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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-22 · Heft 12 (22.3.1895) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
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138 Die Emanzipation der Juden in Italien ist nicht nur auf dem Papier geblieben, sondern mit vernünftiger Konsequenz auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens durchgeführt worden. Es ist geradezu wunderbar, welch' verhältnismäßig kurzer Zeitraum genügt hat, im italienischen Volke die Erinnerung an die einstigen Borurtheile gegen das Judenthum zu verlöschen, wie sein Geist sich in den letzten Jahrzehnten so an die völlige Gleichstellung der jüdischen Mitbürger mit der übrigen Bevölkerung gewöhnt hat, daß einer antisemitischen Propaganda von vornherein ein glänzendes Fiasko vorausgesagt werden kann. Ter Grund kann doch wohl nicht allein in dein Beweis von ihrer Tüchtigkeit liegen, den die Inden ganz besonders im letzten Zeitraum geliefert haben; denn das Gleiche läßt sich von den Juden anderer Länder sagen, wo der günstige Erfolg ganz oder doch 311111 Theil ansgeblieben ist. Gin jüdischer Ueiigionsphilosoph unseres Jahrhunderts. Vortrag von Professor Dr. H. Steinthal. II. pater hat Samuel Hirsch, und darin erkenne ich einen Fortschritt, statt der Freiheit, die an sich nur negativ aussagt, die positive Seite derselben, dieHarmonie, als Grundwesen des Menschen gesetzt. Die Harmonie in dreifacher Gestalt; im einzelnen Menschen, im Menschen mit der Natur und in der Menschheit. So oft wir den Zweck unseres Lebens in die wohlihütige Arbeit setzen imb nicht in den Genuß, ordnen sich alle unsere Kräfte und Fähigkeiten, auch unsere Wunsche, unter diese eine Rücksicht lind wollen ihr dienen; wir fühlen uns m Einklang mit uns selbst, finden uns zufrieden und selig. Was uns auch sonst versagt sein mag, es gilt uns als äußerlich. Im Gefühl, daß wir unsere Schuldigkeit thun, fühlen wir uns mit uns selbst in Uebereinstimnnmg. — Ta scheint uns aber auch die Natur, der wir gar nicht befehlen wollen, entgegenzukommen, uns zu gehorchen; die Gesetze, bon denen die Natur geleitet wird, scheinen uns ewig wahr und gut; die Erde scheint nur darauf zu warten, daß der Mensch sie bearbeite. — Und drittens, wenn jeder Arensch das Seine thut, schließen sie sich alle zu einem Bunde zusammen, zu einem großen in sich harmonischen Ganzen, dessen Organe die Einzelnen sind. Diese Harmonie im Menschen und im All ist uns Gott, aber nicht so, als wäre Gott nur die im menschlichen Selbstbewnßtsein erkannte Harmonie; sondern da der Mensch abfallen kann, ohne daß dies Gott beträfe, so muß wohl Gott mich ganz unabhängig sein vom Menschen. Wir sagen vielmehr: in Gott lebt Alles, weil er alles in Harmonie schafft und den Menschen als selbstbewußte Person; er ist Schöpfer und Regierer der Welt: darum unser Aller Vater. Ich gehe nicht naher darauf ein, wie uns Hirsch die folgenden Kapitel der Bibel, die Erzählung vom Sündenfall der Menschheit erläutert, die Nichtigkeit des Bösen und die Unzerstörbarkeit des Guten erweist, und darauf das Wirken des Heidenthums und dessen sich selbst vernichtende Dialektik darlegt. Vom Fetischismus gelangt er nach Ehina. Indien, Persien, Arabien, Aegypten, Griechenland und Rom, und zeigt zuletzt, daß auch die heidnische Philosophie an den Mangeln der heidnischen Religionen leidet. Und so kommen wir sogleich zu Abraham. Abraham hat Gott erkannt, wie jeder Mensch, der Gott sucht, ihn finden kann, geleitet durch Betrachtungen über sein Schicksal, durch Alles, was ihm widersähit, es mag sein, was es will. Darum erzählt auch die Bibel gar nicht, wie