Idee des Judenthums verdunkelt war, diese Idee wiederum erkannte und in voller Tiefe und Reinheit in seinem persönlichen Leben darstellte. Doch dies bleibe kurz angedeutet. Wir haben noch zu sehen, wie sich dieser, man muß wohl sagen, gläubige Rabbiner Hirsch zur Reform verhält. Diese Reform kann sich nicht auf de» eigentlichen Gedanken des Judeulhums von der Gottebenbildlichkeit oder Freiheit im irdischen Schaffen erstrecke», sondern nur auf das Ceremonial-Gesetz. Es ist „der symbolische Ausdruck für Israels besondere» Volksberuf. Jude und Nichtjude stehen für die Erfüllung der allgemein menschlichen, sagen wir die »oachidischen, Gebote ganz gleich; dem Jude» sind aber außerdem Ceremonien geboten, die ihn stets daran erinnern sollen, was ihni für sich und für Andere zu thun geboten ist, welche besondere Bestimmung Israel habe. Der Kultus überhaupt aber für alle Völker ist die sinnbildliche Darstellung und Vergegenwärtigung der Idee, die immer in uns leben soll, die Idee der Menschheit. Was der Jude in der Geschichte des Volkes Israels sieht, sieht der Christ in der Lebensgeschichte Jesu: darum laufe» ihre Feste einander parallel. Was und wie nun der Mensch in seiner Freiheit schafft — Eott nützlich zu sei», ihm zu dienen, vermag er nie und niemals, und mit nichts, also nicht mit irgend welchen Ceremonien, noch auch mit Wohlthätigkeit und Allem, was wir Tugend nennen. Nur dies könnte man sagen: man erfreue Gott, wen» wir uns seiner Gnade und Liebe würdig zeigen, wenn wir sündlos sind, wie es jedem Menschen möglich und geboten ist. Der Kultus ist nur für den Menschen selbst; ihm soll er eine Mahnung sein. Es ist also für die Frage nach der Wichtigkeit einer Ceremonie ganz gleichgiltig, ob sie im Pentateuch oder im Talmud verordnet ist; ihr Werth hängt von ihrer Bedeutung ab, aber nicht von dem Ort, wo ihre Vorschrift gegeben ist. Folglich ist jede Ceremonie, ausnahmslos, auch von den Umständen abhängig, unter denen Israel lebt. Und die Umstände sind doch heute andere,- als vor zwei- und dreitausend Jahren. Folglich sind die Ceremonien nicht entwickelungsfähig, aber sie können umgestaltet werden. Nlin ein Beispiel. Hirsch hat zwar, wie schon gesagt, diesen Theil seines Systems, der die Ceremonien behandelt, nicht vusgeführt. Es unterliegt aber keineni Zweifel, nach Andeutung seiner Predigten, wie nach dem Schluß, den wir aus seinem Prinzip ziehe» können, daß von allen Ceremonien der Sabbath die höchste Stelle einnimmt; und zwar ist es die Ruhe, das Ablässe» von der Arbeit, worin dessen Wese» liegt. Der Sabbath soll uns daran erinnern, daß wir in jeder Arbeit frei sein, unsere Menschenwürde darstellen sollen, daß wir Herren unserer Arbeit, aber nicht Sklaven seien. Die Weihe wird ja dem Sabbath nicht fehlen; sie wird von selbst nothwendig zur Ruhe hinzukonimen, wie sie zu keiner Zeit gefehlt hat. So bestimmt Hirsch selbst de» Sabbath, ist aber der Ansicht, daß nicht nur der Arzt und jeder Staatsbeamter am Sabbath arbeiten dürfe, sondern, wenn Umstände es erheischen, so werde der Sabbath auf den Sonntag oder jeden andern Wochentag verlegt. Die Bedeutung der Sabbathceremonie muß bewahrt werden, ist aber nicht an diesen oder jenen Wochentag