Abraham, der anfänglich Heide war, zur Erkenntniß des wahren Gottes gelangt ist, zu der Erkenntnis, daß Gott nicht nur unser Schöpfer, sondern unser Vater, d. h. Erzieher und Lehrer ist. Auch der Midrasch bemerkt, daß Abraham von seinem eigenen Innern belehrt ward, wie Jeder von mls sich belehren kann und soll. Abraham war religiös vollkommen und sündlos, und zu allen Zeiten gab es. sagt der Midrasch wie der Talmud, ebenso vollkommene Menschen. Hält man Hirsch entgegen, daß dies unmöglich sei. weil der Einzelne uici)t der ganzen Gattung gleich sein könne: so erwidert er, daß freilich der Einzelne in Knust und Wissenschaft nnvollkoinmen sein müsse, nicht das ganze Wissen der Menschheit mnsaffeu könne; aber in der religiösen Gesinnung, gegen sich und gegen Gott, d. h. in der Freiheit oder Humanität könne der Einzelne allerdings vollkommen sein unb in sich die Idee der Hllmanität darstelleu. Die Religion fällt gar nicht in die Erscheinung, sagt Hirsch, sondern, wie ich hinzufügen würde, sie ist in ihrem Wesen blos ideal: sie erscheint immer nur in einer einzigen Thal, die man als solche zufällig und materiell nennen muß; aber sie ist in jeder That ganz, uud wenn der Mensch in allen Thateu seines Lebens religiös, frei, treu gegen Gott geblieben ist, so ist dieser Mensch religiös vollkommen. Bei dieser Gelegenheit beseitigt Hirsch noch andere übliche Borwürfe gegen die jüdische Religion. Daß der jüdische Gott kein abstrakt einseitiger ist, widerlegt er mit der Talmudstelle, welche besagt: Gott ist in jeder betenden Gemeinde, in jedem Gerichtskollegium, und ist auch bei Zweien, die zusammen sich vom göttlichen Wort unterhalten, und ist eublid) auch beim Einzelnen, weil an jedem Orte, wo man seines Namens gedenkt. Daß das Judenthum nicht „anßerliche Werkheiligkeit" fordere, zeigt dieselbe Talmud-Stelle, welche auch aussagt, daß dem Menschen das beabsichtigte Gute, daß er anszuführen verhindert ward, so angerechnet wird, als Hütte er e g ethan Der Nachdruck in Hirsch's Ansicht aber liegt darauf, daß jeder Mensch für jede seiner Handlungen die volle Verantwortlichkeit trage und seine Schuld niemals auf den Zwang einer Naturgewalt oder auf eine mystische Erbsünde schieben dürfe. VNEn bl? *12 1 Du allein und selbst bist schuld. Hirsch verfolgt nun die Erzählung der Bibel von Abrahams Leben durch alle Einzelheiten hindurch und zeigt, wie er immer deutlicher über seine Bestimmung von Gott belehrt und dazu erzogen wird, bis er in der Akeda, der Versuchung, den Sohn zu opfern, die absolute Religiosität erlangt uud also ein Vorbild für die Menschheit wird. Ich will nur den dieser ganzen Darlegung zu Grunde liegenden Gedanken hervorheben. Was ist der Endzweck unseres Lebens? fragt Hirsch, und antwortet: die Freiheit; Alles dient diesem einen Endzweck; Alles ist nur Mittel für denselben; Alles will uns in derselben üben, für dieselbe erziehen. Der Erzieher der Menschen ist Gott. Weder zum Genießen, noch zum Entbehren leben wir, sonst wäre uns nicht so Vieles geboten und so Vieles versagt. Weder glücklich zu sein, noch unglücklich zu sein ist unsere Bestimmung, sondern in Glück und Unglück frei zu sein. Unser Leben ist die Schule, wo wir geübt werden, das Glück zu verdienen und zu gebrauchen, das Unglück zu ertragen und zu nützen, dieses wie jenes in Freiheit. Dies hat Abraham erkannt und durch die That bewährt und in seinem Hause fortgepslauzt. — Wir kommen zur Offenbarung Gottes in Israel, zur Nothwendigkeit der Wunder. Die Wunder sollen nicht den Glauben stützen; denn das wäre ein schlechter Glaube, der den Grund seiner Wahrheit nicht in sich

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